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Reise durchs Alatau-Gebirge: Lenins Chauffeur

"Canyoning" im Alatau-Gebirge mit 6000 PS im Rücken: Eine Abenteuerzugfahrt erste Reihe fußfrei mit dem Lokführer durch eine der gefährlichsten Eisenbahn-Schluchten der ehemaligen Sowjetunion.



Lokomotivführer Hassan mit recherchierendem Redakteur Micke
Picture by T. Micke

Wie gigantische Festungsmauern wachsen links und rechts der Gleise die Steilwände des Alatau in den Himmel. Im letzten Sonnenlicht fahren wir in die Schlucht ein, die sie "Boömskoe Ushchelie" nennen das "Schuhband", das den zweithöchsten schiffbaren Gebirgssee der Welt (nach dem Titikaka-See in Peru), den Issyk-Köl in Kirgistan mit Bishkek, der Hauptstadt des Landes verbindet.

Kirgistan, so groß wie Österreich und Ungarn zusammen, war zu Sowjet-Zeiten für Ausländer weitgehend tabu. Uran und Gold wurde hier abgebaut, und im 700 Meter tiefen Issyk-Köl führten die Russen top-secret Torpedo-Tests durch. Heute hofft man auf die Touristen. Denn im Bereich Trekking und Canyoning ist das Gebirgsland mit den 5000-Meter-Riesen der Tien-Shan-Gruppe und unzähligen Gletschern noch ein Geheimtipp. Einzigartig, wie auch die Chance, die sich mir als Technik-Fan bot, für ein Trinkgeld an Bord einer legendären russischen 2TE10V-Doppellokomotive mitzufahren...

Neben den Schienen donnert der Fluss Chuy zu Tal, so ohrenbetäubend, dass man ihn trotz des dröhnenden 10-Zylinder-Ungetüms der 30 Jahre alten Sowjet-Zugmaschine noch im Führerstand hören kann. So ohrenbetäubend aber auch, dass die Kinder, die kurz vor Einbruch der Dunkelheit vom Waschen und Spielen am Fluss zurück in ihre Dörfer laufen, oft den seltenen Zug und sein gellendes Warnsignal nicht hören.

Lok 2TE10V Diesel mit 2 x 3000 PS
Picture by T. Micke

Manchmal werden die Schienen der Schuhband-Schlucht dann zur Todesfalle. Und auch ein Lokführer wie Hassan mit der Routine von 27 Dienstjahren kann dann nicht mehr tun, als über Funk die Rettung zu verständigen. Oder gleich den Bestatter.

Auf Schrittgeschwindigkeit bremst Hassan deshalb den mehr als 600 Tonnen schweren Zug herunter, in dessen Speisewagen jetzt ahnungslos Touristen zu Abend essen. Er pfeift nach seinem jungen Maschinisten Illias, der hinten an einem Kühlerproblem der 2 x 3000 PS starken Doppellok schraubt. Gemeinsam suchen sie das Gebüsch entlang der Trasse nach Kindern ab, um noch rechtzeitig die Notbremse ziehen oder ein lebensrettendes Zugsignal geben zu können.

Und wirklich: Keine zehn Sekunden, nachdem Hassan wieder einen ohrenbetäubenden Warnpfiff durch die Schlucht gellen lässt, huschen zwei Mädchen, lachend und durch ihr Gespräch abgelenkt, über die Schienen. Beim Anblick der riesigen grünen Lok erschrecken sie fürchterlich und springen im letzten Moment auf die andere Seite, noch bevor Hassan die Bremse betätigen kann.

"Djermo!" Hassan flucht auf Russisch und deutet auf die grauen Haare an seiner Schläfe. Drei Kinder sind dem zweifachen Familienvater schon im Laufe der Jahre unter die Räder gekommen. Die unzähligen toten Kühe, Schafe und Ziegen zählt er schon gar nicht mehr.

Lokführer Hassan im Cockpit seiner 2TE10V
Picture by T. Micke

Die Schuhband-Schlucht ist gefährlich, nicht nur wegen der unachtsamen Kinder: Wie von Kanonenkugeln zerschossen, klaffen gewaltige Löcher in der gut einen Meter dicken Schutzmauer, die die Geleise von der schmalen Straße durch den Canyon trennt. Erst vergangenen März, erzählt Hassan, ist ein Kollege von ihm hier tödlich verunglückt. Der war auf der für Züge stark abschüssigen Strecke zu schnell unterwegs, krachte mit seiner Gütergarnitur in einen herabgestürzten Felsen, der auf den Schienen lag, und landete mitsamt der Lok im Fluss.

Ein paar Trockenfische aus dem Issyk-Köl-See als Wegzehrung nach Bishkek
Picture by T. Micke

Hassan sehnt sich nach der Zeit zurück, als er im regelmäßigen Personenverkehr von Bishkek aus auf abgezäunten Strecken mit einer elektrischen "WL-80" nach Lugovoy in Kasachstan fahren durfte. Die Bezahlung war zwar schlechter damals, aber die Arbeit besser: "WL", erklärt er, "das steht für ,Wladimir Lenin'. Und mein Sohn erzählte in der Schule immer stolz: ,Mein Papa, der ist Lenins Chauffeur'."

Inzwischen ist es finster draußen, und Hassan hat sich wieder ein wenig entspannt. Er schenkt sich aus seinem selbstgebastelten Drahtspulen-Kocher eine Tasse Tee ein und bietet mir eine Flasche lauwarmes "Baltika" an. Bier aus St. Petersburg, das, wie er sagt, ganz hervorragend mit den kleinen getrockneten Fischen aus dem See schmeckt, von denen er einen ganzen Sack voll gekauft hat.

Schafe und Taktoren auf den Eisenbahnschienen sind in dieser gegend leider ganz normal
Picture by T. Micke

Wir rollen durch den kleinen Bahnhof des Dörfchens "Rotfront", in dem bis heute ein paar Wolga-Deutsche leben, die vor Stalin hierher geflüchtet sind. Illias führt mich durch den Maschinenraum, wo einer der beiden fast fünf Meter langen Zwei-Takt-Triebwerke neben tosendem Lärm eine ungeheure Hitze verbreitet. 1958 war dieser Motor mit 2208 Kilowatt Leistung der stärkste Eisenbahn-Dieselantrieb der Welt, erklärt er stolz. Mit schlafwandlerischer Sicherheit tänzelt der junge Maschinist im Halbdunkel um die heißen Rohre und Pumpen herum. Aber der schwankende Stahlboden ist vom Öl so glitschig, dass ich froh bin, ohne gröbere Verbrennungen wieder bei Hassan im Führerhaus anzukommen.

Gerade noch rechtzeitig, um im Scheinwerferlicht einen Traktor zu erkennen, den ein Bauer zu nah an den Schienen geparkt hat. Das folgende metallische Knirschen geht im Pfeifen das Zugsignals unter. Entsetzt schaue ich Hassan an. Aber der grinst nur und zuckt mit den Schultern. Der kleine Traktor hat der massiven 184-Tonnen-Lok bestenfalls ein paar Kratzer zugefügt: "Für Kinder bremse ich, aber nicht für den Traktor eines dummen Bauern..." Und als Hassan sieht, dass mich das nicht beruhigt, fügt er hinzu: "Für eine Notbremsung bei diesem Tempo braucht der Zug ungefähr 60 Meter bis er steht. Aus voller Fahrt sind es mehr als 500. Da hat man sowieso fast keine Chance."

Drei Stunden braucht der Zug für die 172 Kilometer vom Westufer des Issyk-Köl bis nach Bishkek und bewältigt dabei knapp 1000 Meter Gefälle. Auf die hundert Passagiere aus Deutschland und Österreich, die auf einer Rundreise auf den Spuren der alten Seidenstraße sind, wartet jetzt noch eine Folklore-Vorstellung im Nationaltheater der Stadt.

Und Hassan? Der freut sich, dass den Kindern in der Schlucht heute wieder nichts passiert ist und auf seine getrockneten Fische, die er bestimmt mit einer großen Flasche "Baltika" hinunterspülen wird.


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© Eine Reportage von T. Micke (14-03-04) – Kontakt