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Friedhofsbewohner: Leben wacht über den Tod

Wiens Zentralfriedhof ist Heimat für viele Tiere. Doch erst wenn der Mensch die Tore hinter sich schließt, zeigen sich die "guten Geister" zwischen Gruft und Gräbern



Verwachsene Idylle zwischen Leben und Ewigkeit auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs
Picture by T. Micke

Wie endlose Gewölbegänge einer riesigen Kathedrale erstrecken sich die Wege entlang der Gräber im Norden des Wiener Zentralfriedhofs: ein grüner Lauf-Teppich aus Gras, gesäumt von dunkelbraunen Säulenreihen aus Buchen, Kastanien und Eichen. Die Gewölbedecke ein buntes, raschelndes Fresko aus Licht und Schatten von Grün bis Rostrot, aus dem der Wind in kleinen Böen das Herbstlaub schüttelt. Hier auf dem alten israelitischen Friedhof deckt die Natur, wo man sie lässt, schon seit Jahrzehnten ihren grünen Mantel über teuren Marmor und behauenen Stein, streift im angrenzenden christlichen Teil den Engeln einen Schleier aus Efeu über und bekränzte vergangenen Sommer einen betenden Heiland mit einem Reif aus wild wachsenden Zaunwinden-Blüten.

Eine besondere Entdeckerfreude und Neugier mischen sich in diesen älteren Teilen der Anlage mit der Besinnlichkeit eines Friedhofs-Spaziergangs. Neugier, weil die Natur mit ihrer sorglos wuchernden Kraft trotz aller Grabpflege nicht Halt macht vor Grüften und Heiligenfiguren; aus dengoldenen Lettern des in Frieden ruhenden "Hofraths Schnarrer" mit Hilfe von drei arglos hereinragenden Eichenblättern "Hof...narr" kreiert oder einer Stein-Jungfrau den flehenden Blick gen Himmel mit einer Augenbinde aus wildem Wein verwehrt.

Bewegung und Veränderung, die Leben immer mit sich bringt, entziehen sich in der Erscheinungsform von Sträuchern, Ranken und Bäumen der Wahrnehmung des Friedhofbesuchers. Zu langsam verläuft das Wachsen der Pflanzen und verschmilzt mit Statuen und Grabtafeln für die Dauer des Spaziergangs zu einer schönen, aber weitgehend reglosen Kulisse.

Wo die Wiener ihren verstorbenen Liebsten auf drei Quadratkilometer Fläche an den Gleisen der Ostbahn seit 1863 eine eigene Stadt schufen, da ist aber auch Platz für anderes Leben. Leben, das zu flink oder einfach nur zu scheu ist, um von den meisten Besuchern wahrgenommen zu werden. Das den Friedhof zu seinem Wohnzimmer macht, wenn das Haupttor kurz vor Einbruch der Dunkelheit geschlossen wird. Bis nach Sonnenaufgang am nächsten Tag, wenn das Heer von Grabpflegern sein Tagwerk beginnt.

"Vorsicht, Bahnsteig eins...", tönt Chris Lohners Tonbandstimme vom nahe gelegenen Schnellbahnhof über die Friedhofsmauer, und wenige Sekunden später rattert die angekündigte Garnitur quietschend und knarzend vom Flughafen Schwechat kommend auf besagtem Gleis ein.

Grabesstille herrscht nicht gerade an diesem Abend vor Allerheiligen im Gruppenabschnitt 50 im Westen des Zentralfriedhofs. Aber wenn es gelingt, weitgehend geräuschlos zwischen Laub und Kastanienschalen über den schmalen gräsernen Pfad zu pirschen, dann fühlt man sich der Stille, die der Friedhof selbst ausstrahlt, zugehörig. Schnell verliert das Licht an Kraft, tauscht Rot und Grün in den Herbstblättern gegen ein und dasselbe Grau. Nur das Licht der vereinzelten Grabkerzen glüht unverändert rot die Nacht hindurch.

Eine herabfallende Walnuss weckt Hoffnung auf wenigstens ein Eichhörnchen in den Ästen. Vom Wind bewegte Blätter erzeugen zwischen zwei Grabsteinen einen falschen Hasen. Wo sind sie, die guten Geister des Zentralfriedhofs, von denen es doch schöne Beweisfotos gibt?

Auch Hasen und Kaninchen kann man auf dem Wiener Zentralfriedhof bei Einbruch der Dunkelheit beobachten
Picture by T. Micke

So nah am Straßenlärm kann man sich Hase und Fasan, geschweige denn ein Reh gar nicht vorstellen. Und dann fokussiert der suchende Blick zwischen den zahllosen Bäumen und Gräbern plötzlich ein schwarzes Auge, das hinter einer überwachsenen Grabtafel hervorschaut. Eine schwarze, glänzende Schnauze ist zu erkennen und ein großes spitzes Lauschohr. Ein Reh! Und daneben gleich noch ein zweites.

Keine 30 Sekunden dauert der Augenkontakt, dann springen die beiden Waldfeen lautlos und leichtfüßig zwischen den Gräbern davon. Und doch ist die Begegnung in dieser ungewöhnlichen Umgebung unvergesslich: Das Reh junges, freches, rastloses Leben und die Grabtafel zeitlos erhabener, endgültiger Tod so selbstverständlich in diesem Augenblick verbunden. Das hatte etwas unbeschreibbar Schönes, Beruhigendes, Tröstendes.

Vier Eichhörnchen zeigen sich noch, bevor der Mond aufgeht, außerdem zwei Fasanenpärchen und eine Maus, die unter dem Rand einer Grabplatte ihr Winterdepot eingerichtet hat. Kurz vor Sonnenaufgang genießt ein Feldhase auf dem Armenfriedhof in Gruppe 36 die ersten feurigen Schimmer in den Wolken. Marder sind in der Nacht in Gruppe 49 auf Beutezug gegangen und wilde Katzen am Rande von 7. Dort bekommen sie von Friedhofsbesuchern gelegentlich eine Schüssel Futter hingestellt. Dass auf dem Zentralfriedhof auch Waldohr-Eulen im Schutz der Dunkelheit nach ihrem Mitternachtsimbiss jagen, erkennt der Vogelprofi am "Gewölle", das im Bereich von Gruppe 130 unter bestimmten Bäumen zu finden ist.

Als die ersten Morgenbesucher mit Gießkannen, frischen Blumen und Kerzen ausgerüstet den Friedhof durch das eben geöffnete Tor 2 betreten, kommt noch einmal die Erinnerung an die beiden Rehe von gestern: Ein einzigartiges, ein wirklich erfrischendes Gefühl ist das, einmal einen Friedhof nicht auf der besinnlichen, aber meist traurigen Suche nach einem Verstorbenen zu betreten, sondern mit der Mission, dort zwischen Gräberreihen, trockenen Kränzen und verblühten Blumensträußen nach dem Leben Ausschau zu halten. Nach Hasen, Igeln, Rehen, Fasanen, und wilden Hamstern. Und nach einer Spinne, die zu einem verzierten, rostigen Kruzifix ihr ganz persönliches Kunstwerk hinzufügt.

Tobias Micke recherchierte eine Nacht lang auf dem Zentralfriedhof, um die Eindrücke zwischen Abenddämmerung und Tagesanbruch einzufangen.


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© Eine Reportage von T. Micke – Kontakt