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Meteorologie: Mit Wetter lässt sich auch abkassieren

Wetterfrösche zu verkaufen ist eine Möglichkeit, an Regen und Sonne zu verdienen. Noch besser ist, mit Hightech "Insider-Wetterberichte" für zahlende Spezialkunden zu erstellen. Ein Lokalaugenschein auf der Hohen Warte in Wien.



Landschaftsidylle wird im Wettercomputer in London in mathematische Daten umgewandelt
Picture by T. Micke

Sechsmal am Tag, 365 Tage im Jahr, pünktlich alle drei Stunden geht Gertrude Pfeiffer bei jedem Wetter vor die Tür, um den Himmel über ihrem Bauernhof am Tarschenberg bei Lilienfeld (NÖ) kritisch zu betrachten. Sie sieht sich die Wolkenformationen genau an, prüft die Fernsicht und schaut unter anderem, ob das Gras feucht oder trocken ist. All das wird über ein eigenes Terminal, das die "Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik" zur Verfügung stellt, eingegeben und an die Wiener Hohe Warte übermittelt.

Gertrude Pfeiffer ist eine von etwa 70 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die auch im Computerzeitalter noch neben den 138 in ganz Österreich verteilten Messstationen wichtig sind, um genaue Wetterprognosen zu erstellen. Außerdem meldet die Landwirtin, wenn bei ihr auf der Weide in 680 Meter Höhe die erste Biene im Frühjahr zu sehen ist, der erste Schmetterling über die Wiese flattert und wann der Bergahorn austreibt. Diese Informationen gehen allerdings per Post in die Wetterzentrale und spielen bei der täglichen Prognose keine Rolle.

In den Hochleistungscomputern in Reading bei London, die die Hohe Warte mitbenützt, verlieren diese Beobachtungen allerdings sehr schnell jede Idylle. Dort ist geballte Rechen-Power gefragt "im Kampf mit dem Chaos", wie Dr. Herbert Gmoser, Leiter des Wetterdienstes, es formuliert: "Je mehr, desto besser."

Komplizierte mathematische Algorithmen werden mit einer Unzahl von Messwerten aus ganz Europa gefüttert, damit am Ende nicht nur die Bundesländer-Vorhersagen für morgen und übermorgen herauskommen, sondern noch viel mehr.

Im Kommandoraum der Zentralanstalt hat gerade Mag. Thomas Krennert Dienst an der Wetter-Hotline (0900/530-111; max. 2,16 Euro/min), wo er Herrn und Frau Österreicher ihre Regenängste nimmt: Ein Familienfest ist am Samstag geplant. Die Kinder sollen im Freien spielen können. "Wo im Mühlviertel ist die Wahrscheinlichkeit, dabei nass zu werden, am geringsten?" Und: "Hochzeit am Sonntag. Sollen wir draußen oder drinnen aufdecken?", will ein Gastwirt in Kufstein wissen.

Spezial-Wetterberichte auf Abruf bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik
Picture by T. Micke

Besonders wichtig ist das Wetter der nächsten Stunden für die Landwirte. Die erste Mahd steht an, und für eine ordentliche "Grünsilage" darf das Gras weder zu trocken noch zu feucht sein. Noch entscheidender ist das richtige Timing, wenn später im Jahr die Ernte eingebracht werden soll: Wie hoch ist heute die Verdunstung über Roggen, Hafer oder Mais? Krennert und seine Kollegen können ziemlich genau vorhersagen, wie das Wetter der nächsten zwei Stunden z.B. in Saalfelden wird, und jonglieren dann ausnahmsweise nicht mit Prozent-Wahrscheinlichkeiten für Niederschläge herum, sondern geben eine auch für Klima-Laien verständliche Einschätzung ab.

Eindrucksvoll ist ein Projekt, das vor allem in den USA schon mit viel Aufwand betrieben wird und langsam auch in Österreich auf Interesse stößt. Dr. Gmoser: "Wir entwickeln seit kurzem so genannte Trendanalysen für den kommenden Sommer und den nächsten Winter, die für Energieversorger und Rückversicherungen von Bedeutung sind." Langzeitprognosen, die scheinbar an Hellseherei grenzen: Weiß man zum Beispiel im Vorhinein, dass die kalte Jahreszeit voraussichtlich heuer früher einsetzt und etwas frostiger ausfällt, dann kann man die Ölreserven erhöhen oder eine Versicherung gegen Ausfälle und Energieknappheit abschließen. Umgekehrt können Lagerkosten gespart werden oder extrem hohe Ölpreise (wie derzeit) ausgetrickst werden. Informationen über die Zukunft, für die große Firmen durchaus bereit sind zu zahlen. So wird aus dem Meteorologen plötzlich ein Zukunftsforscher mit Insider-Wissen.

Dr. Gmoser lacht: "Ja ja, man sollte es kaum für möglich halten, aber auch mit Wetter kann man Geld machen!"


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© Eine Reportage von T. Micke (16-05-04) – Kontakt