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Steirischer Aussteiger am Kap des Guten Weines

Ausgerechnet ein Niederösterreicher ist unter den Top-Winzern Südafrikas einer der größten Aufsteiger des Jahres. Daheim sind seine Weine noch ein Geheimtipp.



Österreichischer Winzer Paul Kretzel auf seinem Weingut Lammershoek in Südafrika
Picture by T. Micke

"Wohl, Skifahren kann man schon hier unten", sinniert Paul Kretzel und blickt über seine Weingärten, die jetzt, im südafrikanischen Frühling, zu sprießen beginnen, nach Süden in Richtung Kap der Guten Hoffnung. "In 3000 bis 4000 Meter Höhe in den Drakensbergen. Aber das macht längst nicht so viel Spaß wie daheim."

Auch deshalb macht der 52-jährige Aussteiger mindestens einmal im Jahr die lange Reise in die Heimat nach St. Aegyd am Neuwalde. Seinen beiden Töchtern Paula und Karla das schöne Österreich zeigen, Freunde besuchen, Mariazeller Magenlikör einkaufen, den seine italienische Frau so gern hat und auch 80-prozentigen Rum für den Kuchen "the Spirit of Austria", wie Kretzels südafrikanische Freunde scherzhaft sagen.

"Außerdem fehlt mir hier unten die österreichische Gemütlichkeit und die Wirtshauskultur", seufzt er. Die lässt sich leider nicht so einfach exportieren wie österreichisches Bier. Auch wenn es in Kapstadt durchaus einige Auslandsösterreicher gibt, ist das kein Ersatz. Die werden nämlich fern der Heimat den Deutschen sehr ähnlich: Fleißiger und pflichtbewusster, und dann bleibt auch irgendwann die gute alte Lebensqualität auf der Strecke."

Winzer Paul Kretzel erklärt, wie in Südafrika Wein geerntet wird
Picture by T. Micke

Für die Lebensqualität hat Paul Kretzel, der in der HTL Rosensteingasse in Wien zur Schule ging und schon mit 20 Jahren zum ersten Mal in Südafrika mit einem Freund herumreiste, bis ihm das Geld ausging, seine Karriere in der Lack- und Farbenindustrie an den Nagel gehängt. Zuletzt lenkte er als Generaldirektor in Johannesburg 3500 Mitarbeiter. Von dem Geld erfüllte er sich seinen Traum und kaufte die 200 Hektar große Farm "Lammershoek" im Swartland. Eine kleine Region nördlich von Kapstadt, wo früher Brandy hergestellt wurde und die unter Kennern südafrikanischen Weins erst seit ein paar Jahren ein wissendes Kopfnicken auslöst. Neben Wein-Stars wie Eben Sadie ist das nicht zuletzt Kretzels Verdienst, der die vorhandenen alten Reben einfach herausriss und alles auf dem verwitterten Sandstein-Boden neu aufbaute. Sommelier-Magazine schwärmen heute von den "würzigen und vollmundigen" Swartland-Weinen als Geheimtipp, "deren besondere Stärke in der Einmaligkeit der Aromen liegt".

Dabei läuft Winzer sein am Kap der Guten Hoffnung doch ein bisschen anders ab als in Österreich. Kretzel: "In sehr trockenen Jahren wie heuer führt der Fluss kein Wasser, und dann werden die Kobras unangenehm, durch die ich schon zwei Hunde meiner verloren habe. Meine 30 ständigen Mitarbeiter leben mit ihren Familien in Häusern hier auf dem Grund. Ich bin für sie nicht nur Arbeitgeber, sondern gleichzeitig auch Bank, Krankenschwester und Lebensmittelladen, weil die meisten von ihnen kein Auto haben. Das allein ist schon fast ein Ganztagsjob."

Idyllisches Weingut Lammershoek im Süden Afrikas
Picture by T. Micke

Shiraz, Carignan, Grenache und ein Hauch Viognier sind die hierzulande eher exotischen Reb-Sorten, aus denen der Steirer zum Beispiel seine Roulette-Cuvee in südfranzösischem Stil kreiert. Bei der letzten großen nationalen Weinverkostung heimste er damit bei starker Konkurrenz unter 300 "Roten" eine der zehn insgesamt vergebenen Goldmedaillen ein.

Während Kretzels fassgelagerte Weine in Deutschlands Spitzenrestaurants wie der "Traube in Tonbach" im Schwarzwald längst auf der erlesenen Weinkarte stehen, ist der "österreichische Wein aus dem Süden Afrikas" bei uns fast völlig unbekannt. "Die großen Firmen dominieren den Markt, und ich suche schon lange jemanden, der für mich daheim in Österreich den Vertrieb (Online-Bestellung) machen würde", seufzt der Steirer. "Aber irgendwann wird es schon klappen. Vielleicht will ja eine meiner beiden Töchter nach Österreich auswandern und eine Filiale eröffnen."


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© Eine Reportage von T. Micke (05-12-04) – Kontakt