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Das Voynich-Manuskript: Ein Aprilscherz aus dem Mittelalter?

Ein 260 Seiten starkes Buch mit einer nicht zu knackenden Geheimschrift und Zeichnungen aus einer unbekannten Welt. Bis heute beißen sich Forscher an diesem Rätselband aus dem finsteren Mittelalter die Zähne aus. Erstmals wurde es aber immerhin zeitlich datiert!



Ein Detail aus dem Voynich-Manuskript: Geheimschrift und rätselhafte Pflanzen
Picture by Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University

Die NASA veröffentlicht auf ihrer Internet-Seite das "Astronomie-Foto des Tages". Normalerweise sind dort eindrucksvolle Aufnahmen ferner Galaxien zu sehen sowie exotische Bilder von der Marsoberfläche oder Schwarzen Löchern. Letztens war das erwählte Bild noch einen Tick exotischer als sonst: eine handgezeichnete Sternenkarte auf vergilbtem Pergament mit einer ausführlichen Beschriftung. Nur: Die Schrift ist bis heute unentziffert und die Karte zeigt Konstellationen, die kein NASA-Experte zuordnen kann.

Das Blatt stammt aus einem Manuskript, das der polnischstämmige Buchhändler Wilfried Voynich 1912 geldbedürftigen Jesuitenpatern in Frascati (Italien) mit dem Inhalt einer Truhe abkaufte. Seither wird versucht, Text und Abbildungen einen Sinn zu entlocken. Bestseller-Autor Dan Brown lässt es in seinem neuesten Reisser "Das verlorene Symbol" eine Rolle spielen. Es kommt im Computerspiel "Baphomets Fluch" vor. Und Steven Spielberg baute das Voynich-Manuskript, das in einem Archiv der Yale University im Amerika aufbewahrt wird, sogar in seinem Indiana-Jones-Streifen "Der Stein der Weisen" als Hinweisgeber zum Quell ewigen Lebens ein.

Nackte, badende Frauen kommen im Voynich-Manuskript öfter vor.Auch Sie sind ein Rätsel, könnten aber die Monate des Jahres darstellen
Picture by Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University

Was man wirklich über das seltsame Bilderbuch weiß: Es gehörte einmal dem mystisch angehauchten Habsburger-Kaiser Rudolph II. (1552 – 1612), der seine Residenz von Wien nach Prag verlegen ließ. In einem Brief von 1666 ist belegt, dass Rudolph II. es um 600 Golddukaten kaufte – ein Vermögen zu der Zeit. Rudolph forschte selbst und pflegte rege Kontakte zu Alchimisten und anderen "Zauberwissenschaftern".

Im Buch sind neben besagten Sternenkarten und Geheimtexten, die je nach Auslegung 20 bis 36 verschiedene Symbole enthalten, exotische (und bis heute nicht identifizierbare) Pflanzen und Zeichnungen nackter Frauen abgebildet, die von manchen Forschern aufgrund ihrer Anzahl und ihrer Verteilung im Buch als Symbole für die Tage eines Monats gedeutet werden.

Als eigentlichen Verfasser vermutet man aufgrund diverser Hinweise den Franziskaner-Mönch Roger Bacon (1214 – 1294), der sehr früh kritische wissenschaftliche Forschung betrieb, dafür jahrelang eingekerkert wurde und daraufhin viel von dem, was er tat, geheimhielt. In einem Brief schrieb er: "Derjenige muss verrückt sein, der ein Geheimnis anders festhält, als dass es für jedermann verborgen bleibt und auch vom Mann der Wissenschaft und aufrichtigen Schülern nur mit großer Anstrengung entziffert werden kann."

Diese eigenwillige Sternenkarte im Voynich Manuskript beschäftigte sogar die NASA
Picture by Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University

Hat Bacon dieses Manuskript geschrieben und darin revolutionäre Erkenntnisse versteckt, so ist ihm das vollends gelungen. Die Verschlüsselung von Text (und Bildern) ist so perfekt, dass viele Experten darin schon einen aufwändigen mittelalterlichen Aprilscherz wittern, da selbst Hochleistungsdechiffriercomputer daran scheitern. Was fehlt, ist ein Schlüssel wie der berühmte Stein von Rosette, mit dessen Hilfe es erst 1822 gelungen ist, die verloren gegangene Bedeutung ägyptischer Hieroglyphen zu entziffern. Aber so ein Schlüssel könnte noch gefunden werden, denn jemand hat zu einem unbekannten Zeitpunkt in der bewegten Geschichte des Manuskripts einige Seiten aus dem Buch herausgeschnitten. Diese könnten möglicherweise Hinweise liefern, wenn sie je gefunden werden.

Das gesamte eigenartige Manuskript kann auf der Website der "Beinecke Rare Book Library der Universität von Yale (USA) auch im Detail eingesehen werden ("Voynich" eingeben, Suche beginnen und danach auf den Buchdeckel klicken).

Aktuelle Neuigkeiten! Im Herbst 2009 gelang es im Rahmen des Drehs einer Universum-Sendung rund um das sagenumwobene Buch, der Beinecke-Library eine C14-Datierung des Pergaments abzuringen, da erstmals die Zusage gemacht werden konnte, dass von dem kostbaren alten Material bei der Untersuchung nichts zerstört werden muss. Demnach soll das Manuskript laut Kevin Repp von Beinecke "mit 99-prozentiger Sicherheit zwischen 1404 und 1438 entstanden sein". Stimmt die Datierung – wovon man nach bisherigen Erfahrungen mit C14 ausgehen kann – dann kommt Bacon nicht als Urheber infrage. Es bleibt also weiter spannend. Stammt das Buch (wegen der detailgetreuen Abbildung einer mitteleuropäischen Burg mit Schwalbenschwanz-Zinnen) aus dem Alpenraum? Stammt es wegen der Abbildung einer Sonnenblume (die zu dieser Zeit in Europa noch nicht existierte) doch von einem späteren Zeitpunkt nach der Entdeckung Amerikas (also nach 1492)? Jede Annäherung an die Lösung – das wissen Wissenschaftler seit Langem – wirft immer neue Fragen auf...

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© Eine Reportage von T. Micke (25-03-07) – Kontakt