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Kuckuchskinder & Co.: Vater werden ist nicht schwer...

Jedes 10. Baby bei uns ist angeblich ein Kuckuckskind. Ein DNA-Test schafft Klarheit, aber auch Chaos und Leid in der Familie. Wie ein Segen der Medizin zum Fluch wird.



Vater werden ist nicht schwer. Vater sein dagegen sehr...
Picture by T. Micke

Wirklich sicher war sich der werdende Vater ja nie. Doch dann ging alles so schnell, mit der Hochzeit und so. Aber die echten Zweifel kamen, als der hübsche braunäugige Bub in der Pubertät mit 14 derartig in die Höhe schoss und mit 17 schließlich eine starke, dunkle Körperbehaarung hatte. Ganz der Papa? Nein, der ist blond, blauäugig und eher kurz geraten, Haare hat er bestenfalls zwei oder drei auf der Brust. Und in Mamas Familie sieht eigentlich auch keiner so italienisch aus. Schließlich, am 18. Geburtstag des Buben, machte die Tante nach dem vierten Gläschen Wein einen schlechten Scherz über die nicht vorhandene Ähnlichkeit, über den die Mutter etwas zu laut lachte. Das reichte...

Im Internet findet ein misstrauischer Vater heutzutage in Sekunden alles, um sich Klarheit zu verschaffen, ob statt dem Storch nicht doch der Kuckuck in Gestalt des Ex-Freundes seiner Frau durchs Haus geflogen ist und ihm ein fremdes Ei ins Nest gelegt hat. Jedes 10. Neugeborene ist in Deutschland nach Schätzungen angeblich ein solches Kuckuckskind. Da wird es bei uns in Österreich nicht viel anders sein. Und selbst wenn es nur jedes 20. ist, genügt das, um Zehntausende Väter ins Grübeln zu bringen und dann zur Wahrheitssuche zu verleiten.

Denn wir leben nicht mehr im alten Rom, wo die Mutter mit etwas Geschick einen folgenreichen Seitensprung zur nicht beweisbaren kleinen Lebenslüge schrumpfen konnte: Moralisch nicht in Ordnung, aber dafür zum Wohl des Kindes und der Familie. Heute reicht ein Gang in die nächste Drogerie, wo zwischen Deo-Spray und Kondomen der Vaterschaftstest einer Grazer Firma um 15 Euro aufliegt. Genauer gesagt das Start-Paket mit Watte-Tupfern für die Speichelprobe, versiegelbarem Kuvert und einer Betriebsanleitung im Falle des Erfolges zum garantierten Zerstören der Familie.

Mit DNA-Tests lässt es sich schnell reich werden
Picture by T. Micke

Auf der Internet-Seite des Unternehmens erfährt man, wie wunderbar diskret alles abläuft: Kuvert mit Proben einfach einsenden. 550 Euro kostet die DNA-Analyse "durch erfahrene Wissenschaftler". Das Ergebnis wird nach sieben Tagen per Post, per E-Mail oder per Telefon (bitte ankreuzen) verlautbart. Und bezahlt werden kann wahlweise mit Erlagschein, Kreditkarte oder gleich online. In dringenden Fällen liegt das Ergebnis auch schon in drei Tagen vor. Die Preise verstehen sich "inklusive Versandkosten"...

Die Leiterin der Wiener Gerichtsmedizin, Dr. Christina Stein verwundert solche Dreistigkeit nur wenig: "Mit diesen DNA-Tests, die zwischen 400 und 1000 Euro angeboten werden, lässt es sich unglaublich schnell reich werden. Jeder, der ca. 200.000 Euro Startkapital für die Analyse-Geräte auftreibt, kann so ein Labor aufmachen. Da gibt es in Österreich kein Gesetz, das das verbietet oder einschränkt. Im Auftrag des Gerichts führen wir in unserem Labor auch solche Vaterschaftstests durch, wenn der zweifelnde Vater eine offizielle Klage einbringt. Aber es können auch Privatpersonen zu uns kommen. Jedoch nur, wenn Vater und Mutter mit dem Test einverstanden sind. Wenn ein Vater heimlich mit dem Schnuller seines Buben bei uns auftaucht, dann kann er gleich wieder gehen. Denn das ist link. Selbst wenn der Mann vielleicht betrogen wurde und jahrelang grundlos Alimente zahlt und das unbedingt aufgeklärt gehört, muss auch die sorgeberechtigte Mutter bei einem minderjährigen Kind mit einbezogen werden. Aber das ist meine persönliche Ansicht. Das Gesetz kennt in Österreich noch keine klare Regelung."

Dr. Martin Gencik im Gen-Labor
Picture by T. Micke

"Der Wahnsinn ist für mich, dass da jeder Glücksritter ohne Beschränkung durch den Gesetzgeber das Erbgut anderer Menschen in die Finger bekommt", meint dazu der Humangenetiker Dr. Martin Gencik, der eine Beratungsstelle für genetisch vererbbare Krankheiten betreibt und auch selbst Vaterschaftstests durchführt. "Wir wissen so wenig über diese geheimnisvolle DNA, die wie eine winzige Bio-Datenbank alle Informationen für ein komplettes Lebewesen enthält. Immerhin, wir können bei uns im Labor feststellen, ob Krankheiten wie Muskelschwund, Schwerhörigkeit und viele Formen geistiger Behinderung, die bei einem Familienmitglied aufgetreten sind, auch bei der nächsten Generation vorkommen können. Aber dieser tolle Erfolg, der vielen Ehepaaren, die mit Kinderwunsch zu uns kommen, Klarheit verschafft, ist erst der Anfang. Deshalb sollte man DNA-Labors unbedingt kontrollieren."

Jeder kennt mittlerweile "DNA-Analysen" von der Klärung schwieriger Mordfälle oder durch die Identifikation der Tsunami-Opfer: Eine Zahnbürste, ein Tropfen Blut oder Hautschuppen (wie im Fall Rudolph Moshammer) genügt.

Dr. Martin Gencik
Picture by T. Micke

Aber was so klingt, als wären die Forscher und Kriminaltechniker längst "Herr der Gene", ist in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein "Memory"-Spiel mit teuren Labor-Geräten: Ohne wissen zu müssen, was ein bestimmter Abschnitt der DNA-Kette überhaupt kann oder wozu er gut ist, werden in ausgesuchten Teilstücken der DNAs zweier verschiedener Proben einfach nur die Wiederholungen der vier Bausteine verglichen und gezählt und vom Computer in eine Zahlenkombination umwandelt. Weicht die Abfolge der Zahlen trotz mehrfacher Stichproben nicht ab, handelt es sich"mit großer Sicherheit um denselben Menschen. Kommissar DNA hat einen Treffer gelandet.

Trotz dieser oft erdrückenden Beweislast ist das Ergebnis nicht 100-prozentig. Und wenn der Täter in einer Stadt wie Wien mit 1,8 Millionen Einwohnern per DNA-Analyse gesucht wird, kommen selbst bei einer Wahrscheinlichkeit von 99,999 Prozent theoretisch noch immer 18 Menschen in Frage.

Glück haben die Ermittler, wenn der in die Enge getriebene Übeltäter sein Vergehen dann zugibt und damit alle Fragen löst. Aber wenn Kommissar DNA in einem Vaterschaftsdrama Regie führt, fangen mit dem Entdecken der Wahrheit die Fragen erst an. Selbst wenn dann die "bedingungslose Liebe" des Paars wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt, bleibt die Verantwortung des "sozialen Vaters". Auch ein DNA-Test kann die jahrelange Beziehung zum Kind nicht ungeschehen machen kann.


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© Eine Reportage von T. Micke (13-02-05) – Kontakt