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Brüchiger Sarkophag als Schutzhülle: Tschernobyl II

15 Jahre nach dem Supergau droht Reaktorblock 4 auseinander zu brechen. Ein Interview mit Valentin Kupny, dem Hüter des Sarkophags. Erst 2010 bekommt die Strahlenruine den neuen Schutzpanzer.



Der explodierte Reaktorblock wurde mit einem Schutzbunker, dem sogenannten Sarkophag versehen.
Picture by Petr Pavlicek/IAEA

Auf den Tag 15 Jahre ist es her, dass in Reaktorblock 4 des damals noch sowjetischen "Lenin"-Kraftwerks bei Tschernobyl eine atomare Kettenreaktion die fast 1000 Tonnen schwere Betondecke mit zwei gewaltigen Explosionen sprengte. Strahlender Staub wurde 1,5 Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert und vom Wind über Tausende Kilometer bis nach Mitteleuropa getragen. Zigtausende Menschen starben an den direkten Folgen, Hunderttausende erkrankten schwer. Tausende Kinder wurden in den Jahren danach verkrüppelt und missgebildet geboren. Die Welt erlebte die Folgen eines Supergaus, der schlimmste denkbare Unglücksfall in der Geschichte der einst als so "sicher", "sauber" und "segensreich" gepriesenen Atomenergie.

Heute denken bei uns die wenigsten noch an die angstvollen Stunden von damals, als man hilflos während der Abendnachrichten um günstigen Wind betete, in der Apotheke Jod-Tabletten hamsterte und die Frischmilch rationiert wurde. Auch Schwammerl werden schon längst wieder im Wald gesammelt.

Die Halbwertszeit des menschlichen Gedächtnisses ist eben verdammt kurz, die von Plutonium-239 beträgt 241.000 Jahre.

Valentin Kupny hütet die atomere Grabkammer des Katastrophenkraftwerks von Tschernobyl. Er kennt die wirkliche Gefahr die von dem zerstörten Reaktorblock ausgeht
Picture by Valentin Kupny

"Der Sarkophag von Tschernobyl", vergleicht Valentin Kupny (64), oberster Hüter der "atomaren Grabkammer" an der Grenze zu Weißrussland, "wird den Menschen leider weit länger erhalten bleiben als die Pyramiden von Gizeh." Und dann fügt der dreifache Urgroßvater nachdenklich hinzu: "Wer weiß, vielleicht überlebt er uns sogar."

Valentin Kupny ist wegen seiner, für ukrainische Verhältnisse, ungewöhnlich offenen und direkten Worte in den vergangenen Jahren immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Zuletzt hieß es sogar, man habe ihn gefeuert. Inzwischen sitzt er aber wieder, allen Attacken zum Trotz in seinem Büro des "Chernobyl Shelter Project".

Immer wieder beschwor Kupny Geld- und Auftraggeber, der Iöchrige Betonmantel über der Strahlenruine könne jederzeit bei einem schweren Sturm oder einem Erdbeben einstürzen und ein neuerliches Inferno verursachen.

"Jederzeit oder auch gar nicht, war die höhnische Antwort", schildert der ukrainische Journalist Vladimir Kostenko: "Und man attackierte stattdessen seine Arbeitsmethoden. Zeitraubende Machtspielchen um den Kraftwerks-Thron, schließlich arbeiten allein unter Valentin Kupny inzwischen mehr als 800 Mitarbeiter, und es geht um sehr viel Geld."

Skizze des Tschernobyl-Sarkophags wie er über den zerstörten Reaktorblock geschoben werden soll
Picture by T. Micke

Aber Kupny lässt sich auch jetzt keinen Maulkorb umhängen: "Die größte Gefahr geht derzeit vom Südteil des Sarkophags aus. Die Wahrscheinlichkeit eines Einsturzes dort ist eine Million mal höher als bei intakten Gebäuden. In einem solchen Unglücksfall stürzt dort die Decke ein, reißt ein riesiges Loch von 1500 m2 auf, und hochradioaktiver Staub tritt aus."

"Die Folge wäre akute Gefahr für die 9000 Kraftwerksmitarbeiter", formuliert Kupny deutlich vorsichtiger. "Außerdem Panik in der Millionenstadt Kiew und eine psychologische Katastrophe, von der die ganze Welt betroffen ist. Niemand kann sagen, ob dieser Bereich morgen einstürzt. Aber keiner kann behaupten, dass er noch zehn weitere Jahre hält."

Auch wenn an der ständig bröckelnden Struktur in den kommenden Monaten die notdürftigsten Reparaturen unter Bedingungen wie damals, in der Strahlenhölle von 1986, in 10-Minuten-Schichten durchgeführt werden sollen, wird die tägliche Angst vor einem "Tschernobyl II" weitere fünf Jahre bestehen. Dann erst kann der neue Sarkophag, eine 15.000 Tonnen schwere Stahlhülle (siehe Graphik) auf Spezial-Schienen über Reaktorblock 4 geschoben werden. lan Harry, technischer Manager des "Chernobyl Shelter Fonds": "Die Glashausähnliche Konstruktion wird gut 100 Meter vom Reaktorblock entfernt gebaut werden, damit die Strahlenbelastung für die Arbeiter möglichst gering bleibt. Statt mit Glas wird das Ganze dann mit Stahlplatten verkleidet und wie ein Waggon über den alten Sarkophag gerollt. Die verbleibende letzte Wand wird schließlich vor Ort montiert. Der Zweck dieser 'Schutzglocke' ist hauptsächlich, Wind und Regen vom löchrigen Betonmantel fern zu halten und m Falle eines Einsturzes im Inneren, die Verbreitung von strahlendem Staub zu stoppen."

Vince Novak, Fondsdirektor der Osteuropabank, betreut nicht nur den 716 Millionen Dollar schweren Tschernobyl-Fonds, zu dem auch Osterreich neben 27 anderen Ländern seinen Beitrag geleistet hat, sondern verwaltet auch die Spendengelder, die für die entgültige Schließung von Bohunice benötigt werden: "Die gute Nachricht ist, dass wir für Tschernobyl endlich genug Geld haben, um mit Vollgas an die Arbeit zu gehen." Und die schlechte Nachricht? "Wir werden schneller vorankommen, als bisher geplant, aber bis 2011 wird es wohl dauern, bis Block 4 sicher und stabil ist."

Das einzigartige Bauprojekt wird in den kommenden Monaten international ausgeschrieben werden. Wer den Zuschlag bekommt, geht in die Geschichte ein, wenn man Valentin Kupnys Worten glaubt: Die atomare Grabkammer am Dnjepr-Fluss wird länger stehen als die Pyramiden der ägyptischen Gottkönige. Und auch sie wird auf ihre Weise ein Denkmal für den Größenwahn des Menschen sein.


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© Eine Reportage von T. Micke (26-04-01) – Kontakt