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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Die Atom-Druckkochtöpfe von Bohunice

Fast jeder zehnte Reaktor der Welt ist ein WWER-440-Modell. Dieser Typ wurde in der Sowjetunion seit 1964 entwickelt und gebaut.



WWER-440: Die Druckkochtöpfe von Bohunice
Picture by T. Micke

Elektrische Netto-Gesamtleistung 1568 Megawatt – das sind die vier Atomstromfabriken von Bohunice in Zahlen. Zum Vergleich: 925 Megawatt leistete der Tschernobyl-Reaktor bevor er explodierte. Auch die vier verhältnismäßig kleinen Blöcke in der Westslowakei sind sowjetische Arbeit. Die Bauart ist aber – im Gegensatz zu weitverbreiteten Behauptungen – nicht die gleiche wie in Tschernobyl. Wie funktionieren diese Reaktoren wirklich?

WWER-440 wird der Reaktortyp von Bohunice genannt, der außer in der Tschechoslowakei, in mehrfacher Ausführung auch in Bulgarien, in der ehemaligen DDR, in Finnland, in Polen, in Rumänien, in Ungarn und in der UdSSR steht. Fast jeder zehnte Reaktor auf der Welt zählt zu dieser Baureihe, die ab 1964 in der Sowjetunion entwickelt wurde. In einem Kernreaktor finden vom Menschen gesteuerte Kettenreaktionen statt. Ein Uran-Atom wird mit einem kleinen, nicht elektrisch geladenen Teilchen – einem Neutron – beschossen. Das Atom zerbricht. Es entstehen daraus zwei kleinere Atome und zwei bis drei Neutronen. Außerdem wird Kernenergie und Strahlung frei.

Die zwei oder drei Neutronen, die durch diese Spaltung weggeschleudert wurden, suchen sich weitere Uran-Atome, um auch diese zu teilen. Auf diese Weise spalten immer mehr Neutronen immer mehr Uran-Atome. Dadurch wird auch immer mehr Energie frei. So funktioniert – im wesentlichen – die Atombombe: Eine unkontrollierte Kettenreaktion, die zur Explosion führt.

Damit es in einem Kernkraftwerk nicht zu dieser Explosion kommt, darf jede Spaltung nur wieder genau eine Spaltung herbeiführen. Von jedem Uran-Atom darf also nur ein Neutron freigesetzt werden. Alle anderen Neutronen werden "eingefangen".

Das "Einfangen" erledigen sogenannte Regelstäbe aus Bor oder Cadmium. Diese beiden Stoffe haben die Eigenschaft Neutronen zu absorbieren. Je weiter man die Regelstäbe in den Reaktorkern schiebt, desto weniger Uran-Atome können gespalten werden und desto weniger Energie wird frei. Man kann die Kernspaltung auf diese Weise genau steuern.

Wären in Tschernobyl nicht zu viele dieser Regelstäbe durch einen Irrtum aus dem Reaktorkern gezogen worden, dann wäre es nicht zu der Katastrophe gekommen.

Aber nicht nur die Anzahl der freiwerdenden Neutronen muss kontrolliert werden, auch die Geschwindigkeit, mit der sie auf die Uran-Atome auftreffen. Denn wenn das zu schnell geschieht, dann verschlechtert sich die Energieausbeute. Um die Neutronen abzubremsen (zu "moderieren") wird in der Regel (wie in Bohunice) Wasser verwendet, manchmal auch Graphit (wie in Tschernobyl).

Die durch diesen Vorgang gewonnene Wärmeenergie wird durch ein "Kühlmittel", das den heißen Reaktorkern umgibt, in Dampf umgewandelt. Der Dampf treibt eine Turbine an, die Strom erzeugt. Als Kühlmittel dienen Wasser (wie in Bohunice und Tschernobyl), Luft, Kohlendioxid, Helium oder Natrium.

In Bohunice stehen vier, mit Wasser gekühlte und moderierte, Druckwasserreaktoren. Bei einem solchen Kraftwerk wird das Kühlmittel, also Wasser, wie bei einem Drucktopf in der Küche, eingesperrt und unter hohen Druck gesetzt. So kann man das Wasser stärker erhitzen, ohne, dass es gleich zu kochen beginnt.


Diese Technik ist zwar weit verbreitet, aber sie bringt zusätzliche Gefahren mit sich. Der Druckbehälter ist nämlich, insbesondere bei den alten Modellen der sowjetischen Baureihe WWER-440, empfindlich gegenüber Erdbeben und Umwelteinflüssen. Das hat bereits zu Störfällen und Austritten von Radioaktivität geführt.

In einem Punkt sind sich die Experten einig, ob sie nun für oder gegen den Ausbau der Kernenergie sind: In der Form, in der die vier Atomblöcke in Bohunice derzeit betrieben werden, sind sie lebensgefährlich für die Bevölkerung und ein großes Risiko.

Die einen (die Internationale Atomenergie Organisation und die deutsche Reaktorfirma "Siemens") fordern eine Sanierung der Schrottruine, die anderen (Umweltschützer und solche, denen Tschernobyl schon zuviel war) die Stillegung.

Leider ist es nicht so leicht, ein Kernkraftwerk zu "renovieren", wie ein abbröckelndes Gebäude. Denn, wie bereits erwähnt, wurden viele der alten Reaktoren in einer Zeit konstruiert, in der man die größte Bedeutung nicht der Sicherheit und der Wirtschaftlichkeit, sondern beispielsweise der Möglichkeit zum Bau von Atomwaffen gegeben hat. Also selbst wenn die betroffenen Staaten bereit wären, ihre alten Kraftwerke mit den besten Sicherheitseinrichtungen auszustatten, gäbe es bald eine Grenze, an der sich der Sicherheitsstandard nicht mehr verbessern ließe. Florian Faber von "Greenpeace": "Auch wenn ich meinen alten Wagen mit Airbag, ABS und Katalysator ausstatte, nützt mir das nichts, wenn bei Tempo 130 auf der Autobahn der Boden durchrostet und der Motor auseinander bricht!"


< Lesen Sie in Teil X dieser Serie: Störfälle

© Eine Reportage von T. Micke (29-04-91) – Kontakt