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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Strahlenbier und Killerfliegen

"Little Boy" und "Fat Man" – so nannten die Amerikaner mit ihrem unangebrachten Sarkasmus die beiden Atombomben, die im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. 200.000 Menschen wurden damals getötet. "Three Mile Island 1979", "Sellafield 1983", "Tschernobyl 1986": Auch die Nutzung der Kernspaltung zur Energiegewinnung funktionierte nicht, ohne Tausende Menschenleben zu fordern. Auf ganz anderen Gebieten ist dagegen die Atomstrahlung segensreich.



Proben im medizinischen Labor
T. Micke

Dr. Horst-Friedrich Meyer von der Internationalen Atomenergie Organisation: "Die Radioaktivität ist aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. In den Vereinigten Staaten kommt jeder 4. Patient während eines Spitalsaufenthalts mit Strahlen in Kontakt." Abgesehen von den altbewährten Röntgenuntersuchungen ist es möglich, durch schwach radioaktive Substanzen, die der Patient einnimmt, Herz, Lunge, Nieren, Schilddrüse und andere Organe mit einer Spezialkamera sichtbar zu machen und sie auf diese Weise genau zu untersuchen.

Radioaktivität ist ein wirkungsvolles Mittel gegen Krebs. Durch gezielte Bestrahlung des Tumors werden die wuchernden Zellen beschädigt und letztlich zerstört.

Ein anderes Gebiet: Radioaktivität in der landwirtschaftlichen Forschung: Die Natur selbst "programmiert" von Zeit zu Zeit die Erbanlagen der Pflanzen, um sie unempfindlicher gegen Krankheitserreger, Dürre oder gefräßige Tiere zu machen. Sie werden so den sich ändernden Lebensbedingungen angepasst. Dieser Prozess dauert auf dem natürlichen Weg viele tausend Jahre. Zu langsam, um mit dem geradezu selbstzerstörerischen Tempo der Menschheit mitzuhalten. Die moderne Wissenschaft hat sich deshalb diese Methode von der Natur abgeschaut.

Prof. Alexander, ehemaliger Mitarbeiter der IAEA: "Dem tschechoslowakischen Wissenschafter Dr. Bouma gelang vor einigen Jahren bei einem Experiment ein bedeutender Eingriff. Durch eine kleine Veränderung in den Erbanlagen eines Gerstenkorns mit Hilfe von Bestrahlung, konnte er eine Sorte namens "Diamant" züchten, die 15 Prozent mehr Ertrag brachte ohne dass sich die Qualität in irgendeiner Weise verschlechterte:

Man könnte sagen: Das Bier aus der Umgebung von Budweis und Pilsen in der CSFR, dass hierzulande so gern getrunken wird, ist das Produkt von Bestrahlung. Denn alle Gerstesorten, die dort zum Bierbrauen verwendet werden, stammen von jener ab, die der tschechoslowakische Wissenschafter gezüchtet hat.

Ein weiteres Anwendungsgebiet der Radioaktivität ist die "Radiospektroskopie". Jeder Stoff, sei es Chlor, Jod, Blei oder irgendeine andere Substanz, hat ein eigenes Strahlenspektrum, eine Art spezieller "Unterschrift", die nur für dieses Element typisch ist.

Es ist mit dieser Bestrahlungstechnik möglich, giftige Substanzen im Wasser, im Boden und in der Luft nachzuweisen oder Proben in Forschungslabors zu analysieren.

Dr. Meyer: "Eine andere Methode wird in der Industrie zu Qualitätsprüfungen herangezogen. Man kann zum Beispiel mit Hilfe von Gamma-Strahlen Schweißnähte und Rohrleitungen auf Beschädigungen oder Verunreinigungen untersuchen." Diese Technik wird seit Jahren im Flugzeugbau verwendet, um die Sicherheit der Jets zu überprüfen. Die Maschinen müssen nicht kostspielig auseinandergenommen werden. Wenn irgendwo ein bedenklicher Riss durch Beanspruchung entstanden ist, wird dieser aufgezeichnet.


Strahlung wird sogar gegen Insektenplagen erfolgreich eingesetzt. In vielen Teilen Afrikas, wo Hunger zum Alltag der Bevölkerung gehört, könnte die Fleischproduktion verdreifacht werden, hätten die Menschen dort nicht mit einem gefährlichen Insekt zu kämpfen, der blutsaugenden Tsetse-Fliege. Sie überträgt die Schlafkrankheit, die bei Rindern und Schweinen nach ein bis zwei qualvollen Monaten zum Tod führt. Der Mensch kann dagegen geimpft werden. Jährlich stirbt in den feuchtheißen Zonen südlich der Sahara eine Unzahl von Nutztieren an der Seuche.

Bisher wurde der Krankheitsüberträger mit Insektengiften bekämpft. Große Mengen für Menschen und Umwelt bedenklicher Substanzen mussten versprüht werden. Lange war man auf der Suche nach einer besseren und gleichzeitig billigen Methode, die Fliegenseuche einzudämmen. Im niederösterreichischen Forschungszentrum Seibersdorf wurde eine Technik entwickelt, die Tsetse-Fliegenmännchen durch Bestrahlung zu sterilisieren. Hunderte Millionen dieser behandelten Insekten werden dann in den verseuchten Gebieten ausgesetzt.

Mit dieser Art von Geburtenkontrolle werden auch andere gefährliche Schädlinge dezimiert, wie etwa die "Schraubenwurm-Fliege", die tödliche Wunden bei Rindern verursacht (die Bauern nennen sie deshalb auch "die Killerfliege"). Das Insekt wurde vor zwei Jahren nach Afrika eingeschleppt und ist dort zur existenzbedrohenden Plage geworden.

Dr. Meyer: "Die gefährlichen Schädlinge werden sich nie ganz ausrotten lassen. Vermutlich sind sie sogar wichtig für das ökologische Gleichgewicht in manchen Regionen. Aber ihre kontrollierte Dezimierung wäre ein wichtiger Beitrag zur Lösung der Ernährungsprobleme in der Dritten Welt."


< Lesen Sie in Teil IX dieser Serie: Die Druckkochtöpfe von Bohunice

© Eine Reportage von T. Micke (28-04-91) – Kontakt