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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Atomstrahlung: Die Tschernobyl-Kinder

Sie sind wie andere Kinder. Sie spielen gern, lachen, sind lebhaft! Sie sprechen eine andere Sprache – Russisch. Und sie sehen wie sechs, sieben und acht Jahre alte Mädchen und Buben aus. Aber diese Kinder sind älter – viel älter. Wie alt, das wissen nur die Ärzte. Sascha, Ludmilla und Anton sind Tschernobyl-Kinder.



Russische Kinderjause
T. Micke

Insgesamt acht Mädchen und Buben wurden aus der Region um Tschernobyl nach Wien ins Sankt-Anna-Kinderspital zur Behandlung gebracht. Unter Hunderten anderen hat sie die Leiterin der Abteilung, Christine Peters, ausgewählt. Für die Eltern der Kinder ist die Ärztin ein guter Engel.

Dr. Lev Rudkevich (45), ein Biologe aus Leningrad, machte es sich zur Aufgabe, die Kinder und ihre Mütter in Österreich ein bisschen zu betreuen. Denn sie verstehen so gut wie kein Deutsch. Von den acht Schützlingen ist nur noch ein einziger, ein siebenjähriges Mädchen, im Krankenhaus.

In Gedanken versunken sitzt Dr. Rudkevich vor seinem "großen Braunen" in einem Café in der Wiener Innenstadt. Er erinnert sich an seine kleinen Freunde: "Da war der 12-jährige Sergej. Er ist an Lungenkrebs erkrankt, und in Wien mussten ihm die Ärzte ein Bein abnehmen. Sergej wurde wieder nach Hause, nach Borisov in der Ukraine, geschickt. Seine Krankheit war nicht mehr zu heilen. Er ist im Dezember des vergangenen Jahres gestorben" Dann war da die sechsjährige Katja. Sie stammte aus einem kleinen Vorort von Minsk. Katja starb im November 1990 an Leukämie, kurz nachdem sie von Wien in ihre Heimat zurückgefahren war."

Die anderen Kinder leben. Auf die Frage "Wie lange noch?" zuckt der Russe mit den Schultern. "Das weiß niemand einmal die Ärzte können das genau sagen. Sie haben den 12-jährigen Wladimir nach. einer Knochenmarktransplantation nach Hause geschickt. Es hieß, er sei fast gesund. In Minsk erlitt er aber einen Rückschlag. Jetzt liegt auch er im Sterben.

"Eintritt strengstens verboten. Infektionsgefahr!" steht auf einem Schild am Eingang der Station des Krankenhauses in Wien-Alsergrund. In der Station laufen kleine Kinder herum. Alle haben ein grünes Tuch vor den Mund gebunden. "Mundschutzpflicht", erklärt Dr. Rudkevich.

Auf einem Stuhl in einer Ecke sitzt die siebenjährige Ludmilla zusammen mit ihrer Mutter. Sie hat ihren Mundschutz abgelöst und kaut lustlos an einem Stück Brot. Luda, so wird sie von ihrer Mutter genannt, hat Leukämie – Blutkrebs. Im Dezember hat sie eine Knochenmarktransplantation gehabt. Jetzt ist ihr Blut wieder nicht in Ordnung. Sie bekommt andauernd Transfusionen.


Luda steht auf und geht im Korridor spazieren. Mit der linken Hand führt sie, wie selbstverständlich, eine Art Kleiderstange auf Rädern mit sich. Daran hängt eine Blutkonserve "B positiv", ein dunkelroter Schlauch führt von dort irgendwo unter ihren Pullover.

Ludas Mutter beschreibt, wie ihre Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Minsk die Katastrophe von Tschernobyl erlebt hat: "Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber irgendwann Anfang Mai sind wir von den Behörden davon informiert worden, dass sich ein Atomunfall ereignet hat."

Und dann bestätigt sie, was nur in wenigen Berichten bis nach Europa durchgedrungen ist: "Man hat uns nicht genau gesagt, was passiert ist oder wie groß die Gefahr ist. Die Leute haben weiterhin alles gegessen und so getan, als ob nichts wäre. Niemand konnte sich unter ‚Strahlung' etwas vorstellen. Es war ja auch weder etwas zu sehen noch zu spüren. Drei Jahre später traten dann bei Luda die ersten Symptome von Leukämie auf."

Lev Rudkevich ist mit den Kindern hin und wieder in Schönbrunn oder in einem Park gewesen; Eigentlich sollten seine Schützlinge das Haus nicht verlassen. Die Infektionsgefahr war zu groß. "Aber Kinder brauchen Abwechslung und ein bisschen Spaß!", rechtfertigt sich der russische Biologe.

Viele Kinder wie Sergej (12), Katja (6) und Wladimir (12), wie Luda (7), Sascha (5), Marina (8), Kyril (14) und Anton (7) liegen in den Spitälern von Minsk und Kiew. Alle haben Krebs. Und in der Sowjetunion ist die medizinische Versorgung um vieles schlechter als bei uns.

"Ob Wien noch mehr Tschernobyl-Kinder aufnehmen wird, hängt nur vom Geld ab", erklärt die Ärztin Dr. Eva Dürrer. "Eine Knochenmarktransplantation kostet rund 36.000 Euro. Bisher sind die Stadt Wien und die Niederösterreichische Landesregierung für die Kosten der Operationen und der medizinischen Behandlung aufgekommen. Jetzt wäre es an der Bevölkerung, diesen Kindern zu helfen."


< Lesen Sie in Teil VII dieser Serie: Zeitbomben im Körper

© Eine Reportage von T. Micke (26-04-91) – Kontakt