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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Giftige Milch und Strahlenpilze

Wenn man in der falschen Gegend Pilze isst, kann man sich heute noch eine Strahlendosis holen, höher als in den vergangenen fünf Jahren zusammen!



Auch heute noch ist Vorsicht mit Pilzen geboten, wenn man sie in der falschen (verstrahlten) Gegend gepflückt hat
Picture by T. Micke

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Sie sich zweimal überlegen mussten, bei schönem Wetter ins Bad zu gehen? Die Sandkästen auf den öffentlichen Spielplätzen wurden ausgeräumt. Die Bauern mussten einen Teil ihrer Ernte wegwerfen. Und ein Unternehmen inserierte in den Tageszeitungen: "Schützen Sie sich und ihre Familie vor der Atomstrahlung". Die Firma verkaufte Strahlenmessgeräte im Taschenformat. War das alles, was uns in Österreich von Tschernobyl bleibt? Leider nicht ganz!

Dass die radioaktive Gift-Wolke aus der UdSSR die Europäer völlig unvorbereitet traf, ist kein Geheimnis. Kaum einer wusste die Gefahr richtig einzuschätzen und hatte eine Ahnung von der Wirkung atomarer Strahlung.

Die radioaktive Belastung fiel in den verschiedenen Teilen Europas recht unterschiedlich aus. Regen und Wind machten eine Vorhersage der Verseuchung unmöglich. Auch bei uns ging in Salzburg, in Teilen Ober- und Niederösterreichs sowie in der Steiermark viel Strahlung nieder, da es in diesen Gebieten Anfang Mai regnete.

Aus demselben Grund mussten in Nordschweden, dort wo die Giftwolke als erstes hingetrieben war, Tausende Rentiere geschlachtet werden. Die Lappen verloren durch Tschernobyl ihre Existenzgrundlage und wurden wegen der hohen Dosis, die sie selbst abbekommen hatten, zu "Versuchskaninchen" von Strahlenexperten.

Die Fachleute waren sich nicht einig, wo man die Grenzwerte bei belasteten Lebensmitteln ansetzen müsse. So schwankte die Maximal-Dosis für radioaktives Jod-131 in der Milch zwischen 20 Becquerel je Liter in Teilen Deutschlands und 2000 Becquerel je Liter in Frankreich und Albanien.

Sogar die Katastrophenpläne der verschiedenen Staaten für einen Atomunfall im eigenen Land sahen unterschiedliche Evakuierungszonen vor. Während man in Tschernobyl bis zu einer Entfernung von 30 Kilometer evakuiert hatte, hielt man in Frankreich ein Sperrgebiet von nur 10 Kilometer, in den USA von 16 Kilometer und in der Schweiz und Deutschland von 20 Kilometer für ausreichend. Es stellte sich heraus, dass selbst die 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl zu wenig gewesen war.

Im Durchschnitt ist Österreich seit zwei Jahren strahlenfrei. Das geht aus einem Bericht des Bundeskanzleramtes hervor.

Zum Glück zog der Frühling 1986 erst sehr spät in Europa ein. Die radioaktive Wolke war zu einem Zeitpunkt über Österreich, als die Pflanzen, insbesondere die Gräser, noch nicht ausgetrieben hatten und deshalb wenig von der niedergegangenen Strahlung aufnahmen. Hätte sich das Atomunglück nur einige Wochen später – in der Wachstumsperiode – ereignet, hätte man die gesamte Ernte vernichten müssen.

Das radioaktive Cäsium-Isotop 137, das etwa bis zum Jahr 2016 brauchen wird, um die Hälfte seiner strahlenden Gefährlichkeit zu verlieren, machte den österreichischen Landwirten das Leben schwer. Mit dem Regen kam das Cäsium in den Boden und von dort in die Pflanzen. Zum Glück wird Cäsium im Ackerboden weitgehend gebunden, während es die Pflanzen im sauren Waldboden und auf Wiesen leichter aufnehmen. Gemüse und Getreide von Feld und Garten waren daher ziemlich bald wieder essbar.

Auch wenn es den Anschein hat, als ob wir Tschernobyl "hinter uns hätten", ist die Gefahr noch lange nicht vorbei. Kühe in Teilen Oberösterreichs und auf manchen Bergbauernhöfen geben heute noch Milch ab, die mit 30 Becquerel je Liter durch radioaktives Cäsium belastet ist. Der Grenzwert für Babymilch liegt bei 10 Bequerel je Liter.


Von der "Rohmilch" aus den betroffenen Bauernhöfen droht keine Gefahr. Sie wird in der Molkerei mit nicht verseuchter Milch verdünnt, ihr Cäsium-Gehalt ist unbedenklich. Aber eine Sache wird offenbar im Bundesministerium für Gesundheit nicht bedacht. Ing. Antonia Wenisch vom ÖkologieInstitut in Wien: "Die meisten Landwirte in solchen Regionen wissen von der Strahlenbelastung ihrer Milch nichts. Ich möchte den Bauern sehen, der zum Füttern seiner Kinder Babymilchpackerln aus dem Supermarkt kauft."

Ein weiteres Beispiel: Eine Familie aus der Großstadt macht während der zweimonatigen Sommerferien Urlaub auf einem Bauernhof im Mühl- oder Waldviertel. Selbstgesammelte Pilze und Beeren schmecken gut, und kosten nichts. Das Schwammerlsuchen macht den Kindern Spaß. Abends sitzt die Familie beisammen und verspeist die "Tagesbeute".

Ing. Wenisch: "Wenn man zufällig in einer belasteten Region Urlaub macht, kann man sich durch das Essen von Pilzen und Beeren in zwei bis drei Monaten eine höhere Strahlendosis holen als in den vergangenen fünf Jahren nach Tschernobyl zusammen!" (Die Daten dazu sind ebenfalls im Forschungsbericht des Bundeskanzleramtes veröffentlicht). Auch in den kommenden Jahren sollte man deshalb wildwachsende Pilze und Beeren meiden.

Österreich war 1986 nicht auf einen Atomunfall dieses Ausmaßes – genannt Super-GAU ("Größter Anzunehmender Unfall") – gefasst. Ist Österreich heute auf eine ähnliche Katastrophe vorbereitet?

Dazu der Strahlenschutzexperte Herbert Sorantin: "Wenn die Vorwarnzeit einen Tag oder mehr beträgt, kann die Frage mit ‚Ja' beantwortet werden. Wenn die Vorwarnzeit jedoch eine Stunde oder weniger dauert – oder wenn verstrahlte Flüchtlinge eintreffen, dann ist sie klar zu verneinen. In Bezug auf einen Unfall in der Tschechoslowakei sind, trotz Abkommen, äußerst kurze Vorwarnzeiten wahrscheinlich. Das hat die Vergangenheit leider gezeigt."


< Lesen Sie in Teil VI dieser Serie: Die Tschernobyl-Kinder

© Eine Reportage von T. Micke (25-04-91) – Kontakt