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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Heimweh nach Tschernobyl stärker als Strahlenangst

Das Obst, das hier wächst, ist stark verseucht Die Menschen essen es trotzdem. Denn viele Geschäfte sind leer.



Der Fluss Pripyat verläuft direkt beim Atomkraftwerk von Tschernobyl. Eine Fundgrube für Wissenschaftler
Picture by Petr Pavlicek/IAEA

Oktober 1988. Die sowjetische Zeitung "Prawda" meldet: "Es liegen staatliche Pläne vor, die 800 Jahre alte Stadt Tschernobyl niederzureißen. Denn 994 hauptsächlich ältere Personen sind – unter Umgehung der Kontrollen und Straßensperren – in ihre Heimatdörfer in der Verbotenen Zone zurückgekehrt." Ihr Heimweh war stärker als alle Strahlenangst.

Innerhalb weniger Stunden wurden sie evakuiert. Sie durften nur das Notdürftigste mitnehmen, ließen ihr Haus, ihren Garten, ihren sorgfältig gepflegten Bauernhof, ihr Vieh, ihre Haustiere, ihre Möbel zurück. Ihre Zukunft ist trostlos.

Viele von ihnen zogen in eigens für die Heimatlosen im Blitzverfahren errichtete Wohnsiedlungen ein – um Monate später wieder weg zu müssen, weil sich auch diese Gebäude als stark verstrahlt herausstellten.

Die Evakuierten wurden wie Tiere behandelt: die Regierung hat sie in Wohnbunker umgesiedelt. Es gab wichtigeres, als daran zu denken, dass ein 63-jähriger weißrussischer Bauer, der es gewohnt war, auf dem Feld zu arbeiten, nicht in einer Drei-Zimmer-Wohnung im 15. Stock am Rande einer Großstadt wie Kiew leben kann.

Die Atomflüchtlinge leiden an Heimweh. Vor allem die älteren Menschen begreifen nichts von der Atomstrahlung und ihrer Gefahr. Sie wissen nur, dass sie in der Großstadt zugrunde gehen.

Man hat ihnen erklärt, dass das Obst und Gemüse, das in der Strahlenregion wächst, schädlich ist. Aber sie essen es trotzdem. Die Versuchung ist zu groß, in den Geschäften sind unverstrahlte Gurken und Äpfel Mangelware.

Eine alte Frau ist trotz aller Verbote in ihr Haus nach Spjeritje in die Strahlenzone heimgekehrt. "Ich bin zurückgekommen, um hier zu sterben", versucht sie den Milizbeamten aus Kiew davon zu überzeugen, dass es zwecklos ist, sie von dort wieder zu vertreiben. Sie würde ja doch wiederkehren. Der Beamte geht, er hat die Frau "nicht gesehen".

"Baden verboten! Obst vom Baum essen verboten! Pilze sammeln verboten! Fischen verboten! Täglich mehrmals gründlich waschen!" Das sind die Überlebensregeln, die den Kindern, die im Umkreis von rund 200 Kilometer vom explodierten "Lenin"-Reaktor leben, von frühester Jugend an eingetrichtert werden. In vielen Orten müssen sie auf frisch angelegten, "sauberen" Betonplätzen Fußball spielen, weil die Natur "schmutzig" ist. Niederschläge, Wind und eine unberechenbare Witterung haben die verseuchte Zone zum Fleckerlteppich gemacht.

Samosjoly – Selbstsiedler – heißen jene etwa 500 Menschen, die nach dem Unglück von Tschernobyl zurück in die Sperrzone gesiedelt sind
Picture by Petr Pavlicek/IAEA

Rund 160 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegt in Weißrussland ein kleines Dorf für dessen Bewohner die Strahlenkatastrophe in Block 4 von Tschernobyl bis vor zwei Jahren nur ein Unfall war, der irgendwo weit weg passiert ist. Plötzlich kamen Wissenschaftler mit Strahlenmessgeräten und untersuchten alles ganz genau. Die Stadt war verseucht, blieb aber offiziell bewohnbar. Seitdem zieht jeder der kann, von dort fort. Die Menschen trauen den Messungen der staatlichen Behörden nicht mehr. Bald wird auch diese Stadt eine Geisterstadt sein.


Das Vertrauen ist zerstört. "Wenn sich die Verhältnisse in Weißrussland nicht bald ändern, ist mit einem lawinenhaften Anstieg der Strahlenflüchtlinge in der Sowjetunion zu rechnen", warnt der Münchner Universitätsprofessor Kellerer, der sich für das Rote Kreuz intensiv mit der Situation in den radioaktiv verseuchten Teilen der Sowjetunion befasste.

Schuld daran ist, laut Prof. Kellerer, vor allem die völlig falsche Informationspolitik der sowjetischen Regierung: "Zwei Jahre lang haben die Behörden versucht, die Bevölkerung mit einer lnformationssperre vor Panikreaktionen zu bewahren. Aber die beschwichtigenden Bemerkungen standen in krassem Widerspruch zu den Massenevakuierungen. Außerdem kann man 600.000 Entseuchungsarbeiter, die in dieser Zeit in den Dörfern und auf den Äckern in der verstrahlten Zone tätig waren, nicht vor einer ängstlichen Bevölkerung verbergen." Professor Ivan Nikitschenko vom Institut für Landwirtschaft in Minsk gab bei einem Seminar in Deutschland weitere Informationen über die Schäden der Katastrophe bekannt: "4500 Hektar Wald sind völlig abgestorben. Bei Tausenden Kindern kam es infolge der hohen Belastung durch radioaktives Jod 131 zu Schilddrüsenerkrankungen. Die Missbildungen bei Tieren haben seit Tschernobyl deutlich zugenommen. So kam es bei Kühen, die 1986/87 in stark radioaktiv belasteten Gebieten geboren wurden, in den Jahren 1989/90 beim ersten Kalben zu Totgeburten. Ob dies auf den Reaktorunfall zurückzuführen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen."


< Lesen Sie in Teil V dieser Serie: Giftige Milch und Strahlenpilze

© Eine Reportage von T. Micke (24-04-91) – Kontakt