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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Fremdenführer in die Todeszone um Tschernobyl

Hier lebten vor der Katastrophe 45.000 Menschen. Sie wurden in weniger als zwei Stunden abtransportiert. Jetzt ist diese Stadt eine Geisterstadt.



Zerstört und verlassen: Die Reste der Polyklinik von Pripyat, der Geisterstadt bei Tschernobyl
Picture by Petr Pavlicek/IAEA

Fünf Jahre sind seit der Katastrophe vergangen. Wie sieht es jetzt in der Todeszone der Ukraine und Weißrusslands aus? Was passiert mit den 3000 Quadratkilometer Land, die unbewohnbar geworden sind? Mehrmals haben sich Fotografen und sowjetische Reporter nach Tschernobyl gewagt und eindrucksvoll beschrieben, was sich rund um das Kraftwerk, dessen andere drei Reaktorblöcke weiterhin in Betrieb sind, tut. Ein Bericht aus dem verstrahlten Gebiet.

Die Stadt Ditiaki, 30 Kilometer südlich von Tschernobyl – Sperrgebiet. Ohne Sondergenehmigung kommt man nicht näher an den Unglücksreaktor heran. Männer in Uniformen kontrollieren alle Fahrzeuge, die in die Verbotene Zone einfahren. Sie tragen Schutzmasken gegen den radioaktiven Staub. Alle Insassen in den Autos müssen aussteigen und werden mit einem Geigerzähler abgetastet.

Nach der Kontrolle geht die Fahrt weiter. Links und rechts von der Straße meterhohe Stacheldrahtzäune. Es ist, als ob hier Krieg wäre und man sich auf dem Weg an die Front befände. Überall sind Militärfahrzeuge, riesige Lastwagen und Hebekräne. Mehr als 5000 Soldaten nehmen an dem Entseuchungsprogramm teil, alle mit Atemgeräten ausgerüstet. Ihr Lohn wurde vervierfacht, und nach zwei Wochen Arbeit bekommen sie zwei Wochen frei.

Überall auf den verstrahlten Äckern wird ein weißer, schnelltrocknender Kunststoffschaum verteilt. Das erhärtete Material zerschneiden die Arbeiter später in Platten, rollen diese dann mitsamt der vom Boden aufgenommenen radioaktiven Partikel zusammen und vergraben sie in tiefen Schächten unter der Erde.

Wenn der Boden stärker verseucht ist, kommen die Bagger und entfernen bis zu 80 Zentimeter der Erdoberfläche. Auch diese verstrahlte Erde wird vergraben – der beste Weg das radioaktive Cäsium-137 "loszuwerden".

Obwohl schon seit Tagen die Sonne scheint, sind alle Straßen in dem gesperrten Gebiet feucht. Ständig fahren Tankfahrzeuge auf und ab und versprühen Wasser. Der radioaktive Staub wird auf diese Weise am Boden gehalten, er gelangt nicht in die Lunge, wo er mit hoher Wahrscheinlichkeit Krebs hervorruft.

Die Fahrt geht an menschenleeren Dörfern vorbei. Durch die Fenster kann man Möbel sehen. Die Menschen, die dort lebten, mussten alles zurücklassen. Alles ist verseucht!

Die letzten Kilometer bis zum Atomkraftwerk wurden niedergewalzt und planiert. Ein ganzer verseuchter Wald musste abgeholzt und vergraben werden – Beim Verbrennen hätte man mit dem Rauch nur noch mehr radioaktive Strahlung in die Luft geblasen. Der saure Boden ist mit Wasser getränkt und schlammig.

Der explodierte Reaktorblock wurde mit einem Schutzbunker, dem sogenannten Sarkophag versehen.
Picture by Petr Pavlicek/IAEA

Dann plötzlich der "Sarkophag" – so haben die Arbeiter den schwarzen Betonklotz genannt, der über den strahlenden Resten von Reaktorblock 4 errichtet wurde. 7000 Tonnen Stahl und 410.000 Kubikmeter Beton wurden in diese "atomare Grabkammer" verarbeitet. Sieben Monate nach der Katastrophe war sie fertig. Fünf Jahre später sickert aber schon Regenwasser durch Ritzen und Sprünge im undichten Dach.

Damals ging es darum, die strahlende Masse so schnell wie möglich abzusichern. Jetzt hat man in Tschernobyl ein ähnliches Problem wie in Wien mit den Flaktürmen: der schwarze Betonklotz ist nur sehr schwer zu zerstören!

Bohrmannschaften arbeiten in vier Schichten täglich daran, Löcher in die Mauern zu bohren. Denn der immer noch brennheiße strahlende Kern aus Graphit und nuklearem Material muss von Spezialisten mit Robotern untersucht und kontrolliert werden.

Wenn die Arbeiter mit ihrem Riesenbohrer während einer Schicht mehr als einen Meter in das Betonfundament vordringen, dann wird das als guter Erfolg bewertet. Manchmal kommen die Männer aber auch nur einige Zentimeter weiter.

In dem ursprünglich beinahe massiven Klotz mussten in den vergangenen Jahren weitere Gänge angelegt werden. Jeder Korridor ist mit dicken, strahlenabblockenden Bleiplatten ausgekleidet, und am Boden schwimmt eine milchige Flüssigkeit um den Staub zu binden. Innerhalb dieses labyrinthartigen Komplexes sind die Strahlenwerte sehr unterschiedlich. Es gibt Gänge, durch die man – mit Schutzkleidung – gemütlich gehen kann, in anderen muss man laufen. Plötzlich steht da ein Schild, das eine Treppe nach unten versperrt. "Stopp! 200 Röntgen in der Stunde!" Nicht einmal die Arbeiter dürfen hier weitergehen.

Wieder wird einem deutlich vor Augen geführt, dass man die Intensität der Strahlung nicht wahrnehmen kann. Nur der Geigerzähler knattert wie eine Osterratsche: Jedes "Knacken" ist ein auf dem Empfänger des Gerätes einschlagendes radioaktives Teilchen.

Drei Kilometer vom Reaktor entfernt, liegt die Geisterstadt Pripjat. Zwei Kontrollen muss man auf dem Weg dorthin über sich ergehen lassen. Hier lebten vor der Katastrophe 45.000 Menschen. Sie wurden innerhalb von zwei Stunden evakuiert. Alles ist leer.


18 Monate nach der Katastrophe war auf den Balkonen der Häuser noch zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche und im Hinterhof des Kindergarten lag Spielzeug verstreut, Jetzt ist all das tief unter der Erde – vergraben.

Und trotzdem halten sich hier wieder Menschen auf. Zwei Firmen haben in der Stadt ihren Sitz: "Kompleks" und "Spetsatom". Sie beschäftigen sich mit der Beseitigung des verstrahlten Materials und machen Experimente mit neuen Entseuchungsmitteln. So hat "Spetsatom" ein Schallwellen-Verfahren entwickelt, um die radioaktiven Partikel aus dem Boden herauszulösen. Pro Stunde werden bis zu 100 Tonnen Erde entseucht.

Die Rundfahrt ist zu Ende. Auf dem Weg aus der Zone werden die Autos bei der Kontrolle mehrmals gewaschen, dekontaminiert und durchsucht. Denn die Menschen, die außerhalb der Sperrzone leben, sind früher oft im Schutz der Dunkelheit in die leeren Dörfer gegangen, um die fluchtartig verlassenen Häuser zu plündern.


< Lesen Sie in Teil IV dieser Serie: Heimweh stärker als Strahlenangst
< Hier geht's zum Beginn der Tschernobyl-Serie

© Eine Reportage von T. Micke (23-04-91) – Kontakt