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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Strahlenfeuer 2000 Grad

Dem Zufall ist es zu verdanken, dass der Wind die Strahlenwolke nicht in die nur 100 Kilometer entfernte 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt Kiew trug. Tausende wären auf der Flucht umgekommen!



Das Kraftwerk von Tschernobyl am 26. April 1986 aus dem Hubschrauber: Reaktorblock 4 war explodiert
Picture by Ukrainian Society for Friendship and Cultural Relations with Foreign Countries

Die Sonne schien, und alles glitzerte weiß. Aber im Dorf gab es kein Leben. Im Schnee war kein Pfad zu entdecken. Nicht ein Kamin rauchte." Worte des sowjetischen Filmemachers Wladimir Gubarjew, als er im Winter des Jahres 1986 mit einem Hubschrauber über eines der evakuierten Dörfer in der Sperrzone um Tschernobyl flog. Gubarjews Kollege, Wladimir Schewtschenko, war wenige Monaten zuvor nach Dreharbeiten am strahlenden Reaktor-Wrack unter Qualen im Spital von Kiew an Lungenkrebs gestorben.

Wenn man radioaktive Strahlung sehen könnte, dann wäre dieser sowjetische Dokumentarfilmer vielleicht noch am Leben. Dann hätte er nicht mehr als sieben Wochen im stark verseuchten Gebiet verbracht.

Wenn man Strahlung sehen könnte, dann wäre das Unglück in Europa nicht erst zwei Tage danach, am Montag den 28. April 1986, von einem Techniker im schwedischen Atomkraftwerk "Forsmark" in der Nähe von Stockholm entdeckt worden. Der Arbeiter untersuchte, wie jeden Morgen, seine Beine auf Strahlung – und stieß auf radioaktiven Staub! Weil man an einen Unfall im eigenen Reaktor glaubte, wurde "Forsmark" sofort evakuiert.

Zwei gewaltige Explosionen hatten aber bei dem Atomunfall in der Ukraine Unmengen hochradioaktiver Spaltprodukte durch den sogenannten "Kamineffekt" weit in die Atmosphäre geschleudert. Der herrschende Nordwest-Wind benötigte etwa 50 Stunden, um die unsichtbare Giftwolke aus der UdSSR über Litauen und Lettland bis an die schwedische Küste zu treiben.

Während man in Schweden noch rätselte, woher plötzlich die radioaktive Strahlung kam, waren im 30-Kilometer-Umkreis des explodierten Reaktors von Tschernobyl in rund 200 Ortschaften bereits Massenevakuierungen im Gang.

Insgesamt mehr als 135.000 Menschen und 86.000 Stück Vieh mussten aus dem stark verstrahlten Gebiet gebracht werden. Eine Kolonne von rund 1200 Autobussen und 300 Lastwagen zog sich über etwa 20 Kilometer hin.

Das klingt nach wenig, wenn man bedenkt, dass der alljährliche Urlauberstau am Grenzübergang in Salzburg schon mehr als 30 Kilometer betragen hat. Und es ist in Wirklichkeit wenig – denn die Umgebung von Tschernobyl war dünn besiedelt. Die ohnehin nur in der Theorie denkbare Räumung von Großstädten, wie zum Beispiel Wien oder Pressburg nach einem schweren Atomunfall in Bohunice, würde sofort zum Verkehrsinfarkt auf sämtlichen Verkehrsrouten führen.


Beinahe hätte die Welt ein solches Chaos miterleben können. Denn es war nur Zufall, dass der Wind die strahlende Gift-Wolke von Tschernobyl nicht hundert Kilometer nach Südosten in die 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt Kiew trug. Tausende wären allein beim panikhaften Fluchtversuch vor dem Strahlentod auf den Straßen ums Leben gekommen.

12 Kilometer von der Stadt Tschernobyl entfernt waren die Löschmannschaften im Dauereinsatz. Anfangs waren es noch an die 30 Meter hohe Stichflammen, die die Feuerwehrleute, teilweise sogar ohne Strahlenschutzanzüge, mit Wasser und Schaum zu bekämpfen versuchten. Diese mutigen Männer waren es, die eine noch größere Katastrophe verhinderten: Das Übergreifen der Flammen auf Reaktorblock 3!

31 Menschen, vor allem Helfer, starben an den direkten Folgen des Unfalls, einige von ihnen unter furchtbaren Qualen. Die Zahl der Toten erhöhte sich in den Jahren darauf auf mehr als 250. Ein sowjetischer Wissenschaftler sprach in einem Interview vor wenigen Tagen davon, dass insgesamt schon mehr als 7000 Menschen durch Tschernobyl ums Leben gekommen seien.

Ein Löschhubschrauber fliegt den tödlich strahlenden Reaktor von Tschernobyl an. Viele der Piloten starben.
Picture by Ukrainian Society for Friendship and Cultural Relations with Foreign Countries

Wegen der extremen Hitze von 2000 Grad Celsius im Inneren des explodierten Gebäudes, war mit herkömmlichen Löschmitteln nichts mehr auszurichten. Wasser und Schaum verdampften binnen Sekunden. Von Militärhubschraubern aus wurde deshalb ein Gemisch aus Bor (um den Spaltprozess zu bremsen), Blei (um die Strahlung abzufangen), Lehm, Steinen und Sand (um das Feuer zu ersticken) in den offenen Reaktor geworfen.

Man musste den Strahlenherd abdichten, bevor noch mehr radioaktives Material in die Atmosphäre entwich. Zwei Wochen benötigten die Piloten, für viele von ihnen eine tödliche Arbeit. Dann lag der "tobende Reaktor" – wie der damalige Generalsekretär Michail Gorbatschow ihn nannte – unter einer 5000 Tonnen schweren Dichtmasse begraben.

"Das Land braucht Strom. Viel Strom. Zur Entwicklung der billigen Kernenergie gibt es keine Alternative!" Diese Worte stammen nicht etwa von einem hochrangigen KP-Beamten aus der in sicherer Entfernung liegenden Hauptstadt Moskau, sondern von dem Reaktortechniker Orlow, der mit schweren Strahlenschäden am ganzen Körper und starken Schmerzen im Spital in Minsk behandelt wurde.

Atomkraft – die billige Energie: Der schwerkranke Reaktortechniker Orlow war nicht der einzige, der von dieser Idee überzeugt war – bis der gigantische Schaden, den die Atomexplosion in Tschernobyl verursachte, bekannt wurde.

Die sowjetische Zeitung "Iswestija" schätzte die Kosten der Katastrophe allein in der UdSSR auf mehr als 12 Milliarden Euro. 12 Milliarden Euro – mit diesem Geld hätte man 13 Mal die Donaustaustufe Wien bauen können. Strom aus Wasserkraft, die niemals zu einer menschenvernichtenden Strahlenkatastrophe führen wird.

Auch die Tschechoslowakei braucht Strom. In der Tschechoslowakei holt man sich einen Teil der Elektrizität durch Kernspaltung aus Atomenergie. Mit den noch teilweise in Bau befindlichen Kraftwerken Temelin und Mochovce kommen noch acht weitere Atom-Fabriken dazu. Die junge Demokratie braucht eine möglichst billige Lösung für das Stromproblem. Man hat sowieso schon mit genügend wirtschaftlichen und nationalen Problemen zu kämpfen.

Es wäre aber das Ende des Landes, wenn man für einen Atomunfall in einem der veralterten Reaktorblöcke von Bohunice 12 Milliarden Euro bezahlen müsste – abgesehen von den Zehntausenden Opfern in dem um vieles dichter besiedelten Gebiet an der Grenze zu Osterreich.


< Lesen Sie in Teil III dieser Serie: Fremdenführer in die Todeszone
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© Eine Reportage von T. Micke (22-04-91) – Kontakt