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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Strom kommt aus der Steckdose

Die einzige echte Alternative zu den umweltzerstörenden Kohlekraftwerken in Nordböhmen ist die saubere Kernenergie!" Das meinte nicht nur ein Gesandter der Prager Regierung bei einer Anti-Atomkraft-Aktion in Bohunice im Interview. Dies ist auch das "stärkste" Argument, mit dem die Tschechoslowakei immer wieder auf den Ausbau der Atomkraft im eigenen Land pocht. Es geht auch anders!



Für viele Menschen kommt der Strom einzig und allein aus der Steckdose...
Picture by T. Micke

Dass das Verfeuern von stark schwefelhaltiger Braunkohle grundsätzlich eine schmutzige Sache ist, wissen die meisten. Den wenigsten ist aber bekannt, dass die Tschechoslowakei seit etwa 1970, anstatt ihre völlig veralteten Kohlekraftwerke in Nordböhmen (manche davon stammen noch aus den zwanziger Jahren) mit Filteranlagen auszustatten fast alles Geld in den Ausbau der Atomkraft steckt. Einem Bericht des Österreichischen Ökologie-Institutes zufolge hat sogar "nur ein einziges kalorisches Kraftwerk in der CSFR einen Schwefeldioxid-Filter – und der funktioniert nicht".

Das ist um so bedenklicher, wenn man weiß, dass die CSFR fast drei Viertel ihres Stroms aus Kohle, Erdöl und Erdgas und "nur" etwa ein Viertel aus Atomenergie gewinnt. Übrig bleibt ein verschwindender Anteil Wasserkraft (etwa sechs Prozent). Zum Vergleich: In Österreich stammt drei Viertel des Stroms aus Wasserkraft, ein Viertel wird durch Erdgas, Erdöl oder Kohle erzeugt.

Es wäre jetzt leicht, unserem Nachbarland den Rat zu geben: "Macht es doch so wie wir. Wir brauchen auch keine Atomkraft. Wir haben die Wasserkraft!" Aber so einfach ist es leider nicht. Denn Stromgewinnung aus Wasserkraft ist in der CSFR nicht wie in Österreich zu realisieren. Die tatsächliche Nutzung der Wasserkraft liegt dort nämlich bereits bei etwa 40 Prozent. Schuld daran, dass nur so wenig "zu holen" ist, sind die schlechte Wasserqualität und die Struktur des Landes.

Bleibt also für die CSFR wirklich nur, das geringere Übel – Atomenergie oder Braunkohle-Kraftwerke – zu wählen, um den steigenden Bedarf zu decken? Die "Stromfabrikanten" machen es sich auch in Österreich zu leicht: Der Stromverbrauch steigt, also muss man mehr Kraftwerke bauen, um mehr Elektrizität zu produzieren.

Es gibt auch einen anderen Weg, der gerne vernachlässigt wird, weil sich offenbar niemand dafür zuständig fühlt: "Stromsparen" – allerdings nicht im Sinne von Verzicht, Einschränkung oder Rückschritt. Mag. Helmut Haberl vom Ökologie-Institut: "Es ist ja nicht so, dass der Mensch Elektrizität, Erdöl oder Kohle an sich braucht. Er benötigt eine warme Wohnung, einen kalten Kühlschrank, beleuchtete Räume, arbeitende Maschinen usw. – mit anderen Worten: Energiedienstleistungen. Je weniger Energie wir für diese Leistungen aufwenden müssen, desto besser für uns. Trotz steigendem Wohlstand kann der Energieverbrauch sinken, indem man bessere, effizientere Technologien verwendet."


Dieses System ist im Grunde nichts neues, Wärmedämmung beim modernen Wohnungsbau selbstverständlich. Aber Länder, wie die Tschechoslowakei, in denen "Umweltschutz" und "Energiesparen" bis zur politischen Wende Fremdworte waren, hinken auf diesem Gebiet Jahrzehnte hinterher. Selbst der ehemalige CSSR-Energieminister Suva bestätigte, dass man durch einfache Sparmaßnahmen den Gesamtenergie-Bedarf um etwa ein Drittel (!) senken könnte.

"Kein Wunder!" ärgert sich Dr. Wolfgang Hingst, österreichischer Historiker und Publizist. "In der Tschechoslowakei ist es gang und gäbe, die Innentemperatur der Wohnungen bei vollaufgedrehter Heizung durch Öffnen der Fenster zu regulieren."

Ein Beispiel: Ein "Normalhaus" (ohne Wärmedämmung) mit 130 Quadratmeter Wohnfläche verbraucht pro Jahr etwa 4700 Liter Heizöl. Wenn man dieses Haus mit allen modernen Möglichkeiten saniert und isoliert, kann man den Ölverbrauch auf 1300 Liter reduzieren. Die Investitionen rentieren sich im Laufe der Jahre.

Um das Energiespar-Bewusstsein der Europäer ist es schlecht bestellt. Sinnloses Heizen, womöglich noch bei offenem Fenster, und das Brennenlassen von Lampen in verlassenen Räumen, sind nur zwei der häufigsten "Sünden". Der Grund dafür ist, dass wir den Strom billig und direkt ins Haus geliefert bekommen. Strom kommt aus der Steckdose!

Jedem Autofahrer wird regelmäßig nach ein paar hundert Kilometern bewusst gemacht, wie viel Energie sein Fahrzeug braucht: Wenn er weiterfahren will, muss er zahlen, um zu tanken.

Aber, dass der Fernsehapparat immer funktioniert, wenn man ihn einschaltet, ist für uns selbstverständlich. Müsste man etwa alle zehn Minuten eine Münze einwerfen, damit er weiterläuft, würde man sich nicht wahllos alles ansehen. Und der Fernseh-Stromverbrauch würde sinken.

Eine interessante neue Alternative zum Atomstrom: Ein Aufwindkraftwerk
Picture by SBP

Stromsparen ist eine der besten Alternativen zur Atomkraft. Wenn von Alternativen gesprochen wird, sind aber in der Regel "andere Energieformen" gemeint. Sonnenkraft, Windkraft, Wärmepumpen, Gezeitenkraftwerke – allzu gern werden diese erneuerbaren Energieformen unter den Tisch gekehrt. Dann heißt es, diese Dinge seien unrentabel und außerdem noch nicht ausgereift.

Dass sie überall auf der Welt bereits klaglos funktionieren (Windkraft demnächst sogar in der UdSSR), wird dabei völlig vergessen. Seit Juni 1989 ist am Loser in Oberösterreich das größte Sonnenkraftwerk der Alpen in Betrieb.

Dr. Hingst: "In die Atomkraft wurden bereits mehr als 100 Milliarden Dollar investiert. Hätte man dieses Geld in die Alternativenergien gesteckt und würde man die Sparkonzepte durchziehen, dann hätten wir schon längst keine Energiesorgen mehr." Und die ewige Angst vor einem weiteren Atomunfall bliebe uns erspart.


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© Eine Reportage von T. Micke (02-05-91) – Kontakt