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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Im Schatten der Kühltürme

Seit 33 Jahren ist für die Menschen in den Dörfern um Bohunice die Atomkraft allgegenwärtig. Damals – zehn Jahre vor dem "Prager Frühling" – begann das kommunistische Regime mit dem Bau des ersten Kernkraftwerks in Bohunice. Generationen sind im Schatten der Kühltürme groß geworden. Sie haben sich an die Reaktorblöcke und ihre Gefahren gewöhnt. Trotzdem fallen dort die Meinungen zum Thema Atomkraft sehr verschieden aus.



Die Reaktorblöcke von Bohunice verzeichnen immer wieder Störfälle
Picture by T. Micke

Einige Bewohner der BohuniceDörfer berichteten von einem neuen Unfall, bei dem Strahlung ausgetreten sei, als sie nach dem Kraftwerk gefragt wurden.

Recherchen ergaben, dass im Herbst des vergangenen Jahres Tritium – ein radioaktives Wasserstoff-Isotop – aus einem undichten Tank im zugesperrten "A1"-Reaktor ausgetreten war. Es sickerte in den Boden und verseuchte das Grundwasser.

Der Unfall wurde von der rund 16 Kilometer entfernten Umweltstation von Trnava entdeckt. Man begann Trinkwasserproben in den Dörfern zu nehmen und stellte fest, dass auch hier das Wasser radioaktiv war. Aber die Belastung sei, so ein Reaktorarbeiter, bis auf die unmittelbare Umgebung des Kraftwerks, unbedenklich.

Die Bevölkerung wurde zwar von dem Unfall informiert, aber – so zeigten Interviews – offenbar sehr unterschiedlich: "Es war keine Atomstrahlung, sondern Ammoniak im Wasser!" ist der 15-jährige Petr Trojak aus Kostolany überzeugt. Und zur Kernkraft meint er: "Ich glaube, dass sie das in den Griff bekommen werden. Ich weiß, was mit den Menschen in Tschernobyl passiert ist. Es ist schrecklich! Die Amerikaner haben ja die Wirkung von Strahlen im Krieg eingesetzt. Auch damals mussten unschuldige Menschen sterben."

Die 70-jährige Katherina Valova arbeitete in ihrem Vorgarten, als wir sie über Bohunice fragten. "Das stört mich nicht. Ich bin eine alte Frau und werde sowieso bald sterben", meint sie gleichgültig. "Das einzige, was mich ärgert, ist, dass im Garten nichts wächst. Ich glaube, dass die Strahlen daran schuld sind. Denn unser Brunnen ist angeblich seit vergangenem Herbst verseucht."

Der 26-jährige Landarbeiter Igor Mankorocky erklärt: "Wenn man dieses Kraftwerk zusperrt, verlieren 3200 Menschen, die hier leben, ihre Arbeit. Das kann man nicht einfach so machen. Auch mein Vater arbeitet dort. Ich sterbe lieber an der radioaktiven Strahlung, als an Hunger!" Zum belasteten Trinkwasser meint er nur: "Jeder macht sich schließlich um irgendetwas Sorgen."

In einem kleinen Lokal (mit Blick auf die Kühltürme von Bohunice) sitzen drei Pensionisten bei Bier und Schnaps und schimpfen lautstark über den ersten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei von 1948: "Klement Gottwald war ein Trottel! Das ganze KP-System ist schlecht gewesen", behauptet der 72-jährige Rudolf Latkovic – und bestellt sich zur Bekräftigung bei der Wirtin noch ein Stamperl Wodka. Rudolf Latkovic hat 20 Jahre lang im "A1"-Reaktor gearbeitet und ist seit 13 Jahren in Pension. "Ich habe einen 34-jährigen Sohn", erzählt er. "Um ihn und um mich hab' ich Angst, wenn ich an das Atomkraftwerk denke. Die ganze Anlage ist in schlechtem Zustand. Und den A1 haben sie nicht gut genug saniert. Jetzt ist auch noch unser Trinkwasser verseucht." Vit Seltan (84) fällt seinem Freund ins Wort: "Na und? Wenn ich tot bin, bin ich eben tot. Jeder muss einmal sterben!" Von der verheerenden Reaktorkatastrophe in der Sowjetunion haben die drei Pensionisten auch gehört. Jan Nestes (66) arbeitete früher bei der örtlichen Eisenbahngesellschaft: "Man hat uns gesagt, dass es einen Unfall gegeben hat. Viel mehr nicht. Die Folgen habe ich erst dann wirklich zu spüren bekommen, als man mir verboten hat Schafsmilch zu trinken."

Die 40-jährige Wirtin meint nur: "Ich hab' mit der ganzen Sache nichts zu tun. Ich arbeite nicht in dem Kraftwerk und deshalb mach' ich mir keine Gedanken darüber!"


Einen 42-jährigen Landwirt, der mit seiner ganzen Familie gerade im Hinterhof Presswurst macht, berührt das Atomkraftwerk auch nicht sonderlich: "Wir trinken das Wasser aus dem Brunnen. Dass es schmutzig sein soll, stört mich nicht. Der Herr Ingenieur aus dem Kraftwerk hat gesagt, dass die Reaktoren hundertprozentig sicher sind. Ich glaube ihm!"

Auf die Frage, ob es ihm lieber wäre, wenn Bohunice nicht dort stünde, erklärt er: "Ihr Österreicher seid reiche Leute mit viel Zeit. Wir Slowaken sind arm und müssen hart arbeiten und haben daher nicht die Möglichkeit, uns um solche Probleme zu kümmern. Vielleicht würde ich gegen das Kraftwerk kämpfen, wenn ich viel Geld hätte. Aber es hat wahrscheinlich sowieso keinen Sinn."

Aladár Beták hat die Aufsicht im Kontrollraum eines "V2"-Reaktors. Er hat Maschinenbau studiert und arbeitet seit ein paar Jahren in Bohunice: "Ich habe keine Angst, dass etwas passiert. Die Station ist in gutem Zustand, wir haben hervorragend ausgebildetes Personal. Das Kraftwerk ist für die Slowakei wichtig. Es macht uns unabhängiger von den Tschechen. 80 Prozent der Leute, die hier wohnen, arbeiten auch hier. Sie bekommen für dieselbe Tätigkeit 15 Prozent mehr Lohn, als in anderen Betrieben. Überall in der Tschechoslowakei geht es jetzt schlecht. Nur die Energiewirtschaft bleibt stabil. Die Leute reißen sich um Arbeitsplätze bei uns. Denn wir werden immer Strom brauchen!"

Ein 30-jähriger Mann aus Kostolany, der zwei Jahre in Bohunice mit dem Austauschen der Uranbrennstäbe beschäftigt war, ging trotzdem: "Ich hab' die Arbeitsbedingungen nicht ausgehalten. Bei der Einstellung mussten wir unterschreiben, dass wir über nichts, was im Reaktor passiert, sprechen dürfen. Ich verdiene jetzt zwar schlechter, aber ich arbeite wenigstens mit ruhigem Gewissen bei den Verkehrsbetrieben."


< Lesen Sie in Teil XII dieser Serie: Strom kommt aus der Steckdose

© Eine Reportage von T. Micke (01-05-91) – Kontakt