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Tschernobyl – Eine 12-teilige Serie zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe

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Die Katastrophe von Tschernobyl: Ein ganz normaler Tag

"Schrei der Gehetzten". So lautete der Titel jenes Nachtfilms, den in Österreich viele tausend Menschen am Freitag, den 25. April 1986, um 23.10 Uhr im Fernsehen sahen. Während dieser spannende Krimi über die Bildschirme flimmerte und ein Großteil der Bevölkerung bereits schlief, vergaß jemand im Block 4 des Kraftwerks Tschernobyl einen Hebel umzuschalten. Das war der Anfang einer weltweiten Katastrophe...



Ein ganz normaler Tag. Auch im Atomkraftwerk von Tschernobyl
Picture by T. Micke

Der 25. April 1986 war ein ganz normaler Tag. In Kiew, einer 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt, 130 Kilometer südöstlich vom "Lenin-Kraftwerk" in Tschernobyl, gingen die Menschen an diesem Schlechtwetter-Tag ihrer gewohnten Arbeit nach, kamen müde nach Hause, aßen zu Abend und gingen ins Bett – um am nächsten Morgen wieder aufzuwachen – wie überall in Europa.

Ein Unfall – so ein Atomunfall wie er sich am Ende dieses "ganz normalen Tages" in der Ukraine ereignete – kommt unvorhersehbar, überraschend und leise. Er betrifft nicht nur einige wenige, die in unmittelbarer Nähe leben. Er trifft uns alle. Denn die Atomstrahlung kennt keine Staatsgrenzen, man kann vor ihr nicht davonlaufen, sie nicht sehen, sich nicht vor der Gefahr im Keller schützen. Die Atomstrahlung lebt länger als der Mensch.

354 stromliefernde Reaktoren waren am 25. April 1986 auf der ganzen Welt in Betrieb. Ein einziger ging kaputt. Die Folge war das größte Atomdesaster, das die Welt bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte.

Die "friedliche Nutzung der Atomkraft" wurde in der Nachkriegszeit jahrzehntelang als Segen für die Menschheit angesehen. Sauberer, billiger Strom aus sauberen Kraftwerken.

Viele Reaktoren, ursprünglich zur Herstellung von Atombombensprengstoff gebaut, wurden für zivile Zwecke umgerüstet. Die Sicherheit kam dabei zu kurz. "Atome für den Frieden" nannte US-Präsident Eisenhower 1953 dieses Programm, das er den Mitgliedern der Vereinten Nationen vorlegte. Manche sahen es anders: Aussichten auf eine "strahlende" Zukunft – formulierten Atomgegner in tragödienhafter Zweideutigkeit.

Am 25. April 1986 rechnete kein Mensch auf der ganzen Welt damit, dass sich in den kommenden Stunden ein Atomunfall ereignen würde.

Wer denkt heute, an diesem 21. April daran, dass sich vielleicht gerade in diesem Augenblick irgendwo Tschernobyl wiederholt? Vielleicht in Mexiko oder in den USA – vielleicht aber auch in Bohunice in Tschechien, nur 50 Kilometer von uns entfernt?

"Atom – Radioaktivität – Feuer". Das waren die Codeworte, mit denen dem Moskauer Katastrophenzentrum der Atomunfall von Tschernobyl gemeldet wurde.

Eine Serie menschlicher Fehlgriffe hatte zu dem geführt, was niemand erwartete: "Das Bedienungspersonal war so von der Sicherheit des Reaktors überzeugt, dass es jegliches Gefühl für die Gefahr verloren hatte. So ließ man bewusst zahlreiche Betriebsvorschriften außer acht! Das gab eine sowjetische Delegation im August 1986 als Ursache für den Unfall vor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) der UNO an.

Das Bedingungspersonal von Tschernobyl war so von der Technik überzeugt, dass jegliches Gefühl für die Gefahr verloren ging
Picture by T. Micke

Die Bedienungsmannschaft des Reaktorblocks 4 in Tschernobyl probte am 25. April 1986 den Ernstfall. Man wollte testen, ob sich bei einem totalen Stromausfall im Reaktor die Dieselaggregate rechtzeitig einschalteten, um die Atomfabrik weiterhin mit Elektrizität zu versorgen – eine Ironie des Schicksals, wenn man an die Folgen denkt.

Um diesen "Ernstfall" zu simulieren, wurde das Notkühlsystem von Block 4 abgeschaltet. Es sollte gegen 23.10 wieder in Betrieb genommen werden. Doch die Bedienungsmannschaft vergaß diesen wichtigen Griff. Eine Reihe sicherheitstechnisch nicht vertretbarer Entscheidungen folgte: die Techniker senkten die Reaktorleistung weit unter das Niveau, das für den Test notwendig war. Der Dampfblasenanteil im Kühlwasser stieg gefährlich an. Weitere Notsysteme wurden abgeschaltet und die Steuerstäbe, die die kontrollierte Kernspaltung überhaupt erst möglich machen, zum Großteil herausgezogen.

Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr wurde der Reaktorblock 4 des "Lenin"-Kraftwerks bei Tschernobyl dann "überkritisch": Völlig unkontrolliert schossen freigewordene Neutronen auf die Atomkerne des Uran-Isotops 235 – der Brennstoff des Atomreaktors. Unmengen von Kernenergie wurden frei.

Innerhalb von nur vier Sekunden stieg die Reaktorleistung auf das Hundertfache der normalen Betriebsleistung. Eine atomare Explosion, ähnlich der einer Atombombe, stand bevor. Uran – mit einem Fließpunkt von mehr als 1100 Grad Celsius – begann zu schmelzen. Das gesamte Wasser, das die Uranstäbe hätte kühlen sollen, verdampfte.


Dann sprengte eine gewaltige Dampfexplosion die Ummantelung des Reaktors, die vor der Radioaktivität schützen sollte. Die fast 1000 Tonnen schwere Abdeckung von Block 4 flog in die Luft. Brennende Trümmer fielen auf die anderen drei Reaktorblöcke, und an 30 Stellen in der Umgebung entstanden Brände.

Der glühend heiße sieben Meter hohe Graphitblock im Inneren des Reaktors kam in Kontakt mit dem Kühlwasser. Hochexplosiver Wasserstoff entstand, der drei Sekunden später in einer weiteren gigantischen Explosion Reaktortrümmer und strahlenden Staub 1,5 Kilometer hoch in den Himmel schleuderte.

So also ereignete sich der Atomunfall in Tschernobyl in der Ukraine am 26. April 1986. Dr. Robert Gale, jener Arzt, der durch Knochenmark-Transplantationen vielen Strahlenopfern das Leben rettete, rechnete aus: "Bis zu 75.000 Menschen auf der ganzen Welt werden durch das Unglück von Tschernobyl an Krebs sterben. Mehr als die Hälfte davon sind Europäer."

"Alles in allem hätte dieser Unfall auch viel schlimmer ausfallen können", meinte der amerikanische Atomingenieur Richard Webb. "Ein Viertel der radioaktiven Spaltprodukte entwich damals in die Atmosphäre. Wären es drei Viertel gewesen, dann hätte es in ganz Europa eine Katastrophe gegeben."


< Lesen Sie in Teil II dieser Serie: Strahlenfeuer 2000 Grad

© Eine Reportage von T. Micke (21-04-91) – Kontakt