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Xylotrupes-Nashornkäfer: Die Sumo-Ringer der Tierwelt

Da hätten Max und Moritz bei der Planung der berühmten "Käfer-Attacke" auf den armen Onkel Fritz ihre Freude gehabt: Große schwarze Krabbeltiere, soweit das Auge reicht. Im Norden Thailands hat man mit den Sechsbeinern allerdings anderes im Sinn. Ring frei für die Gladiatoren!



Zwei thailändische Nashornkäfer (Xylotrupes gideon L.) in Infight
Picture by T. Micke

Wie zwei wütende Sumo-Ringer gehen die beiden aufeinander los. Der Anprall ist so wuchtig, dass man noch in zwei Meter Entfernung die "Rüstungen" aufeinanderkrachen hört. Käfer gegen Käfer. Chitinpanzer auf Chitinpanzer.

Alle sechs Beine stemmen sich mit voller Kraft gegen den Rivalen, hinterlassen im weichen Jute-Holz der Arena ihre Spuren. Man glaubt, die beiden Kämpfer stöhnen zu hören, und für einen Moment bewegt sich trotz "Vollgas" keiner auch nur einen Millimeter in irgendeine Richtung. Plötzlich eine schnelle Kopfbewegung ein geschickter Hebelgriff. Mit seinen furchterregenden "Zangenkiefern" hat der Kleinere der beiden seinen gewichtigen Gegner am Hinterkopf gepackt, stemmt ihn in die Höhe, sodass der Große verzweifelt mit allen sechsen in der Luft rudert und versucht, ihn vom Kampfholz zu schmeißen.

Nashornkäfer-Gladiatoren können unglaubliche Preise auf dem thailändischen Markt einbringen
Picture by T. Micke

14 erwachsene Männer, die das Duell mit gebanntem Blick und offenem Mund verfolgen, brechen in Geschrei und Jubel aus: "Ja, jetzt!" "Gib's ihm!" "Los, fallen lassen!" In der Sprache der Thai klingt das für Europäer ungefähr so: "Lolololololo!" "Aaaaadaiiii!" "ouuh kamm, kamm, kamm, ouuh lololololo!"

Der Dicke ist zu schwer. Außerdem hat er sich seinerseits mit den Zangen am Kragen des Angreifers festgekrallt und denkt nicht daran, sich abschütteln zu lassen. Nah sieben dramatischen Sekunden muss der Kleine seinen Rivalen wieder absetzen. Der Kampf geht in die zweite Runde.

Siegreicher Thailändischer Nashornkäfer in der Gladiator-Erholungspause auf einem Stück saftigem Zuckerrohr, angebunden mit buntem Bindfaden
Picture by T. Micke

Jedes Jahr zur gleichen Zeit verwandelt sich die Ostufer-Böschung des Flusses Ping im Städtchen Chiang Mai für etwa einen Monat in ein Messegelände für Nashornkäfer. Der in Thailand zur Plage gewordene "Kwang Song" (oder Xylotrupes gideon L. aus der Familie der Scarabaeidae) hat "Brunftzeit". Unzählige paarungswütige Männchen tummeln sich in den Baumkronen des nordthailändischen Dschungels auf der Suche nach einer Geliebten. Und wie das eben so bei eifersüchtigen jungen Männchen ist, wird ordentlich um die "Liebesnacht" mit der mehrfach Angebeteten gekämpft.

Ursprünglich spielten nur die Kinder auf dem Land mit den buhlenden Nashornkäfern als Zeitvertreib. Mittlerweile aber ist daraus eine Sache für die Großen und ein lukratives Geschäft geworden.

Ein Käfer bringt je nach Größe und Aggressivität auf dem Markt in Chiang Mai zwischen zwei und vier Euro. Für kampferprobte Champions werden sogar bis zu 200 Euro bezahlt. Und trotz des staatlich-königlichen Spielverbots wechseln nach einem Duell immer wieder ein paar scheine unauffällig den Besitzer.

Was bei uns in Europa als Tierquälerei gilt, jagt den Thais kein schlechtes Gewissen ein. Die Nashornkäfer-Larven töten in den Plantagen des Südens jedes Jahr Hunderte Bananenstauden und Kokospalmen ab und gelten aufgrund ihrer Überzahl in Thailand als Schädlinge. Wenn in Chiang Mai nach der Reispflanzung die Nashornkäfer-Wochen beginnen, entwickelt sich eine richtige kleine Industrie. An den Wochenenden kommen die Käferhändler aus den Dörfern der Umgebung, um ihre Ware an den Meistbietenden zu verkaufen.

Die wahren Gladiatoren-Profis haben sogar ein eigenes Mistkäfer-Dienstauto
Picture by T. Micke

Während der eine auf dem Boden seine krabbelnden Schätze ausbreitet, macht daneben ein Erfrischungsstand auf. Ein anderer bietet gebratenen Reis für die hungrige Kundschaft an, der nächste verkauft Käfer-Zubehör. Ein unbedingtes "Muss" für jeden, der hier in das Geschäft einsteigt, sind die süßen Zuckerrohr-Stängel, die den Tieren als Nahrung dienen. Außerdem gibt es bunte "Käfer-Leinen", um die wertvollen Krieger daran zu befestigen, Kampfhölzer mit einer Kammer im Inneren, in der ein Nashornkäfer-Weibchen zur "Motivation" gehalten wird, und kleine, handgeschnitzte Holzquirle. Diese bleistiftgroßen Stäbchen sind für die beiden Trainer der krabbelnden Gladiatoren so wichtig wie für den Jockey die Reitgerte.

Mit angespannten Gesichtern sitzen die zwei am jeweiligen Ende der etwa einen Meter langen "Arena". Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zwirbelt jeder von ihnen seinen Miniquirl und erzeugt damit auf dem Kampfholz ein schnelles, trommelndes Geräusch, das die Käfer von hinten aufeinander zu treibt. Je nach Geschmack und Überzeugung ist an den Stöckchen auch noch eine kleine Blechschelle befestigt, die zusätzlichen Lärm verursacht.

Thailändische Nashornkäfer in Zweikampf: Auf dem Stamm werden sie durch das vibrierende Zwirbeln eines Ästchens angetrieben
Picture by T. Micke

Wenn einer der Kontrahenten vom Holz fällt, hinuntergeworfen wird oder davonläuft, ist der Kampf beendet. Der siegreiche Käfer kommt wieder an die Leine, nimmt ein paar Stärkungshappen vom Zuckerrohr und wartet auf den nächsten Herausforderer.

Manchmal wird allerdings auch der Verlierer-Käfer zum eigentlichen Gewinner. Wenn die Enttäuschung des Besitzers über die Niederlage besonders groß ist, landet der "Versager" mit einem gezielten Wurf auf dem nächsten Baum und kann wieder nach Herzenslust seinen Mädels nachsteigen.


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© Eine Reportage von T. Micke (26-10-96) – Kontakt