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Radiolarien und Kieselalgen: Sternenhimmel unter dem Mikroskop

In nur einem Liter Meerwasser leben Milliarden winziger Wesen. Forscher entdecken erst jetzt den Artenreichtum, der schon in einem einzigen Tropfen unter dem Mikroskop einen ganzen Sternenhimmel phantastischer Formen offenbart.



Meeresbrandung an der französischen Atlantikküste
Picture by T. Micke

Wer schon einmal das Glück hatte, in sauberem Meerwasser schwimmen und schnorcheln zu gehen, weiß: Wenn nicht gerade die Meeresbrandung für Schaumkronen sorgt, kann man oft viele Meter tief bis auf den Grund sehen, kleine Fischschwärme beobachten oder bunte Korallenriffe mit ihren farbenprächtigen Bewohnern. Aber kaum einer macht sich Gedanken darüber, dass dieser Blick zum Meeresgrund an vielen Milliarden kleinsten Lebewesen vorbeistreift, die mit freiem Auge kaum oder gar nicht sichtbar sind und erst unter dem Mikroskop bei tausendfacher Vergrößerung eines Wassertropfens wie aus dem Nichts erscheinen.

Wissenschafter um den amerikanischen Meeresbiologen Mitchel Sogin haben nun mit einer neuen Messmethode verblüfft festgestellt, dass schon ein einziger Liter Meerwasser bis zu 20.000 verschiedene Arten von Bakterien enthält. In den Weiten der Weltmeere sollen sich gar bis zu 10 Millionen verschiedene Arten tummeln.

Erstaunlich und ein wenig erschreckend zugleich: Füllt ein Bub am Strand seinen Plastikkübel mit Meerwasser, um den Festungsgraben seiner Sandburg zu füllen, so schwimmen allein darin schon Milliarden Lebewesen. Mehr als Menschen auf unserer Erde leben.

Wenn auch die meisten dieser Meeresbewohner Bakterien sind, so tut sich in einem Tropfen von warmem Pazifik-Oberflächenwasser unter dem Mikroskop ein ganzes Universum spektakulärer Wesen auf: Algen (vor allem Kieselalgen) und unter anderem Strahlentierchen. Allesamt Einzeller, die Teil des wertvollen Planktons sind, das als Nahrung für unzählige Fische, Vögel und Säugetiere dient, die dann wiederum auf der Speisekarte des Menschen stehen.

Kieselalgen (so genannte Diatomeen) bilden ein glasartiges, zweiteiliges Schachtel-Skelett, das ihre weiche Zelle umgibt. Wenn sie sich vermehren, indem sie sich teilen, bekommt jede der neuen Mini-Algen eine Hälfte dieser Schachtel mit auf den Weg. Die andere Hälfte muss nachgebaut werden, indem die Alge dem Meerwasser Siliziumdioxid (SiO2) als Baustoff entnimmt. "Topf und Deckel" passen dann wieder zusammen. Die Skelette der Kieselalgen werden übrigens heutzutage als winzige Reflektoren in der Farbe für Straßenmarkierungen verwendet, für die Herstellung von Sprengstoff und Filtern benötigt und kommen auch in Zahnpasta als so genannter "Putzkörper" vor.

Kieselalgen sind zusammen mit anderen ähnlichen Pflanzenwinzlingen außerdem die eigentliche Lunge unseres Planeten. Mithilfe von Sonnenlicht zerlegen sie Unmengen von Kohlendioxid (CO2) in seine Bestandteile und produzieren auf diese Weise zirka die Hälfte des Sauerstoffs auf unserer Erde. Wie man sieht, also kein Grund, sich beim Schwimmen und Tauchen vor dem unsichtbaren Gewimmel im Wasser zu ekeln, sondern eher stolz darauf zu sein, dass wir ein Teil dieses faszinierend vielfältigen Ökosystems sind, das nur zusammen funktionieren kann.

Ähnlich atemberaubende Skelettkonstruktionen, diesmal aber nicht auf der Flora-, sondern auf der Fauna-Seite der Schöpfung (die hier nur eine sehr dünne Grenze zieht), basteln einzellige Strahlentierchen in ihrer Kinderstube in nicht einmal einer Stunde aus dem oben erwähnten Baustoff Siliziumdioxid. Die dabei entstehenden Formen lassen Architekten erblassen und dienen Designern seit ihrer Entdeckung vor mehr als 150 Jahren als heimliche Vorlagen: Sternschnuppen-Geschwader fürs Kinderzimmer, Wagenräder wie Sportwagen-Zierfelgen, Saturnringe als Mode-Accessoires, futuristische Fußballstadien, Helme für außerirdische Hollywood-Kriegsfürsten, Glockenspiele – all das von der Natur ersonnen und in einem Mikrokosmos versteckt, der in einem Kübel Wasser Platz hat.

Auch diese Strahlentierchen ernähren sich von den Bakterien im Wasser aber auch von Algen und gelösten Nährstoffen und nützen dabei die Dornen und Löcher ihrer wilden Skelettformen, um winzige durchsichtige "Tentakel" in Position und Form zu bringen, mit denen sie ihre Beute fangen. Ist die Lebenszeit eines Strahlentierchens abgelaufen, bleibt das spektakuläre Skelett übrig und sinkt zum Meeresboden. Aus dem sehr harten, feuersteinartigen Material, das nach langer Zeit unter viel Druck daraus entsteht, haben unsere Vorfahren Werkzeuge und Speerspitzen hergestellt.

Seit mehr als 500 Millionen Jahren gibt es Strahlentierchen auf der Erde. Obwohl sie im Vergleich zu uns Menschen uralt sind und uns wohl auch überleben werden, sind sie so filigran und empfindlich konstruiert, dass es fast nicht möglich ist, diese Winzlinge lebend zu beobachten. Trotzdem gelang geduldigen Meeresforschern noch eine weitere erstaunliche Entdeckung: Wie Gasfesselballons über Land können Strahlentierchen im Meer auf- und absteigen. Als Ballast nehmen sie dann allerdings keine Sandsäcke an Bord, sondern kleine Öltröpfchen aus ihrer Nahrung, die sie bei Bedarf "abwerfen" können.


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© Eine Reportage von T. Micke (08-10-06) – Kontakt