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Stephen Hawking: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf!"

Nachlese-Mitarbeiter Tobias Micke gelang es, den als extrem medienscheu geltenden weltbekannten Wissenschaftler Stephen Hawking in seinem Büro in Cambridge zu besuchen. Anlass dieser sehr ungewöhnlichen Begegnung: Der oft wie ein Popstar gefeierte Physiker hat gemeinsam mit seiner Tochter das Kinderbuch "Der geheime Schlüssel zum Universum" geschrieben.



Stephen Hawking bewegt seinen linken Wangenmuskel. Der Infrarotsensor an seiner Brille sendet den Impuls an den Sprachcomputer
Picture by T. Micke

Stephen Hawking. Sagt Ihnen der Name etwas? Wenn Sie ihn sehen bestimmt. Er ist dieser Wissenschaftler, der durch eine schleichende Nervenkrankheit seit Jahren an einen Rollstuhl gefesselt ist und sich nur mithilfe eines Sprachcomputers verständigen kann. Außerdem ist er der einzige Mensch, der in einer legendären Folge von "Raumschiff Enterprise" bei einer Pokerpartie mit Albert Einstein und Isaac Newton sich selbst spielen durfte.

Für manche Menschen steht er als Astrophysik-Genie, "Herr der Schwarzen Löcher" und naturwissenschaftlicher "Welten-Denker" auf einer Stufe mit Allzeit-Größen wie Einstein und Newton. Für andere ist er "einfach nur" ein gewaltiges Vorbild an Lebensmut. Einer, der sein schweres, für gesunde Menschen fast unvorstellbares Schicksal eindrucksvoll meistert.

"Also ich weiß nicht. Wo immer ich hinkomme verwechseln mich alle mit diesem Physiker", blödelte Stephen Hawking einmal mit seinem trockenen britischen Humor anlässlich einer Reise nach Hongkong, wo er und seine Tochter von Fans derart belagert wurden, dass die beiden unter falschem Namen das Hotel wechseln mussten. Freilich: Hawkings Erscheinung mit der von irgendjemand anderem zu verwechseln ist nahezu unmöglich. Und so nützte das kleine Täuschungsmanöver nicht viel.

Der Forscher leidet seit vielen Jahren an einer Krankheit, die nach und nach alle Muskeln lähmt und schließlich auch die Atmung zum Stillstand bringt. Während die Medizin solchen Patienten Monate, bestenfalls noch ein paar Jahre Frist einräumt, ist Hawking, der seit 41 Jahren im Rollstuhl sitzt und 2007 zu seinem 65. Geburtstag sogar bei einem Parabelflug wagemutig die Schwerelosigkeit ausprobierte, der lebende Gegenbeweis.

***

Heute Nachmittag werde ich also diesem Stephen Hawking in seinem Büro am Institut für theoretische Physik und angewandte Mathematik an der britischen Elite-Uni Cambridge gegenübersitzen. Jenem Mann, der nach der alles beschreibenden Weltformel sucht, der sich mithilfe von Mathematik ein grenzenloses Universum vorstellen kann, nach dem ein astrophysikalisches Phänomen, die Hawking-Strahlung benannt ist und der beim Erarbeiten all seiner Theorien ein wahrer Weltmeister im Kopfrechnen sein dürfte, da das mittlerweile einzige, womit er sich verständigen kann, das Anspannen eines Gesichtsmuskels ist; für einen Wissenschaftsredakteur ein ähnlich aufregendes Erlebnis, wie für einen Theologiestudenten eine Privataudienz beim Papst sein muss.

Wir treffen Hawkings quirlig-karismatische 36-jährige Tochter Lucy in der Eingangshalle des Uni-Instituts. Sie hat uns gebeten ein paar unserer Fragen vorab zu schicken, damit der Professor Zeit hat, sie zu beantworten. "Der berühmte Sprachcomputer meines Vaters", erklärt Lucy Hawking, "hat zwar alles sehr vereinfacht, nachdem mein Vater vor einigen Jahren durch einen Luftröhrenschnitt die Fähigkeit zu sprechen verloren hat, aber es dauert nun einmal bis zu einer Viertelstunde, bis er eine Antwort eingegeben hat. Es sei denn", scherzt sie, "Sie haben nur Fragen die sich mit ,Ja' und ,Nein' beantworten lassen."

Stephen Hawking mit seiner Tochter Lucy im Büro der Universität für theoretische Physik und angewandte Mathematik in Cambridge
Picture by T. Micke

Irgendwie hatte ich mir Hawkings Büro wie jenes von Magiermeister Dumbledore in Harry Potters Zauberschule Hogwarts vorgestellt: Knarzende Parkett-Böden, eine jahrhundertealte geschnitzte Holzdecke, stapelweise ledergebundene wissenschaftliche Almanache, absonderliche antike Instrumente und Sternenkarten. Aber das Institut ist ein moderner Glaspalast, Hawkings Zimmer (das er mit einem Spezialaufzug ohne fremde Hilfe erreichen kann) ein heller Raum mit vielen Fenstern, einem aufgeräumten Schreibtisch, einem gut bestückten Bücherregal dahinter und einer Tafel, auf der mit Kreide eine Unzahl Formeln gekritzelt ist. Für den Professor und seine Assistenten liest sich das wahrscheinlich wie ein Routine-Kochrezept für Ursuppe, für mich wirkt es schlicht außerirdisch.

Überall sind Fotos aufgestellt: Hawkings drei Kinder aus erster Ehe und seine zwei Enkel. Hawking mit Marilyn Monroe. Auf einer Widmung von Steven Spielberg steht: "Ich bin ein großer Bewunderer. Ich filme ja nur die sogenannten ,Stars' und ,Sternchen'. Aber Du lebst inmitten der richtigen Sterne." Gleich daneben Hawking in Zeitungskarikaturen, als Bart-Simpson-Figur und natürlich: Hawking frei schwebend, nach mehr als 40 Jahren erstmals ohne Rollstuhl unterwegs bei seinem Schwerelos-Parabelflug vor drei Monaten – übers ganze Gesicht strahlend wie ein 13-Jähriger.

Das bemerkenswerteste in diesem Raum sind aber die Augen des Professors selbst, der – wie man ihn von unzähligen Bildern kennt – seitlich angelehnt hinter seinem Schreibtisch in seinem Maß-Rollstuhl mit eingebautem Computermonitor sitzt. Lebhaft hellgrau blitzen sie uns entgegen, uschen von einem zum anderen, nehmen jedes Detail auf, während sein Sprachcomputer ein trockenes "Hello. Welcome." von sich gibt.

Die Zeit ist wertvoll, jede Frage muss gut überlegt sein, weil die Antwort ihre Zeit braucht. Also gleich zur Sache: Mr. Hawking, Sie haben im April einen Parabelflug in die Schwerelosigkeit absolviert. Die Einladung eines US-Unternehmers steht bereits, in zwei Jahren mit einer der ersten Privat-Raumfähren wirklich einen Blick ins All und hinunter auf die Erde zu werfen. Sie wollen die Leute für den Weltraum begeistern. Macht es ihrer Meinung nach Sinn, dass der Mensch sich angesichts des Klimawandels und anderer Katastrophen nach neuen, bewohnbaren Welten umsieht?

Sobald die Frage gestellt ist, fällt Hawkings Blick von seinem Gesprächspartner hinunter auf den Monitor vor ihm und hebt sich erst wieder, als die Antwort fertig ist. Konzentriert folgen seine Augen einem Cursor, der über das Alphabet auf dem Schirm wandert. Als dieser bei "d" ankommt, spannt der Professor schnell den rechten Wangenmuskel an. Ein Infrarotsensor, der an seinem Brillengestell befestigt ist, registriert die Bewegung und gibt sie als "okay" an den Rechner weiter. Als nächstes erscheint eine Kolonne von Wörtern mit "d". Zwar alphabetisch aber außerdem in einer Reihenfolge, die der Computer vorgibt und sich daran orientiert, wie oft der Professor die Worte in der Vergangenheit benützt hat. Der Cursor läuft, das Zucken des Gesichtsmuskels bestätigt. Nächstes Wort.

Ein Blick auf den Bildschirm von Stephen Hawkings Sprachcomputer. Er wälhlt passende Wörter aus.
Picture by T. Micke

Hawking ist schnell. Aber wie man so mit seiner Umwelt kommunizieren, zudem daheim Fernsehen, Radio, Lichtschalter und Türen bedienen kann, einzig mit dem Anspannen eines Gesichtsmuskels, eines einzigen – wenn man so will "binären" – Signals, ist unvorstellbar. Früher konnte er die Wortwahl noch mit einem Fingerschalter bestätigen. Und obwohl wegen seiner Krankheit nicht einmal mehr das geht, hält Hawking unvermindert Vorträge, schreibt Bücher, diskutiert mit Fachkollegen und gibt hin und wieder Interviews – wenn auch all das (aus Sicht der anderen) in Zeitlupe.

Und so ist auch unser Gespräch eine Lektion in Geduld: Für eine gute Antwort ist keine Zeit der Welt zu schade. Und wir warten gerne. Schon weil es die Nerven beruhigt und weil es Zeit gibt über das eigene Tempo und die eigenen Grenzen und Möglichkeiten im Leben nachzudenken.


Hawkings Antworten zusammengefasst: "Der Mensch hat keine Zukunft, wenn er nicht in den Weltraum geht, denke ich. Mars und Mond sind derzeit realistische Ziele, wenn auch nicht sehr einladend. Und in ferner Zukunft wird es weiter hinausgehen. Ob man dazu Zeitreisen braucht? Ich habe ausgerechnet, dass die Naturgesetze die Chronologie der Ereignisse schützen und so eine Reise in die Vergangenheit verhindern. Reisen in die Zukunft? Wir alle reisen doch schon in die Zukunft. Die spannende Frage ist, ob wir doch irgendwie wieder zurück könnten. Wirklich Sorgen mache ich mir aber, dass die Erderwärmung einen kritischen Punkt erreicht, wo wir nicht mehr zurück können. Die Zeit drängt. Es gibt keinen anderen geeigneten Planeten, den wir mit unserer Technologie erreichen könnten. Wir Menschen scheinen immer noch ziemlich dumm zu sein. Aber wir können noch viel erreichen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf!"

Die Hoffnung als Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben dieses außergewöhnlichen Menschen, der laut Ärztediagnosen schon lange nicht mehr leben dürfte. In diesem Sinn ist wohl auch das neue Kinderbuch zu sehen, das der britische Professor gemeinsam mit seiner Journalisten-Tochter Lucy geschrieben hat und das auf Deutsch ("Der geheime Schlüssel zum Universum" im cbj-Verlag) natürlich auch in Österreich erhältlich ist. So viel sei kurz verraten: Es ist eine Abenteuergeschichte zweier Kinder, die nebenbei auf verständliche Weise die Wunder und Gesetze des Kosmos beschreibt und letztlich auch klar macht, wie einzigartig unser kleiner blauer Planet Erde als Zuhause ist.


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© Eine Reportage von T. Micke 15-07-07) – Kontakt