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Stammzellen-Forschung: Revolution an der Quelle des Lebens

Wissenschaftern des AKH in Wien dürfte eine internationale Sensation gelungen sein: Demnach müssten zur Gewinnung von Stammzellen, dem "Gold" der Genforscher, keine Embryos mehr sterben.


Den Visionen von Ärzten und Genforschern, was man alles mit den sagenhaften so genannten Stammzellen zum Wohle der Menschheit anstellen könnte, sind wenig Grenzen gesetzt: Blutkrebs heilen, Herzmuskelgewebe nach einem Infarkt wieder beleben, die Zuckerkrankheit bekämpfen oder bisher als unheilbar geltende tödliche Geißeln wie das Nervenleiden Parkinson oder das Gehirn zerstörende Alzheimer-Syndrom aus der Welt schaffen.

Und das sind nur die greifbarsten Wunder, die die Super-Zellen in einigen Jahren, wenn die Forschung so weit ist, vollbringen sollen.

Stammzellen sind jene kleinen Bio-Bausteine, die ganz am Anfang eines neuen Lebens stehen. Wenn sich Ei- und Samenzelle vereint haben und sich zu vermehren beginnen, dann entstehen zu Beginn besagte Super-Zellen, die wie kleine Zauberkünstler in der Lage sind, sich je nach Bedarf in die rund 200 verschiedenen Zelltypen, die der Mensch besitzt, zu verwandeln. Also zum Beispiel in eine Haut-, Knochen-, Nerven- oder Muskelzelle. Ungefähr so, wie wenn die Rohziegel eines neuen Hauses sich je nach Wunsch des Baumeisters in Türen, Fensterscheiben oder Wasserleitungen verwandeln könnten.

Eine unglaubliche Leistung, die Zellen im fertigen menschlichen Körper nicht mehr oder nur in sehr eingeschränktem Maß beherrschen. Etwa nach einer stark blutenden Schnittverletzung: Da sorgen so genannte adulte (erwachsene) Stammzellen dafür, dass der Körper das verlorene Blut nachproduziert. Aber aus einer solchen Zelle kann leider selbst im Labor keine Nerven- oder Knochenmarkzelle werden, die man bei einer Therapie gegen Parkinson oder Leukämie einsetzen könnte. So viel Flexibilität ist von einer adulten Stammzelle zu viel verlangt.

Zu diesem uneingeschränkten Verwandlungswunder in alle rund 200 verschiedenen Zelltypen des menschlichen Körpers waren nach bisheriger Erkenntnis nur die Stammzellen eines wenige Tage alten Embryos in der Lage.

Etwas deutlicher gesagt: Ein menschliches Leben muss erzeugt und dann zerstört werden, um an das Wundermittel "pluripotente Stammzelle" zu gelangen, von dem man sich so Großes verspricht. In vielen Ländern, wie auch in Österreich und Deutschland, ist das verboten. In anderen, wie England, Holland und Schweden nicht. Und die gesetzliche Hintertür, solche embryonalen Stammzellen einfach aus diesen Ländern zu importieren, steht noch immer weit genug offen.

Wo ist die Grenze, bis zu der ein paar Zellen bloß ein paar Zellen sind? Schließlich wird auch schon menschliche Haut künstlich in Labors gezüchtet, um Verbrennungsopfern zu helfen. Und wo ist der Punkt, an dem schützenswertes Leben entstanden ist? Eine Diskussion, die schon seit Jahren Forscher, Gerichtshöfe, christliche Ethiker und Regierungen beschäftigt.

Weltweit suchten Wissenschafter fieberhaft nach Alternativen zu diesen embryonalen Stammzellen. Man fand im Blut der Nabelschnur von Neugeborenen Zellen, die sich bis zu einem gewissen Grad noch verwandeln können. In den Milchzähnen entdeckte Zellen haben noch die Fähigkeit Knochenmaterial und Gewebe zu bilden. Aber das eigentliche Problem blieb ungelöst. Bis jetzt!

Der 35-jährige Wiener Uni-Professor Dr. Markus Hengstschläger und sein Team von Genetikern scheinen den ehrenvollen Forschungswettlauf um eine echte Alternative zum Zerstören von Embryos gewonnen zu haben. Der an der Frauenklinik des Wiener AKH tätige Forscher entdeckte im Fruchtwasser schwangerer Frauen Zellen, die nach allen bisherigen Tests dieselben Fähigkeiten zu haben scheinen wie embryonale Stammzellen. Eine Sensation, die noch mehrfach überprüft werden muss, aber jetzt schon weltweit bejubelt wird. Denn das Fruchtwasser, das nach der Geburt eines Kindes nicht mehr benötigt wird, könnte mit Einverständnis der Mutter genutzt werden, ähnlich wie eine Blutspende.

Dr. Hengstschläger: "Wir sind noch ziemlich vorsichtig mit dem Jubeln, aber die Hinweise sind schon sehr stark, dass wir eine echte Lösung gefunden haben. Dann könnte endlich weltweit ohne moralische Bedenken an neuen, revolutionären Therapien gearbeitet werden."

Eine davon würde direkt am AKH für Furore sorgen. Hengstschläger: "Es gibt eine Fehlbildung, die es notwendig macht, das Kind direkt nach der Geburt mit zusätzlicher Haut zu versorgen. Solche Fälle kann man früh, etwa im vierten Schwangerschaftsmonat erkennen. Mit unserer Entdeckung könnte man schon zu diesem Zeitpunkt Stammzellen des ungeborenen Kindes aus dem Fruchtwasser der Mutter entnehmen und daraus im Labor Hautzellen wachsen lassen. Fünf Monate später, wenn das Kind geboren wird, lässt sich diese Haut, die biologisch mit der Haut des Kindes identisch ist und daher auch nicht vom Körper abgestoßen wird, für die Operation verwenden."

Aber auch wenn sich die österreichische Stammzellen-Sensation bewahrheitet, ist es noch ein weiter Weg bis zur medizinischen Revolution des 21. Jahrhunderts in der kranke Organe wie Leber, Niere und Herz nicht mehr in riskanten Spender-Operationen ausgetauscht werden müssen, um den Patienten am Leben zu halten, sondern mittels gezielter Stammzellen-Therapie gesund "gezaubert" werden.

Dr. Hengstschläger: "Aus den bisherigen Experimenten weiß man eigentlich lediglich, dass Stammzellen, an der richtigen Stelle im Körper eingesetzt, das dortige Problem besser machen. Warum das so ist, ob die Stammzellen die kranken Zellen ersetzen oder sie auf irgendeine Weise reparieren, das gehört noch immer zu den Geheimnissen des Lebens."


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© Eine Reportage von T. Micke (13-07-03) – Kontakt