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Infrastruktur: Wenn Städte verfaulen

Wie der Mensch braucht auch jede Stadt regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen. Statt Fachärzten fühlen hochspezialisierte Techniker mit modernsten Methoden unseren Metropolen den Puls. Fehlen diese Kontrollen, dann sterben Menschen.



Die Mega-Städte der Welt (hier New York) verfaulen langsam
Picture by T. Micke

Diagnose: Rost! Als in New York vor einigen Wochen ein 83 Jahre altes Dampfrohr in die Luft flog und wie bei einem Bombenanschlag aus dem Untergrund einen riesigen Krater hinterließ, starb eine Frau, Dutzende Menschen wurden verletzt. Die Katastrophe wäre vorhersehbar gewesen, wenn die Stadt ihre Leitungen besser kontrollieren lassen würde. Auch der Einsturz der Autobahnbrücke in Minneapolis war vermeidbar, ebenso, wie man die für moderne Großraumjets zu kurze Landebahn des alten Flughafens von Sao Paolo hätte entschärfen können, bevor 200 Menschen in einem Wrack sterben. –Wenn das Geld dafür da wäre.

Flughäfen, Brücken, Straßen, Schienen, Wasser-, Strom- und Heizungsleitungen: Sie sind das Rückgrat jeder Metropole, das Skelett, auf dem alles aufbaut. Lässt man zu, dass dieses Skelett "verfault", dann kann auch der "Organismus Stadt" nicht richtig funktionieren. Aber viele Entscheidungsträger scheuen sich, die nötigen Summen für die Renovierung dieser Infrastruktur bereit zu stellen. Reparaturen kosten Geld und ihre Notwendigkeit ist für Steuerzahler (und Wähler) oft erst erkennbar, wenn die Katastrophe da ist.

Wien hat hier aus eigener leidiger Erfahrung gelernt. Stadtrat Rudolph Schicker: "Nach dem Einsturz der Reichsbrücke 1976 wurden die Sicherheitsbestimmungen stark verschärft. Auch die neugebaute Brücke hat jetzt schon eine Generalsanierung hinter sich, bei der Sensoren eingebaut wurden, die die Kontrollen noch verbessern."

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Picture by Petra Spiola

"Städte sind die Herzstücke unserer Zivilisation", erklärt der in Wien lebende US-Zukunftsforscher John Naisbitt im Interview: "Sie müssen permanent erneuert werden, damit sie funktionieren. Gerade Österreich hat viel Erfahrung auf diesem Gebiet. Man sehe sich nur in Wien den U-Bahn-Ausbau an, der immer wieder unter sehr alten Gebäuden hindurchführt. Oder das Projekt in Bad Ischl wo meine Frau herkommt. Dort wird eine riesige Tiefgarage unter dem alten Ort gegraben, um der vielen Autos Herr zu werden. Derzeit schießen besonders in Asien Städte wie Pilze aus dem Boden und alle 13 Monate entsteht ein neuer Flughafen. Man sieht hier sehr deutlich, was die Infrastruktur für das Florieren von Riesenmetropolen wie Schanghai bedeutet."

Allerdings: Egal, wie sorgfältig gebaut wird, unter Belastung gibt fast jedes Material irgendwann nach. Das haben Forscher längst herausgefunden. Weltweit im Spitzenfeld bei solchen Ermüdungstests ist das Uni-Institut für Physik und Materialwissenschaft der Wiener Boku. Hier hat man seit Jahrzehnten eine Methode verfeinert, die alle herkömmlichen Belastungstests in den Schatten stellt. Um zu überprüfen, ob ein bestimmtes Material (z.B. für Flugzeuge oder Bohrinseln) einer Belastung 30 Jahre lang standhalten kann, benötigen die Wiener Profis gerade einmal 140 Stunden. Mit Hilfe von Ultraschall können wir z.B. eine Stahlprobe 20.000 Mal in der Sekunde so schwingen lassen, dass sie zu glühen beginnt, wenn man sie während des Tests nicht kühlt. Prof. Dr. Stefanie Tschegg: "Bevor die Probe so ,gealtert’ ist, dass sie bricht, kann man mithilfe von Filmaufnahmen und Spezial-Mikroskop ganz genau bestimmen, ob eine Brücke aus diesem Material noch stabil genug ist oder ob sie ersetzt werden muss."

Dann sollten die Verantwortlichen allerdings auch den Experten-Empfehlungen folgen. So ist schon lange bekannt, dass New Yorks 116 Jahre alte Brooklyn-Bridge in noch schlechterem Zustand ist als die eingestürzte Brücke von Minneapolis. Stadtrat Schicker: "Ich kenne die Brücke nach Brooklyn. Da fährt man wirklich mit sehr gemischten Gefühlen drüber. Wenn in Österreich eine solche Brückensanierung unerwartet notwendig wird, dann werden neue Projekte verschoben und das Geld für die Reparatur genommen. Das muss möglich sein. Dieses Umdenken haben Länder wie die USA noch vor sich."


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© Eine Reportage von T. Micke (19-08-07) – Kontakt