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Der Spinnen-Mann

Seit mehr als 30 Jahren erforscht ein Wiener Uni-Professor Jagdspinnen und ihre "übernatürlichen" Sinne: Ihre Bio-Sensoren sind vom Feinsten und liefern Ideen für die Technologien von Morgen.



Spinnenkönigin: Eine Tarantel im Regenwald von Costa Rica
Picture by T. Micke

"Spinnen sind ganz wunderbare Kreaturen", erklärt Prof. Friedrich Barth und sperrt die Tür zum Zuchtraum im Keller des Wiener Uni-Instituts für Zoologie auf. Der Anblick ist nichts für spinnen-sensible Gemüter und Menschen, die unter "Arachnophobie" leiden: In mehreren Regalreihen bis an die Decke stehen große, abgedeckte Gurkengläser, in denen sich bis zu handtellergroße Achtbeiner räkeln (im Bild eine Tarantel). Jagdspinnen der Gattung Cupiennius, die keine Netze weben und normalerweise auf Bromelien und Stauden leben, mehrere hundert davon. Wenn man die frisch geschlüpften Jungtiere noch dazurechnet, sind es Tausende.

Geht man weiter in den Raum hinein, hat man im ersten Moment den Eindruck, dass die Uni-Putzfrau sehr schlecht bezahlt sein muss: Über die Decke spannt sich eine dicke Wolke von Spinnweben, und die dazugehörigen, über unseren Köpfen turnenden Tierchen haben ebenfalls fast die Größe einer Computermaus. "Ach die", meint Barth lakonisch, "wir erforschen hier auch das Verhalten und die Fähigkeiten von Netzspinnen." Und fügt lächelnd hinzu: "Die Tiere mögen die Nähe zum Ventilationsschacht besonders gern. Von dort kommt oftmals Frischfutter hereingeflogen..."

Prof. Barth ist der echte "Spiderman". Einen größeren Experten, speziell was die südamerikanische Cupiennius-Gattung angeht, gibt es nicht. Und wohl auch keinen Ort auf der Welt, wo so viele Spinnen auf einem Fleck wohnen. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich mit den Tierchen, von denen die ersten Exemplare als blinde Passagiere mit Bananenlieferungen aus Übersee in Münchens Großmarkthalle für Aufregung sorgten. Von dort traten sie vor allem wegen ihrer Robustheit einen Siegeszug durch die zoologischen Labors an.

"Diese faszinierenden Tiere haben 400 Millionen Jahre Entwicklung hinter sich, erklärt der Neurobiologe, und dabei ganz unglaublich leistungsfähige Sinnesorgane hervorgebracht, die dem Menschen völlig fremd sind und deren Eigenschaften man für die Entwicklung hochsensibler Sensoren für Roboter, Miniaturisierungen in der Nano-Technik und sogar für perfektere Prothesen nützen kann." So arbeitet Friedrich Barth mit scheinbar nur entfernt verwandten Forschungsabteilungen wie dem Institut für Leichtbau der Technischen Uni Wien zusammen oder mit dem Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart. Sie alle wollen von den Spinnen lernen.

Sinneshaare an den Beinen einer Cupiennius-Jagdspinne
Picture by Friedrich Barth

Wie ist es möglich, dass die Tiere mit winzigen "Spalt-Sensoren" an den Beinen ein auf derselben Bananenstaude sitzendes, begehrenswertes Cupiennius-Weibchen in fast vier Meter Entfernung nur durch die Vibrationen ihres Auftretens von einem Beutetier unterscheiden kann? Wie schafft es die Spinne, in fast stockdunkler Nacht den typischen Flügelschlag einer Fliege in zwanzig Zentimeter Entfernung mit ihren hochsensiblen Sinneshärchen von einem Windhauch zu unterscheiden und sie dann mit einem präzise anvisierten Sprung zu fangen?

Prof. Barth hat diese so genannten Bio-Sensoren genau untersucht und in seinem Buch "Sinne und Verhalten – Aus dem Leben einer Spinne" (Springer Verlag) beschrieben. Er hat herausgefunden, dass die hochempfindlichen Spaltsensoren einer Jagdspinne Kompressionen von nur einem zehnmillionstel Millimeter registrieren können, und weiß, dass auf einem einzigen Quadratmillimeter Bein bis zu 400 feinste Tasthärchen Platz finden. Barth: "Mithilfe solcher Sensoren kann sich die Spinne ein komplexes, hochaufgelöstes Bild ihrer Umgebung machen, das sie zum Überleben und zur Fortpflanzung braucht."

Klar, dass sich Techniker vieler Sparten für die Entdeckungen des Spinnen-Professors interessieren. Denn in der Welt der Technologie benötigt man solche Vorbilder aus der Natur zur Nachahmung, wenn alles immer noch kleiner, kompakter und besser werden soll. Handys zum Beispiel enthalten heute neben ihrer Grundfunktion schon fast selbstverständlich Kamera, Radio, Video, Navigation, elektronische Geldbörse und seit neuestem sogar (bei der Firma Siemens) einen Sensor, der als mobiler Alkomat funktioniert. Da braucht es immer wieder neue Ideen, wie diese Flut von Funktionen und ihre wichtigsten "Informanten", die Sensoren, geschrumpft und verbessert werden können.

Hunderte Millionen Jahre Entwicklungszeit hatte die Natur, um so perfekte Tiere wie die bei uns oft unbeliebten Spinnen hervorzubringen und ihre Sinne immer wieder zu verfeinern und leistungsfähiger zu machen. Da ist es irgendwie verständlich, dass ein leidenschaftlicher Forscher wie Friedrich Barth sie schlicht und einfach "schön" findet...


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© Eine Reportage von T. Micke (17-10-04) – Kontakt