Welt-Bildung

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

NACHLESE INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Speedskifahrer Harry Egger: Den Tod ausgebremst

Die Jagd nach dem ultimativen Weltrekord, nach Geschwindigkeiten jenseits der 260 km/h, kostete ihn beinahe das Leben. Der Osttiroler Harry Egger hat seine Karriere als "moderner Gladiator" beendet. Besuch bei einem Grenzgänger, der seine Grenzen erkannt hat.



Harry Egger kurz vor seinem lebensgefährlichen Sturz bei der Rekordjagd in Chile
Picture by Red Bull

Bei knapp 230 km/h – das ließ sich nachher aus den Computerdaten auswerten – verlor Harry im Herbst 2007 in den chilenischen Anden bei La Parva die Kontrolle über seine Skier. Die Piste passte nicht, besser gesagt der Schnee, der pickelhart war statt aufgefirnt. Die Innenkanten, auf denen man ab 200 km/h fahren muss, fanden keinen Halt mehr. Fast zwei Sekunden lang – bei diesem Tempo gut 100 Meter – raste er auf einem Ski dahin. Hätte sich der Ski plötzlich "gefangen", wäre es aus gewesen. Mit einem 12 Kilo schweren Carbon-Ganzkörperspoiler ohne Airbags und Knautschzonen, einer "Rüstung" aus der Formel-1-Hexenküche des Aerodynamikers Charles Bienz mit eingebauter Sauerstoff-Zufuhr und Bremsfallschirmen, hätte es bei 230 km/h nicht mehr viel genützt, dass neben der Rennstrecke ein Helikopter wartete, um den Osttiroler nach Santiago zu bringen, wo ein eigener Operationssaal für den Fall der Fälle vorreserviert worden war...

Es gab in der Geschichte immer Menschen, die sich, berauscht vom Adrenalin der Grenzerfahrung, wie Gladiatoren ihren Unterhalt durch das Spiel mit dem Tod verdient haben. Bestaunt und angefeuert von Zuschauern, die zwar fassungslos den Kopf schütteln, aber gleichzeitig fasziniert hinsiehen. Im alten Rom war das schon so. Und es ist auch im 21. Jahrhundert nicht viel anders.

Harry Egger mit Journalist Tobias Micke im Interview in seiner Wohnung über Lienz
Picture by T. Micke

Ich habe Harry Egger 2001 als einen solchen 35-jährigen "Gladiator" kennengelernt. Damals, nachdem er zweimal in Les Arcs Weltrekord (mit 229 bzw. 248,1 km/h) gefahren war, wollte er in Lech am Arlberg im Alleingang alles pulverisieren, indem er von einem Turm aus eine im Startbereich praktisch senkrechte Piste hinunterraste. Kein Reglement (wie in Les Arcs) sollte ihn bremsen. Ein 115-Kilo-Bulle mit Spoilern an den Waden und Karbon-Hütchen über den Händen. Ich war von etwas anderem noch mehr fasziniert: Wie konnte einer, der unter Lebensgefahr in elf Sekunden von 0 auf 200 km/h beschleunigt und damit jeden Porsche verbläst, so dermaßen ruhig, geradezu langsam sein? Ihm zwischen all dem superschnellen Hightech-Equipment im Interview zuzuhören wirkte so, wie in Zeitlupe einen Actionfilm anzusehen. Er verkörperte wie kein anderer den Spruch "In der Ruhe liegt die Kraft". Harry war aber leider am Vortag bei 120 km/h gestürzt. Er kegelte sich "nur" die Schulter aus, aber aus der Rekordfahrt wurde in dem Jahr nichts mehr.

Wir sitzen 700 Meter über Lienz in einem alten Bauernhaus, das Harry mit seiner Frau Eva und den Schwiegereltern bewohnt. Der Märzschnee schmilzt in der Frühlingssonne, und nebenan blöken mehrere Dutzend Schafe. Sich mit Harry zu unterhalten ist noch immer ein Zeitlupenerlebnis der besonderen Art. Diesmal stimmt aber das Umfeld: Die Katze "Harley" schnurrt auf dem Sofa, die Vögel zwitschern und der Spezial-Speedhelm liegt auf dem Kamin wie das Geweih eines vor Ewigkeiten erlegten Hirsches: "Als in Chile plötzlich mein zweiter Ski wieder Halt auf der Piste fand, habe ich gespürt, dass ich mein Leben noch einmal zurückbekomme. Trotzdem habe ich mich nachher wochenlang wie ein Totalversager gefühlt. Ich hatte mich ja viele Monate lang vorbereitet um einen Bombenweltrekord hinzulegen."

Speedskifahrer Harry Egger mit Formel-1-Experte Charles Bienz bei Tests im Windkanal
Picture by Red Bull

280 km/h, weiß Harry von diversen Tests, wären mit seiner Karbonrüstung möglich. Bei einem Tempo, bei dem Flugzeuge (und Skifahrer) abheben, erzeugt sie Anpressdruck und sorgt damit für Bodenhaftung...

Das Aufflackern in Harrys Augen ist nicht zu übersehen. Ein Adrenalin-Süchtiger, der nach 20 Jahren mit ständig steigender Dosis durch ein Schlüsselerlebnis den Entzug schafft, bevor ihn seine Droge umbringt. Das ist vermutlich die erstaunlichere Leistung als der ultimative Weltrekord. Und vor allem eine, mit der er anderen auch ein Vorbild sein kann.

Als Autodidakt, als einer, der sich fast alles selbst beigebracht hat, hat er gelernt, sich präzise auf den alles entscheidenden Moment vorzubereiten und die Angst auszuschalten. Er weiß, wie man alle Details immer wieder durchspielt, bis all das, wenn es wirklich losgeht, wie Routine wirkt, der Puls nur noch minimal ansteigt und die lebenswichtige Konzentration nicht beeinträchtigt wird. Diese Erfahrung will er in seinem "zweiten Leben" anderen Menschen zugutekommen lassen. Eben auch als einer, der weiß, wie es ist, sich wie ein Totalversager zu fühlen.


< Zurück zu Sport/Extremsport

© Eine Reportage von T. Micke (06-04-08) – Kontakt