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Totale Sonnenfinsternis – Die Serie zum Jahrhundertereignis vom August 1999

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Totale Sonnenfinsternis: Das geraubte Licht

Kolumbus gerettet, Ludwig I. am Ende: Finsternis als Herr über Leben & Tod.



Eine Sonnenfinsternis wie sie Christopher Kolumbus zur Rettung seiner Seeleute ausnützte
Picture by NASA

Wie doch ein wenig Licht und Schatten zur rechten Zeit ein Schicksal wenden können: Als Christopher Kolumbus bei seiner vierten Expediti­on in die "Neue Welt" im Jahr 1504 mit leeren Vor­ratskammern und einer ent­kräfteten Mannschaft auf der Insel Jamaika strandete, verweigerten die Indianer den hungrigen Seefahrern die Hilfe. Da verlegte der Amerika-Entdecker sich auf eine List: Kolumbus, als Mann des Meeres und Navigator mit den be­rechenbaren Geschehnissen am Sternenhimmel ver­traut, drohte nach einem intensiven Blick in seine Bücher den Eingeborenen, Gott werde aus Zorn dar­über, dass man seinen Boten so schlecht behandle, den Mond verschwinden lassen.

Als sich dann am 1. März "auf Befehl des weißen Magiers" der Mond tatsächlich zu verfinstern begann, lagen die Indianer Kolumbus zu Füßen: In Windeseile wurden seine Schiffe mit Proviant beladen, und die Flotte stach wieder in See. – Natürlich schenkte Kolumbus den Indianern in seiner Gnade den Mond vor seiner Abreise zurück. – Ein eindrucksvoller Fall von "Wissen ist Macht".

"Ohnmächtig" hingegen war der 63-jährige Kaiser Ludwig der Fromme, als im April 840 eine Sonnenfinsternis über Deutschland hereinbrach. Schwach und sensibel, wie Ludwig I. war, dürfte ihn das unvorhergesehene, bedrückende Himmelsereignis so mitgenommen haben, dass er sechs Wochen später starb. "Vor Schreck", wie die Ge­schichtsschreiber ein wenig mitleidig überliefern.

Aber gerade das "Finster­nis-Schicksal" Kaiser Lud­wigs sowie jene Finsternis, die sich ereignet haben soll, als Julius Cäsar ermordet wurde, oder die, die pünkt­lich zur Geburt des Prophe­ten Mohammed eintraf, las­sen vermuten, dass Ge­schichtsschreiber aller Epo­chen gelegentlich ihren Be­richten etwas mehr Würze verliehen, in dem sich Son­ne oder Mond im passenden Augenblick aus Zorn, Trau­er oder Freude verhüllten.

Hatte der Autor schon einmal so eine furchterre­gende Sonnenfinsternis erlebt, so fiel ihm diese be­stimmt ein, wenn er, nach großen Worten ringend, ein bedeutungsvolles Ereignis beschreiben wollte.

Solche Sonnen- und Mondfinsternisse, als blo­ßes "Spannungselement" in der Geschichtsschreibung verpackt, sind heutzutage relativ leicht zu enttarnen, da man sie genau ausrech­nen kann. Wenn also beim Historiker Plutarch während des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta um das Jahr 431 v. Chr. eine Sonnenfinsternis Panik und Chaos auf den Schlachtschiffen auslöst, so kann man den Vorfall präzi­se auf den 3. August datie­ren, wenn Plutarch nicht auch ein wenig "gedichtet" hat. Denn dieser Tag ist weit und breit der einzige, an dem damals eine Sonnenfinster­nis die Bewohner des Mittelmeerraums in Schrecken versetzte.

Mit den Finsternis-Beschreibungen der Evangeli­sten Markus, Matthäus, und Lukas anlässlich der Kreuzigung Jesu tun sich Historiker und Astronomen hingegen ein wenig schwer: Mund es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein...", schreibt Lukas (23, 44-45). Wissenschaftlich glaub­würdig daran ist einzig die Zeitangabe – "von der sech­sten bis zur neunten Stun­de": Drei Stunden dauert nämlich eine totale Sonnen­finsternis tatsächlich von dem Augenblick an, in dem sich der Mond vor die Son­ne zu schieben beginnt, bis zu jenem, in dem auch der letzte Rest der Sonnenscheibe wieder hinter dem Mond hervortritt.

Foto
Picture by NASA

Die einzige Sonnenfin­sternis, die sich im passen­den Zeitraum über Israel er­eignete, war am 24. No­vember 29 n. Chr. zu se­hen: Aber es heißt in der Bibel weiter, Jesus sei einen Tag vor dem jüdi­schen Passah-Fest gestor­ben, das im Frühling stattfindet, und zwar bei Vollmond, was noch zusätzlich eine "nor­male" Sonnenfinsternis (nur bei Neumond!) zur Kreuzi­gung unmöglich macht.

Quer durch alle Kulturen und Religionen ziehen Son­nenfinsternisse ihre Spur. Während etwa die Inkas befürchteten, ein böser Dä­mon raube ihrem Sonnengott "Inti" das Licht und man könne das Schattenwe­sen mit Lärm und Geschrei vertreiben, wurden in Euro­pa um solche "Zeichen des Himmels" herum düstere Weltuntergangstheorien von Sehern und Wahrsa­gern entwickelt. Damals fragte man sich wie heute: Worin unterscheidet sich der wahre Seher vom Schar­latan? Kolumbus war für die Indios auf Jamaika be­stimmt ein wahrhaftiger Se­her, aus unserer heutigen Sicht aber nur ein (besonders) schlauer Fuchs. Kann man womöglich über den berüchtigten Schreckenspropheten Nostradamus dasselbe sagen? Wo endet bei der Deutung seiner Texte das Wissen, und wo beginnt die Vision?


< Lesen Sie in Teil VI dieser Serie: Das Ende aller Tage – Die Weissagungen des Nostradamus.

© Eine Reportage von T. Micke (05-08-99) – Kontakt