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Totale Sonnenfinsternis – Die Serie zum Jahrhundertereignis vom August 1999

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Sonnenfinsternis total: Die Schattenjäger

Die "Schwarze Sonne" zieht Freaks und Forscher an. Warum man sich am 11. 8. 99 unbedingt Zeit nehmen sollte.



Sonnenfinsternis: Der Mond steht vor der Sonne
Picture by Nasa

Wenn man den 56-jährigen Jay Pasachoff fragt, ob er von der schwarzen Finsternis-Son­ne "besessen" ist, dann lächelt er nur milde (und hör­bar) ins Telefon. Sagenhafte 28 totale Sonnenfinsternis­se hat er schon hinter sich. Die erste, erzählt er im Interview, erlebte er als 16jähriger (!) Har­vard-Student mit seinem Uni-Professor in einem Forschungsflugzeug.

Wenn Dr. Pasachoff, heute Sonnenexperte und Leiter des Observatoriums am Williams-College in Massachusetts (USA), am 11. August mit 24 Mann und eineinhalb Tonnen Teleskopen, Filter- und Fotolinsen in Rumänien in Posi­tion geht, dann hat er es nur auf die zwei Minuten abge­sehen, in denen sich die Sonne vollständig hinter dem Mond versteckt.

Sekunden zuvor wird die totale Sonnenfinsternis durch ein fantastisches Schauspiel eingeleitet: Der "Diamantring-Effekt", der zustande kommt, wenn die letzten Sonnenstrahlen zwi­schen den Hügeln und Kra­tern des Mondes zu uns her­unterblinzeln. Erst danach, wenn der letzte Funke des grellen, direkten Sonnen­lichts verschwunden ist, kann man bei guter Sicht die Sterne und die leuchten­de Atmosphäre der Sonne beobachten (siehe Foto).

Ein wunderbares, sehr geheimnisvolles Phänomen, das der Wissenschaft bis heute Rätsel aufgibt: Hat doch die Sonnenoberfläche rund 5500. Grad Celsius, die Sonnenatmosphäre, die man auch "Korona" nennt, gleich darüber mit ihrem züngelnden Flammenkranz hingegen unfassbare zwei Millionen Grad. (Zum Ver­gleich: Die Flamme einer Kerze wird nur etwa 1500 Grad heiß.)

Pasachoff, der Schattenjäger und Korona-Tüftler, wird, wie viele andere seiner Kollegen, über den Ergebnissen seiner zweiminütigen Messungen die nächsten zwei Jahre brüten, dafür aber vielleicht bei der letz­ten Sonnenfinsternis dieses Jahrtausends einem neuen Naturgesetz auf die Spur kommen.

Der Aufbau des Sonnenkerns bis zur Photosphäre
Picture by Nasa

Ein "Finsternis"-Freak ganz anderer Art ist der 44-jährige Oberösterreicher Werner Rafetseder. Der Fotojournalist "stolperte" über seine erste Sonnenfin­sternis bei einer Wanderung am Ufer des Flusses lrrawaddy in Südostasien, "als das Licht der Nachmittagssonne dramatisch" abnahm. Die Vögel hörten auf zu singen, und es wurde kühl. Das Zwielicht und die selt­same Stille breiteten eine mystische Stimmung über das Land", erzählt der Abenteurer tut Buch­-Autor ("Sonnenfinsternis – Das Mysterium der reisenden Nacht"/Hugendubel­-Verlag). "Seit damals", er­klärt er, "ist mir kein Punkt der Erde für eine Zugabe zu weit weg."

"Jede Finsternis", be­hauptet Rafetseder, "hat eine eigene Persönlichkeit." Zum Beweis hat er sich be­reits bei Thomas Gott­schalks Sendung "Wetten, dass...?" angemeldet: "Ich wette, dass ich jede Sonnen­finsternis der letzten 100 Jahre anhand eines Fotos erkennen kann!"

Werner Rafetseder hat als Fotograf ein besonderes Auge für die spektakulären Licht- und Schattenspiele, die während einer totalen Sonnenfinsternis auftreten: "Wenn man sich auf einen Hügel mit freiem Blick nach Westen stellt, hat man die beste Sicht. Die Dunkel­heit hängt wie eine Glocke vom Himmel herab und reicht gespenstischerweise irgendwo bis zum Hori­zont, von dem ein gelblich­rotes Zwielicht ausgeht. Besonders unheimlich ist, dass weder Mensch noch Tier in diesen Minuten einen Schatten haben, weil das Licht nicht direkt von einer einzelnen Quelle ausgeht."

Dr. Maria Firneis und Dr. Ernst Göbel von der Universitäts-Sternwarte in Wien, die sich das Jahrhundertereignis im burgenländischen Bad Tatzmannsdorf ansehen werden, wittern noch ein zusätzliches Phänomen, weswegen sich am 11. August ein Ausflug in die totale Zone des Schatten-Streifens lohnen würde. Dr. Firneis: "Viel­leicht kann man sogar wäh­rend der zweiminütigen Finsternis am verdunkelten Mittagshimmel eine Stern­schnuppe sehen. Denn die jährliche Meteoriten­-Aktivität ist heuer gerade zwischen dem 10. und dem 14. August am höchsten. Das wäre wirklich das Tüpfelchen auf dem i!"

Das "Tüpfelchen auf dem i" suchen auch ein paar "Schattenjäger" vom Paraclub Wiener Neustadt. Wenn das Wetter passt und die Berechnungen von Wind und Wolken am 11. August es zulassen, wollen die Fallschirmspringer die "neugeborene" Sonne mit einem Sprung aus rund 6000 Meter Höhe begrüßen. Mit Sauerstoffgeräten ausgerüstet, würde die Truppe dann ca. 2,5 Minu­ten im freien Fall mit mehr als 200 km/h der verdunkelten Erde entgegenrasen.


< Lesen Sie in Teil III dieser Serie: Chaos in Wald und Wiese

© Eine Reportage von T. Micke (02-08-99) – Kontakt