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Verzeihen Sie, Mylady, wären Sie so liebenswürdig Ihre Zehe aus meinem Ohr zu nehmen, dann bin ich vielleicht in der Lage, meine Schutzbrille aus ihrem Décolleté zu bergen..."
Ganz so drunter und drüber ging es beim Sonnenfinsternis-Sonderflug zweier britischer Überschall-Luxusjets am 11. August 1999 über dem Atlantik zwar nicht, aber zumindest gute Haltungsnoten hätten sich die Passagiere der beiden Concordes – wie die Fotos zeigen – verdient.
Während unsereiner, mit Gratis-Schutzbrille bestückt, das astronomische Schauspiel kosten günstig und bodenständig von Mutter Erde aus genoss, blätterten zweihundert wohlbetuchte Finsternis-Fans rund 2300 Euro pro Kopf auf den Check-In-Schalter der Concorde-Charter-Firma "Goodwood" am Flughafen London-Heathrow, um Sonne und Mond noch ein Stückchen näher zu sein: Ganz exklusiv in der Stratosphäre, bei doppelter Schallgeschwindigkeit (2400 km/h) und ohne ein störendes Wölkchen. Eine schlecht geplante Schnapsidee, wie sich herausstellen sollte:
"Ladies und Gentlemen", belehrte Flugbegleiterin Maggie vor dem Start gleich nach den üblichen Sicherheitshinweisen ihr Publikum: "Da es nur ein Fenster pro Reihe gibt, durch das man die Sonnenfinsternis sehen wird, müssen Sie sich dieses zu viert teilen. Daher bitte ich Sie, auf mein Kommando nach 60 Sekunden den Fensterplatz ihrem Sitznachbarn zu überlassen, damit alle etwas von dem Schauspiel haben.
Also: A tauscht zuerst mit B. Dann A und B mit C und D. Danach C mit D, schließlich wieder C und D mit A und B, und dann beginnt alles von vorne." Alles klar?
Und dann fügte Maggie noch stolz hinzu: "Wir haben ja oben in der Luft während der totalen Sonnenfinsternis fast zehn Minuten Zeit, wo hingegen man sie hier unten höchstens zwei Minuten lang zu sehen bekommen wird. So, und jetzt möchte ich Sie bitten, dass wir die Tausch-Prozedur bevor es losgeht noch einmal üben..."
Eine zirkusreife Nummer, für die die Fluggäste eigentlich Gage verlangen hätten können: Man stelle alle sich vier Dutzend teils recht schwerfällige, aber umso vornehmere Briten vor, die gleichzeitig in der engen Concorde von Backbord nach Steuerbord hechten, während sich von der anderen Seite ein ebenso mächtiger Trupp sonnenfinsternishungriger Passagiere unter ständigem "Excuse me, Sir" und "I'm sorry, Madame" entgegendrängelt.
Vielleicht hatte der Pilot ja wegen dieses Getümmels im Passagierraum Probleme, die Maschine auf Kurs zu halten. Und vielleicht wurden aus den großspurig angekündigten "fast zehn Minuten Finsternis" deshalb nur (die von Fluggästen geschätzten) 50 Sekunden, weil der stolze Überschall-Vogel der Engländer schlicht und einfach aus dem Mondschatten herauskippte, wie ein an Bord befindlicher Astronom nachher vermutete. Und ein anderer ätzte trocken: "Pilot und Copilot haben wohl während der Finsternis selber die blickdichten Schutzbrillen aufgehabt und dabei im Blindflug ihre Instrumente nicht mehr gesehen."
Die Grazerin Barbara Lenner, die sich zusammen mit ihrem Freund mit einem London-Besuch und dem exklusiven Concorde-Erlebnis einen sehnlichen Wunsch erfüllen wollte, meinte nachher: "Das Geschubse und Gedränge wäre ja noch zu akzeptieren gewesen, schließlich haben wir uns beim Buchen des Fluges mit der Tauscherei einverstanden erklärt. Wenn man dann wenigstens etwas gesehen hätte!"
Eigentlich wundert's nicht, dass die Sicht so schlecht war, lernt doch jedes Kind in der Schule, dass die Sonne mittags ziemlich senkrecht am Himmel steht und sich daher wohl auch in 17.000 Meter Höhe nicht neben, sondern eher über der Maschine befindet. (Niki Lauda drehte deshalb auch beim "Finsternisflug" über Ostösterreich 360-Grad-Runden, um die Maschine zugunsten einer besseren Aussicht schräg stellen zu können.)

 
 | | Picture by British Airways |
Beim Concordeflug gab es dafür tatsächlich Passagiere, die trotz abenteuerlichster Verrenkungen während der totalen Phase nicht einmal die Sonne zu Gesicht bekamen. Beim Versuch, durch die handtellergroßen "Gucklöcher" der Concorde doch noch einen Blick auf das Jahrhundertspektakel zu erhaschen, bewies die Champagner-Gesellschaft über dem Atlantik aber immerhin Einfallsreichtum: Schminkspiegel wurden gezückt und direkt ans Fenster gehalten, um wenigstens eine Reflexion der schwarzen Sonne erhaschen zu können. Der eine oder andere kuschelte sich Kopf voran in den Schoß seiner Sitznachbarin, und einem britischen Lottogewinner war der nagelneue Maßanzug nicht zu schade, um auf Knien mit verdrehtem Kopf zwischen den Sitzreihen herumzurutschen.
"Was an dem Sonnenfinsternisflug mit der Concorde das aufregendste für mich war?" grübelte ein junger Fluggast in Heathrow nach der Landung mit säuerlich-britischem Lächeln: "Nun – der Start und die Landung. Oh, yes – und als das Display des Thermometers von einem Augenblick auf den nächsten nicht mehr minus 50 Grad Außentemperatur anzeigte, sondern minus 60, da dachte ich mir: Hmm, ziemlich kalt! – Jetzt müssen wir wohl tatsächlich im Schatten des Mondes sein..."
Was den feinen Herrschaften bleibt, ist die Gewissheit, ein Jahrhundertereignis wenigstens auf wirklich elitäre Weise verpasst zu haben und die vage Hoffnung, einen Teil des hinausgeworfenen Geldes doch noch vom Veranstalter erstattet zu bekommen.
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