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Snowkite: Schneedrachen im Anflug auf Obertauern

Snowkiten ist einer der neuesten Trends im Wintersport-Dorado Obertauern: Sehr spannend zum Ausprobieren, allerdings auch zum Zuschauen...



Snowkites können durch geschicktes Steuern des Lenkdrachen gegen die Fahrtrichtung den Piloten zum Abheben bringen
Picture by T. Micke

Träge flattert die Windhose neben der Edelweiss-Piste in Obertauern vor sich hin, und ein zartes Lüftchen weht von der Kärntner Seite über den Pass nach Norden. Den Ski- und Snowboardfahrern auf der Piste ist das herzlich wurscht, sie nehmen die kleine Brise im Fahrtwind gar nicht wahr. Nur Toni und ich starren nach Kärnten hinüber auf die dunstigen Zirren am blauen Himmel, um zu schauen, ob dieser perfekte, sonnige Wintertag überhaupt irgendeinen Sinn macht für uns beide: "Wirst sehen, er kommt. I spür das. Er kommt meistens, wenns so is wie jetzt. Spätestens am Nachmittag ist er da. Wirst sehen." – Was so klingt, wie das Gespräch zweier geduldiger Pensionisten beim Warten auf einen Regionalzug der ÖBB, ist in Wahrheit schon eines der Lieblingsfachgespräche unter windhungrigen Snowkitern. – Und der zünftige Beginn meiner ersten Übungsstunde in Tonis Snowkite-Schule.

Dann allerdings ist schon wieder schluss mit zünftig: Während draußen glücklich jauchzende Urlauber durch den pulvrigen Schnee carven, sitze ich mit Toni im noch menschenleeren Ski-Zelt der Party-Hochburg Lurzer Alm bei Apfelsaft und lasse mir erklären, dass der "Windfensterrand" nichts mit zugigen alten Häusern zu tun hat, man an der "Bar" nicht nur trinken, sondern auch lenken kann und mit der "Power Zone" nicht Hermann Maiers nahegelegenes Fitnesscenter gemeint ist.

Als nach einer guten Stunde plötzlich die Plexiglas-Tür des Aprés-Ski-Zelts von einem überraschend kräftigen Windstoß aufgerissen wird und Toni seine Theorie-Zettel einsammelt, bin ich mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich diesen neuen Wintersport lernen will. All die Leinen, die seltsame Lenkstange, die Sicherung, der Schirm. – Was war doch gleich noch einmal ein "Chicken-Loop"? Und was ist ein "Blind Stance"? Das scheint doch reichlich kompliziert zu sein, und wenn der Wind einmal so richtig in mein 9-Quadratmeter-Tuch hineinbläst, wer weiß, wo ich dann das nächste Mal wieder Boden unter die Füße bekomme...

Aber unter Tonis fachmännischer Anleitung ist alles halb so schlimm: "Kiten auf Schnee zu lernen ist viel einfacher als auf Wasser. Man kann das Gleichgewicht besser korrigieren, und man sinkt nicht beim geringsten Fehler bis zum Hals ein."

Als erstes bekomme ich einen kleinen Übungskite an mein Trapez geschnallt, durch das ich meine Kräfte sparen kann und übe ohne Skier das Steuern des Lenkdrachen. Erstaunlich: Selbst wenn der Wind ordentlich bläst, kann ich den Drachen in der Luft sozusagen "auf Leerlauf" stellen und relativ entspannt Tonis Ausführungen lauschen. Nur wenn ich den Drachen in die (bereits erwähnte) Power-Zone lenke, entwickelt er Zug, und ich muss bei meiner ersten Übung, dem Achter-Fliegen, schauen, dass er mich nicht trotz Skischuhen quer durch die Wintersportarena zieht.

Die Zugkräfte eines Lenkdrachen können extrem sein. Vor allem Snowkite-Anfänger brauchen kundige Lehrer wie hier in Obertauern
Picture by T. Micke

Gerade als mir beginnt beim Achter-Fliegen ein bisserl fad zu werden und ich mich frage, wann endlich die Skier dazu kommen, packt Toni einen richtigen Kite aus. Riesig ist er, und als mir Toni nach zwei Minuten Vorführung die Leinen mit der Bar in die Hand drückt, schlägt mein Respekt erst einmal in Panik um.

Bedrohlich zischelt der schnittige Flügel über uns im Wind, und es macht die Situation nicht leichter, dass inzwischen ein Dutzend Schaulustiger auf Skiern am Rand des Übungsgeländes Kommentare abgibt: "Jöö, schau, ein Anfänger!" Und: "Na der ist aber riesig!" Und: "Den dazaht der nie!"

Mehrmals schleift mich der Kite mit ungeheurem Zug auf dem Hosenboden durch den Tiefschnee, weil ich mich irgendwo vertan habe. Es ist vergleichbar mit der ersten Stunde in der Fahrschule: Schalten, Kuppeln, Rückspiegelschauen, Lenken, Blinken, Gasgeben. – Am Anfang zu vieles, an das man gleichzeitig denken sollte. Allerdings: Sobald ich die Lenkstange loslasse, sinkt der Drache sanft wie ein Lämmchen wieder zu Boden.

Ein Riesenspaß ist es, sich einfach vom Snowkite auf Skiern oder Snowboard bergauf ziehen zu lassen
Picture by T. Micke

Ist es, weil ich mich so geschickt anstelle oder weil Toni schon Eintritt verlangt und den Zusehern dieser Live-Hoppala-Show etwas neues bieten will: Ich bekomme meine Skier! – Was leichter gesagt ist als getan. Ich starre mit steifem Genick hinauf zu meinem zischelnden Drachen, so wie der furchtsame Hase die angriffslustige Schlange nie aus den Augen lassen würde und soll gleichzeitig in meine Bindung einsteigen. Außerdem glaube ich aus dem Augenwinkel zu sehen, wie sich die ersten Zuschauer vor Lachen im Schnee kugeln. Aber schließlich gelingt die Übung.

Auf den ersten zwei Querfahrten komme ich mir vor wie beim Gassigehen mit einem riesigen Hund an der Leine, der einen Ball oder eine Pudeldame entdeckt hat und mich rücksichtslos nachschleift. Aber dann: Was für ein Spaß ! Mein Drache und ich sausen bergauf schneller als ein Schlepplift, wir brettern retour, und ich bremse am Gegenhügel im Schneepflug.

Als ich nach einer weiteren halben Stunde erschöpft die Bar loslasse und mein Drache in den Schnee sinkt, steht Toni neben mir: "Gar nicht schlecht für den Anfang!" Dabei setzt er allerdings ein Gesicht auf, dass ich mir nicht sicher bin, ob er sich wirklich mit mir freut oder enttäuscht ist, weil die Schaulustigen keine weiteren Kapital-Brezn mehr zu sehen bekommen haben. Aber dann funkeln seine Augen plötzlich wieder, als er sagt: "Nächstes mal, da zeig ich Dir dann wie man springt. Obertauern hat das ideale Gelände dafür, und es ist wirklich ganz einfach..."

Snowkiten kann man in Österreich bis jetzt nur an wenigen Orten lernen. Die Kiteschule Obertauern bietet hierzu ein eigenes, kuppertes Gelände, wo oft auch Profis beim Abheben zu bewundern sind. Der Schnupperkurs kostet 30 Euro, ein Anfängerkurs 110 Euro. Infos unter +43 676/340-87-79 oder beim Tourismusverband (+43 6456/72-52)


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© Eine Reportage von T. Micke (19-02-06) – Kontakt