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Winterurlaub einmal anders: Vom Touren-Kämpfer zum Betrachter

Wenn die Pistenfahrer langsam ihre Skiausrüstung in den Keller räumen, beginnt für die Tourengeher in Vent erst die schönste Zeit des Winters.



Fünfköpfige Skitourengruppe vor der Vernagthütte bei Vent im Ötztal
Picture by T. Micke

"Sag, hast Du heute Nacht so laut geschnarcht?! Also, das war ja fast nicht zum aushalten!" – "Nein, aber ich habs auch gehört, da hat einer in der Nacht einen halben Wald umgesägt. Ich glaub, das war dieser Schweizer im Nebenzimmer, den hat man einfach durch die Wand so laut durchgehört..."

Die morgendlichen Themen beim Frühstückstee im Gemeinschaftsraum der Vernagthütte (2755 m) im Herzen der Ötztaler Alpen sind wohl nur für Wirtin Angelika Routine. Das Leben (und Schlafen) der Tourengeher, die ab März bis Ende Mai vom Tiroler Skibergsteiger-Dorf Vent aus aufbrechen, will gelernt sein. Vor allem für Skitouren-Frischlinge aus dem Flachland, die oft erst am eigenen Leib erfahren müssen, dass Ohrenstöpsel für die Nacht genauso wie Hüttenpatschen für den nächtlichen Fröstel-Weg zum stillen Örtchen Standardausrüstung sind wie das Lawinenpiepserl.

Hinweisschild: Hüttenruhe ab 22 Uhr
Picture by T. Micke

Wer sich dann noch durch Hinweisschilder wie Frühstück von 7 Uhr bis 8 Uhr auf Wunsch auch früher im Urlaub abschrecken lässt, der sollte lieber in der Nachbargemeinde Sölden in einem der luxuriösen Wellness-Hotels bleiben, wo nicht punkt 22 Uhr das Licht im ganzen Haus abgedreht wird, wo die Heizung nicht nur ein paar Stunden in der Nacht läuft und wo allerdings auch ein simples Speck-Käsebrot nie und nimmer so gut schmecken kann.

Drei bis dreieinhalb Stunden geht man von Vent auf Skiern über die Rofener Wiesen und den Platteiberg 750 Höhenmeter bis zur Vernagthütte (Gepäck kann man mit der Materialseilbahn voraus schicken) und wundert sich am Abend in der Stube, wie viele andere Gäste aus Österreich, Deutschland, Schweiz und Italien der Annehmlichkeit von Sessellift und Gondel den Rücken kehren, um von hier aus Tages-Skitouren auf die umliegenden Dreitausender-Gipfel zu unternehmen.

Berg- und Skiführer Kilian Scheiber aus Vent
Picture by T. Micke

Tourengehen auf Skiern, das wird zur Meditation in Bewegung, wenn man sich die kleinen Tricks und Kniffe rund um Aufstiegsfelle, Steighilfe und Harscheisen von einem erfahrenen Führer, wie dem Venter Kilian Scheiber, hat zeigen lassen: Die Skier nicht heben, sondern ziehen, sodass man die Felle bei jedem Schritt leise surren hört. Das spart Kraft. Genauso wie ein gemächliches, gleichmäßiges Tempo, das man mehrere Stunden problemlos durchhält und so trotz der Höhenluft den Puls zur Ruhe kommen lässt. Dann ist der Kopf frei für die Schönheit der hochalpinen Gletscherlandschaft. Dann nimmt man jedes Glitzern der Schneedecke in der Sonne wahr, die kleinen Windfahnen an den Bergspitzen, die verwegen überhängenden Wächten an den Nordgraten, das tiefe Himmelsblau und die unglaubliche Stille, in der man sogar ein Linienflugzeug in 10.000 Meter Höhe als laut empfindet.

Hochvernagtspitze heißt unser erstes Tagesziel. In 3539 Meter blitzt das Gipfelkreuz im Morgenlicht. 800 Höhenmeter sind es bis dorthin, oder 3,5 Stunden Marschzeit in unserem Tempo. Gäbe es eine Gondel dort hinauf, wären wir wohl in zehn Minuten oben. Aber dann würde es hier auch vor Skifahrern nur so wimmeln, und ich könnte mich nicht auf eine schöne, lange Tiefschneeabfahrt freuen. Allein der Gedanke daran vertreibt jede Ungeduld, und mit dem Tourentrio aus Bayern, das uns auf halbem Weg hinauf freundlich grüßend überholt, teilen wir diese unberührten Hänge gerne.

Die Vernagt-Skihütte bei Vent im Nachmittagslicht
Picture by T. Micke

Kurz vor dem Gipfel queren wir einen Hang, um den ich nach dem wenigen, das ich über Lawinen weiß, einen großen Bogen machen würde: Eine windabgewandte Flanke mit knapp 30 Grad Gefälle, Mittagssonne. Aber Kilian kennt die Hänge wie seine Westentasche und weiß, was er tut: "Wir haben heute Lawinenwarnstufe 1-2, der Schnee liegt schon gut einen Monat und hat sich gesetzt. Für ein Schneebrett ist es hier unter diesen Bedingungen einfach nicht steil genug." Und natürlich sind wir, wie es sich im freien Gelände gehört, mit Lawinen-Sonde und Schaufel ausgerüstet.

Oben angekommen machen wir uns nach kurzer Stärkung startklar für die lange Genussabfahrt zurück zur Hütte: Felle abziehen und im Rucksack verstauen, die Bindung umstellen und die Schuhe ordentlich zuschnallen. An die im Vergleich zu normalen Skischuhen niedrigeren und weicheren Tourenskischuhe muss man sich beim Abfahren erst ein wenig gewöhnen. Dafür entschädigt der unverspurte Schnee, der schöner nicht sein könnte, und ich bin nicht der einzige, der nach dem ersten Dutzend Schwünge einen atemlosen Jauchzer loslässt. Man sollte es nicht glauben, aber das Abfahren ist wirklich anstrengender als das Aufsteigen...

Skitourengruppe auf dem Weg zur Wildspitze, Österreichs zweithöchstem Berg
Picture by T. Micke

Nach einem weiteren "Aufwärmberg" tags darauf (Fluchtkogel, 3500 m) erwartet uns am dritten Tag die Wildspitze mit 3774 Meter. Nach fünf Stunden Aufstieg protzt Österreichs zweithöchster Gipfel mit atemberaubender Rundum-Fernsicht. Kilian liefert die Untertitel zum Panorama-Bild: "Dort drüben haben sie den Ötzi gefunden, das hier ist die Weißkugel mit 3739 Meter, dort hinten in Südtirol steht der Ortler mit 3905 Meter und hier vorne, das ist der Rettenbachferner im Skigebiet von Sölden, wo sie gerade für den 11. April das Hannibal-Spektakel vorbereiten. Mit riesiger Schneepyramide, Pistenbullys als Elefanten, Fallschirmspringern, Drachenfliegern und sehr viel Pyrotechnik."

Fast eineinhalb Stunden dauert die anschließende lange Abfahrt über 1900 Höhenmeter zurück nach Vent. Unser Gepäck wartet dort bereits an der Materialseilbahn. Eine großartige, anstrengende Abfahrt, aber dafür schmeckt das wohlverdiente Speckbrot im Tal ausnahmsweise so gut wie oben am Berg...


Buchungen und Auskünfte zu geführten Skitouren im Ötztal und zum Hannibal-Gletscherspektakel gibts über den Tourismusverband Sölden (05254/510-0).

Ein Buchtipp für Touren-Fans, die sich für den Wettkampfsport Skibergsteigen begeistern: "Sieg in den Bergen" von Rolf Majcen (neu erschienen bei Edition Gutenberg).


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© Eine Reportage von T. Micke (30-03-03) – Kontakt