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Sexsymbol und Babysitter: Ein Skilehrer für gewisse Stunden

Eine ganze Wintersaison lang schlüpfte ich in die begehrte Uniform eines Ski-Instruktors. Stimmt das Klischee vom "Hasenjäger" und Sexsklaven für enstpannungssüchtige UrlauberInnen?



Von Skihasen bewunderter Skilehrer, Karikatur von Bruno Haberzettl
Picture by Bruno Haberzettl

Wir sind stundenweise zu haben. – Gegen Bezahlung natürlich, ausschließlich auf der Piste und auch (offiziell) sicher nicht rund um die Uhr.

Aber man kann uns Skilehrer mieten wie ein Auto oder eine Poliermaschine – nur ohne anschließende Kaufoption. Manchmal wird das von weiblichen Kunden durcheinandergebracht. Jeder, der einmal mit einer Skilehrerjacke in einer Aprés-Ski-Bar erschienen ist, weiß: Irgendwie ist man plötzlich ein besserer Mann. Mit Jacke: Ein Kerl mit Ausstrahlung, Sex-Appeal, knackigem Hintern und fesselndem Lächeln zum Vernaschen. Ohne die Jacke: Ein Durchschnittsbubi, das eine Zahnregulierung brauchen könnte und bestimmt nur hier auftaucht, um schöne Frauen wenigstens aus der Entfernung zu sehen.

Dieses "Jacken-Phänomen" schafft besonders beim frischgebackenen Skilehrer Probleme: "Bin ich noch ich, wenn ich diese Jacke jetzt anziehe? Und bin ich noch derselbe, wenn ich sie am Abend wieder ablege?" Am liebsten würde man auch in die Sauna seine Chef-Jacke mitnehmen und zwingt sich morgens vor dem Spiegel zum Selbstgespräch: "Skilehrer sind auch nur Menschen, Skilehrer sind auch nur Menschen..."

Sind Skilehrer auch nur Menschen? Auf der Piste lässt man ihnen jedenfalls keine Chance dazu. Sie kennen das bestimmt: Direkt unter der Sessellift-Trasse steht ein Skilehrer mit seiner Gruppe vor einem Tiefschneehang. Letzte Tipps an die ehrfürchtigen Jüngerinnen und Jünger, dann fährt der schöne Mann im Chef-Anzug vor: Die fünf Schüler starren auf seinen Oberkörper. Die vier Schülerinnen auf seinen Hintern. Der halbe Sessellift starrt mit Argusaugen auf das rot-weiß-rote Männlein, das sich so selbstlos durch die hüfthohe Schneewüste kämpft, nur um den Jungs und Mädels da oben etwas beizubringen. Und dann passiert's. Das, wovon alle noch am Abend beim Glühwein mit Freudentränen in den Augen erzählen werden: Irgendwie zieht es dem "Halbgott" die Skier auseinander – und "paff!" Mit dem Kopf voran in den locker-leichten, flockigen Pulverschnee.

In diesem Moment wird der gestrauchelte Held zum einsamsten Menschen des Planeten, und die anderen denken nur: "Verdammt, wo ist die Zeitlupe, wenn man einmal eine braucht!"

Dr. Stefan Rudas, Leiter des Instituts für psychosoziale Forschung, weiß die Erklärung dazu: "Skilehrer sind Alpha-Tiere. So, wie ein Wolfsrudel einen Anführer braucht, nehmen auch Menschen in bestimmten Situationen solche Macht- und Führungspositionen ein. Im Alltagsleben ist es der Chef im Büro oder Vater und Mutter. Im Skiurlaub wird der Skilehrer zum Alpha-Tier, weil er in diesem ungewohnten Umfeld, nämlich im alpinen Gelände, der Erfahrenste, der ‚Stärkste' ist. Man erwartet von ihm Sicherheit und Perfektion." Mit einem gefallenen Skilehrer hat also keiner Mitleid. Grausame Welt!

Sehr rasch neigt man da selbst zu Grausamkeiten: Als junger Mensch steht man vor einer Gruppe von Personen, zu denen man altersbedingt in manchen Fällen problemlos "Mama" oder "Papa" sagen könnte, aber stattdessen befiehlt man: "Heb' dein linkes Bein nicht bei jedem zweiten Schwung an, Klaus, und Andrea – zieh' doch deinen Po ein bisschen ein!" Und dann stellt sich heraus, dass "Klaus" eigentlich Bürgermeister von Baden-Baden ist und "Andrea" die Vorstandsärztin eines riesigen Spitals in Rom.

Soviel unwidersprochene Macht auf einmal macht übermütig. Da kann es schon passieren, dass die Skijacke für den Leithammel zum Wolfspelz wird und er damit – alle Klischees bestätigend – an der Schneebar auf Hasenjagd geht.

Ein Gegenmittel gibt es, um einem solcherart abgehobenen Zauberlehrling die Bescheidenheit zurückzugeben: Kinder! Nein, nicht eins oder zwei, sondern am besten gleich zehn oder zwölf. Da kommt sofort ein ganz anderer Leistungsdruck auf: Besorgte Mütter und Väter liegen hinter Flesen und Kanten oder als Schneemänner verkleidet mit dem Feldstecher auf der Lauer, um zu sehen, was dieser fremde Mann mit ihrem fünfjährigen Augenstern anstellt.

Der "Augenstern" – gerade dem Schnuller entwachsen – hat aber nichts Besseres zu tun, als einer Altersgenossin Schnee in den Ausschnitt zu stopfen. Ein anderer weigert sich, die Skier anzuschnallen, eine dritte sitzt heulend im Schnee und der kleine Tommi muss ganz dringend aufs Klo und kann das (angeblich) nicht alleine. Ausgerechnet dieser Vater (der behauptet hatte, sein Sohn könne selbstverständlich alles) ist nicht in Sichtweite. Und dann muss es einem nur noch passieren, dass Klein-Tommi beim gemeinsamen Klogang (irgend jemand muss ja die Skihose aus der Schusslinie halten) gehörig danebentrifft...

Ich habe mich bei Tommis strengem Vater nie darüber beschwert, und die Putzerei, die sich des Ärmels meiner Ski-Jacke annahm, bereinigte das Missgeschick über Nacht. Dafür gewann Tommi voller Selbstvertrauen das Skirennen am Ende der Woche und wird vielleicht mal ein großer Rennfahrer. Dann wäre unser kleines Geheimnis weit mehr wert, als das bisschen bodenlose Verzweiflung, das mich damals auf dem Hüttenklo überkam.


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© Eine Reportage von T. Micke (08-02-98) – Kontakt