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Novy Urengoj: Picknick im Gefrierfach

Minus 20 Grad sind bei uns in Österreich eher eine Seltenheit. Minus 40 sind fast undenkbar! Wie lebt man täglich mit solchen Temperaturen? Ein Lokalaugenschein im sibirischen Winter, in der Tiefkühltruhe unseres Planeten.



Anfahrt auf die tiefgefrorene Erdgas-Stadt Novy Urengoj in Sibirien
Picture by T. Micke

"Der kälteste bewohnte Ort der Erde", klärt uns Andrej, unser Begleiter, stolz auf, "liegt nicht etwa am Nordpol, sondern in Ostsibirien und heißt Oimjakon." – 72 Grad unter Null zeigten dort die Spezialthermometer im Winter 1938. Nur bei einer Forschungsstation in der Antarktis wurden jemals noch tiefere Temperaturen gemessen.

"Im Winter", sagt Andrej, "muss oft sogar das Benzin für die Autos in Oimjakon aufgetaut werden, bevor es benützbar ist. Die Tinte in den Füllfedern der Kinder gefriert auf dem Weg zur Schule und Milch wird nicht literweise, sondern in Scheiben verkauft." Ungläubig schaue ich Andrej in die Augen, um zu sehen, ob er russische Märchen erzählt, aber der zuckt mit keiner Wimper, und beim Nachrecherchieren stellen sich die Details als wahr heraus (Benzin gefriert wirklich ab ca. minus 60 Grad).

Zum Glück sind wir aber nicht in Oimjakon. Wir sind in Westsibirien in Novy Urengoi (wird auch Nowy Urengoi oder Nowi Urengoj geschrieben), einer anderen Stadt am Rande des Polarkreises, gut 2000 Kilometer nördlich von Novosibirsk in der Nähe der Gas-Metropole Jamburg. Hier hat es heute morgen nur minus 35 Grad. Die Sonne schwächelt glutrot am Horizont eines wolkenlosen Himmels, und Andrej hatte die nette Idee, wir könnten doch ein sibirisches Picknick am Polarkreis machen. Als ich frage, was ein "sibirisches Picknick" ist, grinst er und meint: "Du wirst schon sehen..."

Bei Minus 35 Grad gefriert der Atem an der Scheibe des Busses. Autofahren wird ohne Eiskratzer gefährlich
Picture by T. Micke

Mit "Sehen" ist allerdings nicht viel. Die Seitenfenster unseres Kleinbusses sind von Reif bedeckt. Nicht von außen, sondern von innen, da sich der Wasserdampf unserer Atemluft an den tiefgekühlten Fenstern festgesetzt hat. Nur die Windschutzscheibe ist frei, weil Sergej, der Fahrer, aus vollen Rohren mit dem Heizgebläse drauf hält.

Ich zücke meine Kreditkarte und schabe mir ein Guckloch auf der Seite frei. Praktisch muss man eben denken... Draußen wandert die brettelebene Winterwüste in Schwarz-Weiß vorbei, der Schnee staubt über die Fahrbahn wie feiner Sand, und ich halte Ausschau nach den Schneehasen, Polarfüchsen und Polarhühnern, die es hier laut Andrej geben soll. Nach einer Minute ist die Scheibe wieder zugefroren.

Mädchen in der Volksschule von Novy Urengoj bei einer Trachten-Vorführung
Picture by T. Micke

Um mir meine Frustration zu nehmen, erzählt Andrej von den "russischen Eskimos", die draußen in der Tundra in Zelten aus Rentierfell wohnen. "Nenets" heißen sie und leben von der Rentierzucht und vom Fischfang an den unzähligen Armen des Ob-Flusses. "Als vor ein paar Jahren dieser schlimme Rekordwinter in Russland war und überall die Leute erfroren sind, weil die Versorgung nicht mehr geklappt hat, da waren die Nenets die Einzigen, die kein Problem hatten. Die haben sich eben nie abhängig gemacht von Gas und Strom und Supermärkten und sind auf Temperaturen von minus 50 Grad vorbereitet. Angeblich trinken sie sogar noch heute manchmal warmes Rentier-Blut, um sich in kargen Wintern mit Eisen und anderen Mineralstoffen zu versorgen."

In Städten wie Novy Urengoj kämpfen die Bewohner dagegen jeden Tag routinemäßig mit der Kälte und ihren Tücken. Damit etwa die alten Ladas, Volgas, Moskvichs und Tavrijas auch morgens vor der Fahrt zur Arbeit anspringen, legen die Besitzer Stromkabel von der Steckdose im Wohnzimmer durchs Fenster bis unter die Motorhaube ihrer Autos. Und wenn die Wohnung im achten oder zehnten Stock des Hauses liegt, dann hängt das Kabel eben von dort oben wie eine Angelschnur bis zur Straße hinunter. Standheizung auf Russisch. Abends, nach Einbruch der Dunkelheit, patrouilliert dann gelegentlich die örtliche Polizei mit Spezialzangen durch die Wohnsiedlungen und trennt die Kabel durch. Weil es verboten ist und lebensgefährlich. Es ist schon vorgekommen, dass Kinder beim Spielen und vor allem Betrunkene beim Heimtorkeln in der Dunkelheit in die Kabel laufen, stürzen, nicht mehr aufkommen und binnen weniger Stunden erfrieren...

Schneefräse am Polarkreis: Die Straßen müssen permanent gesäubert werden, sonst würden Wind und Schnee sie verschwinden lassen
Picture by T. Micke

Minus 42 Grad zeigt das Außenthermometer des Kleinbusses inzwischen an. Auf unserer Route nach Norden quer durch die tiefgefrorenen Permafrost-Sümpfe der Tundra herrscht wenig Verkehr. Meist sieht man nur die riesigen dunkelgrünen Kamaz-Militärlaster, die Gestänge und Baumaterial zu den Gas-Fördersonden der Region transportieren. Obwohl die Straße schnurgerade ist, hat Sergej Probleme beim Überholen. Der gefrierende Wasserdampf aus den mächtigen Auspuff-Rohren der Laster vernebelt die Gegenfahrbahn derart, dass er oft auf ein Blinksignal des Lkw-Fahrers warten muss.

Die Frontscheibe ist jetzt trotz Heizung zu zwei eiförmigen Eis-Bullaugen geschrumpft. Endlich taucht am Straßenrand ein mannshoher, eiserner Globus auf. Er markiert den 66. Breitengrad den Polarkreis, ab dem die Sonne im Sommer nie unter- und im Winter nie aufgeht. Offiziell beginnt hier die Arktis.

Beleuchteter Eispalast auf dem Hauptplatz von Novy Urengoj. Hier spielen kältegewohnte sibirische Kinder Fußball
Picture by T. Micke

Andrej kramt von irgendwo eine Flasche Wodka hervor. Klar, "sibirisches Picknick", ich hätte es gleich wissen müssen. Das Thermometer zeigt jetzt minus 46 Grad an. Bei dem Gedanken, gleich dort hinaus in die Kälte zu müssen, um feierlich den 66. Breitengrad zu überschreiten, wirkt allerdings die Aussicht auf einen Schluck Schnaps gleich wieder sympathischer.

Als ich die Wagentür öffne, verschlägt es mir buchstäblich den Atem. Die plötzliche trockene Kälte ist im ersten Moment auf der Haut gar nicht so unangenehm, aber die Lunge rebelliert anfangs gegen die schockgefrorene Luft und löst einen Hustenreiz aus, der das Einatmen nur noch schwerer macht.

Wodka am Polarkreis muss bei diesen Temperaturen schnell getrunken werden, bevor er gefriert
Picture by T. Micke

Und dann lerne ich: Auch Wodka kann gefrieren. Was in meiner Tiefkühltruhe daheim gar nicht möglich ist, schafft der sibirische Winter in nicht einmal fünf Minuten. Als Andrej endlich mit seinem Trinkspruch fertig ist und wir mit klammen Fingern die Gläser heben, schwimmt eine dünne Eisschicht obenauf.

Inzwischen fühlt sich mein Gesicht an, als ob ich einen schweren Sonnenbrand hätte. Die Handschuhe für einen Schnappschuss vom Polarkreis-Globus auszuziehen war wohl keine so gute Idee: Das Gegenlicht des Sonnenuntergangs einberechnen – die Finger brennen – scharf stellen – die Finger sind taub – Blitz dazuschalten, damit man den russischen Schriftzug "Stela, ich liebe dich" noch lesen kann. – Das Gefühl für den Auslöser ist weg, jetzt wirds gefährlich. Schnell abdrücken und zurück ins geheizte Auto, wo Sergej mit laufendem Motor wartet. Ein Vorgeschmack, wie schnell Erfrieren in Sibirien gehen kann.

Als meine Finger ein paar Minuten später wieder benützbar sind, reicht mir Andrej einen Teller mit etwas, dass wie Hobelspäne aussieht. "Das ist Stroganina", erklärt er. "Tiefgefrorener, hauchdünn geschnittener roher Fisch. Sibirisches Sushi, sozusagen. Eine Spezialität der Nenets und logischerweise auch die einfachste Art, Fisch in dieser Gegend zu servieren. Man isst ihn mit Salz und Pfeffer und natürlich am besten mit Wodka zum Runterspülen."

Ein "sibirisches Picknick" eben...


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© Eine Reportage von T. Micke (02-03-03) – Kontakt