Welt-Bildung

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

NACHLESE INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Shaolin Mönche: Kung Fu im Morgengrauen

Shaolin, das berühmteste Kloster Chinas, lädt Abenteuer-Reisende zum Mittrainieren ein.



Kämpfende Shaolin-Mönche im Kloster in China
Picture by T. Micke

Ein Schrei durchbricht die nächtliche Ruhe!

Vor vielen Stunden sind die Bewohner von Henan, der ältesten Provinz Chinas, zu Bett gegangen. Die Heiligen Berge, die seit 1500 Jahren über das Dörfchen Shaolin in ihrer Mitte wachen, hocken da, wie stumme, ins Gebet versunkene Mönche, deren Umrisse sich nur schwer von der Dunkelheit abheben.

Wieder ein Schrei! Dann Stille. Wie eine Herde kahlgeschorener Schafe trottet jetzt eine Handvoll schlaftrunkener, junger Burschen in dickwattigen Bomberjacken und seltsam orangefarbenen Seidenhosen auf den Vorplatz. Der dazugehörige "Schäfer", ein stämmiger Chinese Anfang dreißig, brüllt ein letztes Mal (der Schrei heißt vermutlich so etwas wie "Tagwache!" auf Chinesisch), dann lächelt er versöhnlich und verneigt sich vor seinen "Schäfchen" mit gefalteten Händen zum Friedensgruß. Zwanzig verlorene Gestalten, die in der Dunkelheit gerade ihren Vordermann erkennen können, erwidern die Geste des Meisters.

Es ist punkt sechs Uhr früh an einem frostigen Februar-Morgen und dort auf dem Vorplatz des Kung-Fu-Schulungszentrums stehen die berühmten Kampfmönche von Shaolin in freudiger Erwartung ihres täglichen Morgentrainings. Dehnungsübungen, Kniebeugen – das soll tatsächlich einmal die Elite-Einheit der kaiserlich-chinesischen Armee gewesen sein? Fünfzehn Minuten Jogging, Hüpfübungen wie in der Aerobic-Stunde – sind dies wirklich die angesehensten Kung-Fu-Kämpfer Chinas?

Hartes Training bringt die erstaunliche Schnellkraft der Shaolin-Mönche
Picture by T. Micke

Als 15 Minuten später die ersten Schimmer der aufgehenden Sonne den Gipfel des Shaoshi erwärmen, legen die Burschen trotz minus drei Grad auf der Quecksilbersäule ihre Jacken ab. In ihrem traditionellen orangefarbenen Gewand wirken sie gleich viel würdevoller.

Das Trainingsgelände sieht auf den ersten Blick aus wie ein Kinderspielplatz: Reckstangen, Schaukeln bei denen wohl im Laufe der Jahre die Sitzflächen weggebrochen sind, ein Sandkasten, ein Mäuerchen zum Balancieren, ein Wald aus zweieinhalb Meter hohen, in den Boden gerammten Baumstämmen. – Das wirkt harmlos. Aber es kommt wohl immer darauf an, was man daraus macht:

Flink und trittfest wie ein Eichhörnchen läuft einer nach dem anderen im Halbdunkel über die oben zugespitzte Mauer, klettert danach in halsbrecherische Höhe auf die 15 Zentimeter dicken Pflöcke um leichtfüßig auf den Ballen von einem zum anderen ans Ende des Parcours zu hüpfen, wo lächelnd der Meister wartet, um seine Schüler zum Abschluss mit ein paar gezielten Tritten und Handkantenschlägen auf Standfestigkeit zu prüfen.

Inzwischen haben zwei Schüler aus der Küche ein Dutzend Reisschüsseln und einen Topf geholt. Frühstück im Freien? Weit gefehlt! – Hinauf auf die Holzpflöcke, tief in die Hocke, in jede Hand eine Reisschüssel voll mit Wasser, noch eine auf den Kopf und eine aufs linke Knie und wehe es wird etwas verschüttet.

Meditierender Shaolin-Mönch Shi De Shan im chinesischen Kloster
Picture by T. Micke

Nichts dergleichen passiert! Nach fünf bis zehn Minuten werden die jungen Mönche von ihren "Wasserwaagen" erlöst. Die Anstrengung so lange so ruhig in der Hocke zu balancieren, muss unglaublich gewesen sein – aber keiner verzieht auch nur die Miene.

Shi De Shan ist ein ruhiger, ausgesprochen sympathischer 29-jähriger Chinese aus einem Bauerndorf in der Nähe von Shanghai im Süden des Landes. Er hat jeden Morgen ein Spezialtraining zu absolvieren. Als Bruder Shan im vergangenen Jahr mit einigen seiner Mitbürger auf Tournee in Österreich war, um seine Kampfkünste einem faszinierten Publikum zu präsentieren, bekam er den Spitznamen "Eisenkopf", weil Shan eine Gusseisen-Stange auf seinem Kopf zertrümmern kann. Zu seinem Abhärtungstraining gehört, dass er jeden Morgen tief in Meditation versunken an die hundert Mal mit dem Kopf gegen eine Steinwand stößt. Er war 16 Jahre alt, als er nach Shaolin kam. Als Kind hat er einmal einen Kung-Fu-Film gesehen, sagt er, Seither war sein sehnlichster Wunsch, ins Kloster zu gehen und Kampfmönch zu werden.

Viele von Shans Mitbrüdern verlassen nach absolvierter Schulung als angesehene Männer das Kloster, um selbst Kung Fu zu unterrichten oder als gutbezahlte Stars einer Showtruppe beizutreten. Shi De Shan wird im Kloster von Shaolin blieben. Sein Ziel ist die höchste Harmonie von Körper und Geist. Er will selbst Meister werden und später einmal Schüler in der hohen Kunst des "Qi Gong" unterweisen.

Wenn ein Meister im Kloster von Shaolin stirbt, wird im von seinen Schülern eine Pagode errichtet
Picture by T. Micke

Obwohl das Dorf Shaolin als "Mariazell Chinas", mit seinen Jade- und Plastik-Buddha-Verkaufsständen des 21. Jahrhunderts immer mehr zum Fremdenverkehrszentrum wird, nehmen die Mönche Tradition und Religion sehr genau. Wenn ein Meister stirbt, errichten seine Schüler ihm zu Ehren eine Pagode – eine Art "Gedenkturm". Auf diese Weise ist im Laufe der Jahrhunderte unweit des Klosters ein "Pagodenwald" aus mehr als 200 Stein- und Kacheltürmen entstanden.

Im Zuge der Öffnungspolitik Chinas ist es seit 1996 möglich, am Ausbildungsprogramm der weltberühmten Kampfmönche von Shaolin teilzunehmen. Geboten werden sowohl einfache Meditations- und Atemübungen als Grundschulung, als auch "Qi Gong", die Kunst des Bretterzertrümmerns sowie Shaolin-Eisenarmboxen für Fortgeschrittene. Die Mönche selbst nehmen sich der Gäste in kleinen Gruppen mit Hilfe von Dolmetschern an. In ein- bis dreiwöchigen Seminaren kann man auf diese Weise Einblick in die Welt des Klosters und der Kampfschule gewinnen. Rahmenprogramme sind individuell vereinbar und reichen von der Stadtrundfahrt in Peking über Besichtigungen der alten Kaiserstadt Kaifeng und der Longmen-Grotten mit ihren Riesen-Buddhas bis zum Ausflug zu den weltberühmten Tonkriegern von Xian.


< Zurück zu Abenteuer/Reise

© Eine Reportage von T. Micke (16-03-96) – Kontakt