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Servus-Magazin: Ein Spiel um Leben und Tod

An jenem Abend anno 1625 kamen sie nicht mehr heim zu Frau und Kind, die Bauernrebellen von Frankenburg. Mit Würfel und Becher wurde vor Hunderten Zeugen über ihren Kopf entschieden. Dieses Gottesurteils gedenken die Nachfahren im oberösterreichischen Hausruck alle zwei Jahre mit einer einzigartigen Aufführung.



Frankenburger Würfelspiel
Picture by T. Micke

Wen die Reise dieser Tage durch Frankenburg im oberösterreichischen Hausruck führt, der erlebt die sonst so beschauliche 4800-Seelen-Gemeinde kurz vor dem Ausbruch eines Bauernaufstands. Waffen werden instand gebracht, Pferde martialisch gezäumt, Köpfe an Stammtischen tuschelnd zusammengesteckt.

Die Spannung ist kurz vor dem Höhepunkt; bei manchem liegen die Nerven scheinbar derart blank, dass es im Wirtshaus Zechmeister immer wieder zu befremdlichen Ausbrüchen der Gäste kommt. Da betritt einer das Lokal, fixiert den dort an der Schank sitzenden Bankdirektor und schleudert ihm mit gehobenem Finger wütend entgegen: „Dies Spiel, Herr Graf, wird Euch noch reuen!“

Der Gastraum verstummt, alles blickt zum solcherart mit Reue Bedrohten. Der sammelt sich, schiebt sein Glas beiseite, richtet sich auf seinem Hocker auf, als sei’s ein gesattelter Gaul, und ruft zurück: „Halt’s Maul, Richter, und mach Deinen Wurf!!“ Und dann – dann lacht das ganze Wirtshaus bis hin zur Kellnerin, die gerade einen Teller köstlicher Frankenburger Bratknödel mit Kraut auftischt.

Was dem Zaungast ein unverständliches Kopfschütteln abnötigt, ist für die Einheimischen Alltag in diesen Tagen. Sie nennen es die „Würfelspielsprache“. Selbige ist Begleiterscheinung eines Fiebers, das seit den 50ern des vorigen Jahrhunderts in Zwei-Jahres-Abständen den gesamten Ort erfasst. Ursache ist ein schaurig-tragischen Ereignis, das sich vor 386 Jahren hier in Frankenburg und den umliegenden Weilern zugetragen hat.

Im Morgengrauen des 30-jährigen Kriegs, als Martin Luthers fruchtbare Saat der Reformation gerade bei der unterdrückten Landbevölkerung aufging und Kaiser und Kirche um Einfluss kämpften, war Oberösterreich an den Bayernherzog Maximilian I. verpfändet worden. Nicht nur, dass die Bauern nach einer Hungersnot vom Statthalter Graf von Herberstorff hart um ihren Zehent gepresst wurden und bayrische Soldaten die Höfe plünderten. Der Graf wollte im Zuge der befohlenen Gegenreformation auch einen neuen Pfarrer installieren, einen von Rom entsandten, der nur Italienisch sprach: Dies war für die Frankenburger im Lichte von Luthers volksnahen Thesen der Gipfel römisch-katholischer Ignoranz.

Frankenburger Würfelspiel
Picture by T. Micke

Die legendäre Würfelszene, einen Steinwurf vom Originalschauplatz entfernt. Rechte Seite: Die Frankenburger proben unter der henkerslinde. Jene Elfenbeinwürfel, mit denen vermutlich um Leben und Tod gespielt wurde, sind im örtlichen Museum zu begutachten. Würfelspiel-Fan Andreas Juster hat ein Mini-Diorama von den Szenen auf dem Haushamerfeld geschaffen. und mit einer Aufführung in der Volksschule wollen die Schauspieler auch die Generation jenseits von Playstation erreichen. Wie man an den Gesichtern der Kinder sieht, mit Erfolg.

Der Rebellion der Bauern gegen die Herrschaft, sagt die Geschichtsschreibung, sollen sich 5000 angeschlossen haben.

Angesichts des bevorstehenden Blutzolls besann sich der Graf einer List: Er stellte den Rebellen Gnade und eine friedliche Lösung in Aussicht, wenn man sich ohne Waffen auf dem Haushamerfeld, einer alten Richtstätte bei Frankenburg, träfe. Dort wurden die Bauernanführer aber von einer Hundertschaft schwer bewaffneter Soldaten umstellt und Kanonenmündungen auf die mitgegangenen Frauen und Kinder gerichtet.

Herberstorffs „Gnade“ bestand darin, die Aufständischen zu Füßen des Scharfrichters paarweise um ihr Leben würfeln zu lassen. Wer verlor, wurde auf der Stelle gehängt.

Dieses Blutgericht wird nun in ungeraden Jahren einen Steinwurf vom Originalschauplatz entfernt mit viel Leidenschaft aufgeführt: Das sogenannte „Würfelspiel“, ein Laientheater-Spektakel mit sagenhaften 400 Akteuren und weiteren 300 Helfern, zieht generationenübergreifend ganz Frankenburg in seinen Bann. Dass es sich bei den Darstellern auch um die Nachkommen der damaligen Rebellen handelt, sorgt in seiner Authentizität zusätzlich für Gänsehaut.

„Heuer sind’s vierzig Jahre“, erzählt der pensionierte Schlosser Johann Redlinger, „dass ich beim Würfelspiel mittue. Früher als Statist, seit zehn Jahren bin ich jetzt bei den Henkern dabei.“

„Auch ich habe einst als einfacher Fußsoldat begonnen“, trägt Schulwart Peter augenzwinkernd mit der Hand auf der Brust vor, als zitiere er aus einem Sonnet von Shakespeare. „Von dort bin ich zum Offizier aufgestiegen, bekam dann meine erste Sprechrolle mit zwei Sätzen und wurde dann Zweiter Bauer. Jetzt spiele ich den Färbergesellen Sigmund.“ (Der wirklich sehr, sehr viel zu sagen hat.)

In der Regel bleiben die Rollen bei Haus und Hof, wurden seit der allerersten Aufführung im Jahr 1925 vom Großvater an den Vater, vom Vater an den Sohn weitergegeben. Beim Würfelspiel mitzuwirken ist seit ehedem Ehrensache für die Frankenburger. Der einzige Lohn für Darsteller und Helfer ist ein Abendessen, an dem alle, vom sechsjährigen wehklagenden Bauernwaisen bis zum 89-jährigen Altrebellen, teilnehmen. Der Veranstaltungserlös wird wieder in das Projekt gesteckt.

Zum Beispiel in das neue Würfelspielmuseum, in dem die Historie von 1625, aber auch die zwiespältige Geschichte des Bühnenstücks selbst beleuchtet wird. Autor des „Ur-Manuskripts“ war nämlich der von nationalem Gedankengut besessene Journalist Karl Itzinger, Jahre später Mitglied der SA, dem der „Blut-und-Boden“-Stoff mit der „bösen Kirche“ so gut gefiel, dass er daraus eine Roman-Trilogie verfasste, die 1925, zum 300. Jahrestag der Ereignisse aufgeführt wurde.

Alexander Schmid, der als Pf leger Grienpacher eine der tragenden Rollen spielt:

„Itzinger hat zwei Seiten für uns Frankenburger. Und es ist gar nicht so leicht, damit umzugehen. Zum einen ist da seine politische Gesinnung, zum anderen seine Rolle als Autor und Wiederbeleber einer in Vergessenheit geratenden Geschichte, der wir uns als direkte Nachfahren verbunden fühlen.”

Toni Streicher, Würfelspiel-Obmann, im wirklichen Leben Bank-Prokurist, im Stück Richter von Völkermarkt: „Niemand hier will das Gedenken an die Leidensgeschichte unserer mutigen Vorväter aufgeben, nur weil der Stoff vor 80 Jahren missbraucht wurde.“ (Anm.: In „verfärbter“ Form wurde „Das Blutgericht vom Haushamerfeld“ sogar 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin aufgeführt).

Obmann Streicher: „Heute geht es uns mit der Aufführung dieses Stücks darum zu zeigen, wozu jedweder religiöser Fanatismus führen kann.“

Als Zeichen der Toleranz wird im Vorfeld der Aufführung immer eine ökumenische Messe abgehalten, bei der Katholiken und Protestanten gemeinsam feiern. Die Historie rund um das Würfelspiel ist in Oberösterreichs Schulen fix im Geschichtsunterricht verankert.

In Frankenburg geht man noch etwas weiter. Da nimmt sich der harte Kern der Darsteller einen Wochentag frei, um eine 50-Minuten-Version des Stücks (regulär dauert es 1¾ Stunden) im Turnsaal vor den rund 70 Kindern der drei dritten Volksschulklassen zum Besten zu geben.

„Wenn ihr zu Weihnachten euer Lieblingscomputerspiel net kriegt’s, ist das dann lebensbedrohlich?“ fragt Regisseur Pillichshammer die Schüler, während sich die Henkersgesellen mit Justitias Riesenschwert im Turnkammerl verstecken.

„Neeiiin!“ schreien die Kinder. Und der vollbärtige Scharfrichter Franz (Würstelstandbesitzer im Ruhestand) lächelt dabei unter seiner Zipfelmützkutte gütig wie ein Nikolo. „Lebensbedrohlich“, belehrt Pillichshammer, ganz Pädagoge, „war die bittere Armut eurer Vorfahren, Kinder.“ Und dann wird mit derselben Hausrucker Leidenschaft gestritten, geschubst, geschimpft und gewürfelt wie bei der Erwachsenen-Aufführung.

Ganz am Ende fischen sich die Henkersgesellen noch zwei schulbekannte Lausbuben am Krawattl von den Zuschauer-Turnsaalmatten. Auch sie sollen würfeln, um die Tragik der Situation besser zu begreifen. Aber das ansteckende Gekicher der kleinen Zuseher ob der überraschenden Einlage überspült mühelos den historischen Todesernst.

„Kinder“, erklärt Lehrerin Waltraud Vilsecker, die seit 15 Jahren mit ihrer Stute als berittene Soldaten mitspielt, nach der Vorstellung, „Kinder, sehen das einfach anders als Erwachsene.“

Und Henker Johann fügt hinzu: „Wer Grimms Märchen liest, darf ja auch nicht zimperlich sein. Da wird ebenfalls alle naslang geköpft, gehenkt und verbrannt. Wir Henker wurden beim letzten Mal von den Kindern sogar wegen unserer roten Kapuzen als Sieben Zwerge verspottet.“

Auch bei den erwachsenen Frankenburgern kommt bei allem Respekt vor dem ernsten Hintergrund ihrer Darbietung der Schmäh nicht zu kurz.

Bei der Probe an jenem malerischen Wiesenfleck, wo alle zwei Jahre unter der Henkerslinde die Aufführung vor bis zu 3000 Zuschauern stattfindet, geben die Darsteller einige Anekdoten zum besten:

„Schon vor Jahren hat es sich eingebürgert“, erzählt Obmann Toni, „dass der Henker bei Fleischhauer Schmitzberger im Ort spezielle, extra scharfe Würstl stopfen lässt, die dann während der Vorführungen im Hintergrund der Bühne heimlich über den Wachfeuern der Soldaten gegrillt werden.“

„Praktisch ist’s“, weiß Kraftfahrer Franz, der den Redelsführer Scheichl mimt, „wenn der Bauer am Feld hinter der Bühne einen Mais angebaut hat. Dann kann man noch kurz vor dem Auftritt einen Austritt machen. Aber das geht nicht jedes Jahr, weil der Bauer hat ja eine Fruchtfolge zu beachten. Und der Weizen ist dafür ungeeignet.“

„Jaja, das Maisfeld“, seufzt Toni Streicher, der schon mit 11 Statist war, vielsagend: „Das Maisfeld hat während der Abendveranstaltungen in all den Jahren sicher den einen oder anderen romantischen Moment erlebt.“

Der Obmann weiter: „Früher war’s übrigens so, dass die Rebellen wirklich bühnenreif gehenkt wurden, heute werden sie nur in den Wald abgeführt. Davor hat man den Verlierern einen Strick um den Hals gelegt und einen Feuerwehrgurt mit Sicherheitsaufhängung unterm G’wand montiert und – zack – sah’s so aus, wie wenn das Gottesurteil wirklich vollstreckt worden wär’. Heute überlässt man dieses Bild lieber der Fantasie.“

Apropos Hänger: Bei einer so professionellen Aufführung fehlen natürlich auch die Souffleusen nicht. „Die haben bei uns wirklich einen der härtesten Jobs“, sagt Toni, „und zimperlich dürfen’s auch nicht sein“.

Wenn man den Arbeitsplatz der beiden Einsagerinnen sieht, weiß man auch, warum: Bevor sie für zwei Stunden in ein mit Gras bewachsenes, von den Zuschauerbänken nicht erkennbares, ausbetoniertes Erdloch klettern, muss erst einmal allerlei Krabbelgetier umgesiedelt werden.

„Was nicht heißt“, grinst Toni Streicher schelmisch unter seinem Mittelalterhut, „dass während der Vorstellung nicht wieder welches hinzukommt“.

„Aber man darf nicht vergessen“, ergänzt Regisseur Pillichshammer, der bei den Proben nie um das richtige Stichwort verlegen ist: „Auch das ist nicht annähernd so lebensbedrohlich, wie tatsächlich um sein Leben würfeln zu müssen.“


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© Eine Reportage von Tobias Micke für Servus in Stadt und Land (11-07-01) – Kontakt