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Servus-Magazin: Geschmiedet für eine kleine Ewigkeit

Wer den Vatikan als Kunden hat, muss sein Handwerk schon himmlisch gut beherrschen. Im Städtchen Molln in Oberösterreich schmieden zwei Brüder in uralter Familientradition Harnische für die Schweizergarde.



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Picture by T. Micke

Beständig und rhythmisch wie ein Uhrwerk gingen die Schläge der Gesellen im Takt nieder auf den glühenden Stahl. Hoch über den Kopf hoben die beiden Draufschläger ihre schweren Hämmer, zielten dabei sorgfältig und langten dann wuchtig hin, während der Meister selbst das heiße Eisen geschickt mit der Zange auf dem Amboss drehte und wendete, es nach jedem Schlag zurecht rückte und dabei unentwegt mit prüfendem Blick die Glutfarbe kontrollierte. Momente, in denen wenigstens der Gehilfe am großen Blasebalg kurz durchatmen konnte, bis man an der Esse wieder die volle Leistung forderte, um das Schmiedegut erneut auf Temperatur zu bringen. Eile war geboten, denn der Auftrag war umfangreich, dringlich und kam von ganz oben.

Das war vor 500 Jahren...

Heute stehen Hans und Georg Schmidberger in ihrer Schmiede in Molln und arbeiten an dem ganz gleichen, ebenso umfangreichen und ebenso dringlichen Auftrag von ganz oben.

Wie es dazu kam? Anders als im Schulunterricht können die zufälligen Verflechtungen der Geschichte im wirklichen Leben sehr kurzweilig sein. Irgendwann gegen Ende des Spätmittelalters, kurz nach der Gründung der Schweizergarde als Leib- und Palastwache für Papst Julius II. im Jahr 1506, bekam ein Plattner von gutem Ruf, vermutlich im Umland des Kirchenstaates, die ehrenvolle Aufgabe, Harnische für die aus Schweizer Söldnern bestehende 150 Mann starke Einheit zu schmieden.

Zeitgleich loderte bereits die große Esse der „Schmidten an der Lacken” im StädtchenMolln im Fürstentum Österreich ob der Enns. Seit 1350 stellte die Schmiede vorwiegend Pflugscharen, Hämmer und allerlei anderes Werkzeug für die Landbevölkerung in der Pechersiedlung her. Der Papst und Rom waren weit weg, und Werkzeugschmiede, Sensenschmiede, Waffenschmiede, Harnischfeger und Plattner gab es landauf landab soviel wie Kardinäle in der geheimnisvollen Vatikanstadt.

Die Schweizer Söldner leisteten so gute Arbeit, dass 250 Jahre nach der Gründung der Einheit sogar ein 400 Mann starkes Kontingent von Schweizergardisten am Hof von Kaiserin Maria Theresia Schutzdienst leistete. In dieser Zeit erließ die Herrscherin jene „Schmiede-Gerechtigkeit“, die bis heute der Familie Schmidberger in der „Schmidten an der Lacken“ in Molln die Ausübung ihres Handwerks sichert.

Aber das Wissen um die fachgerechte Herstellung von Harnischen geriet mit der Zeit in Vergessenheit. Diese waren durch Fortschritte in der Waffentechnik überflüssig geworden. Der Durchschlagkraft eines Radschlossgewehrs und anderer Schusswaffen boten sie keinen ausreichenden Widerstand. Nur die Schweizergarde verwendete die Harnische aus der Zeit von Papst Julius II. weiterhin – als Teil ihrer traditionellen Uniform. Sie wurden in der Waffenkammer des Vatikan nach jedem Tragen sorgfältig eingefettet, alte Hundsledergurte durch neue aus Hirschleder ersetzt, Risse im Stahl und klappernde Nieten mit Messing verlötet.

Dennoch nagte der Zahn der Zeit an den historischen Rüstungen. Keine drei Jahre ist es nun her, dass den Brüdern Hans und Georg, sowie deren Vater Johann Schmidberger eine Einladung vom Vatikan ins Haus flatterte. Durch eine Fügung von Zufällen waren Kommandant Oberst Daniel Anrig und Waffenmeister Anton Kappler anlässlich eines Papstbesuchs in Österreich zu Ohren gekommen, dass die Mollner Schmiede-Dynastie noch über die alten Fertigkeiten der händischen Harnischherstellung verfügt.

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Picture by T. Micke

Ob die Mollner Kunstschmiede denn in der Lage seien, für die Wache Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. 80 neue Harnische in der alten, handgeschlichteten Güte wie vor 500 Jahren herzustellen.

Dazu muss man wissen: Johann senior hatte das Handwerk an der Esse von kleinauf von Großvater August gelernt, dieser von Urgroßvater Johann, der von Ururgroßvater Georg. Uralte Kenntnisse, die von einer Generation an die nächste, vom Vater zum Sohn weitergereicht wurden, samt Hammer, Amboss und Schmiedemarke. Also: Ja, die Schmidbergers sind das zu in der Lage.

Die drei Schmiede reisten nach Rom und sahen den Gardisten vor der Waffenkammer beim Exerzieren im Harnisch zu, begutachteten die alten Stücke in Ruhe, prüften die Glieder-Mechanik der achtteiligen Armpanzer, die Nieten an Brust- und Rückenrüstung, die von Hand gefeilten und polierten Schulterrundungen, die Kämme und Börtelungen an den Abschlüssen, berieten sich eingehend und sagten zu.

Muster wurden zurück in die Heimat nach Molln mitgenommen, ein Prototyp hergestellt und in den Süden verschickt, Verbesserungswünsche bei einem vatikanischen Gegenbesuch in Oberösterreich besprochen. Dann gingen die Schmiede ans Werk.

In 700 Arbeitsstunden fertigten sie nach alter Vorlage zuerst den Prunkharnisch für den Kommandanten neu. Eine mit Gold und Silber verzierte, ziselierte und im Stahlofen gebläute Kostbarkeit, die Oberst Anrig so begeisterte, dass der Prunkharnisch nun nicht mehr in der Waffenkammer aufgehoben wird, sondern an einer Büste im Büro des Kommandaten glänzt. Die Harnische waren ja für die vergleichsweise kleinwüchsigen Männer früherer Jahrhunderte bemessen worden. Ein groß gewachsener Schweizer des 21. Jahrhunderts hatte dafür in derselben Montur bei festlichen Anlässen, im speziellen der jährlichen Angelobungszeremonie der neuen Rekruten, seine liebe Atem-Not. Dieser Tage stehen also bei Schmidbergers zwei Essen in voller Glut, um zeitgerecht zur Angelobung im kommenden Mai 80 mittelalterliche Harnische in den Größen „Medium“, „Large“ und „X-Large“ bereitstellen zu können. Beständig und rhythmisch wie einst schallen die Hammerschläge bis auf die Dorfstraße hinaus. Steinkohle und Frischluft liefern wie in alten Zeiten jenes heiße Feuer, das gebraucht wird, um Stahlplatten verschiedener Stärke dem Treibhammer gefügig zu machen. Ein paar zeitgemäße mechanische Hilfen gibt es statt Blasebalg und vor Kraft strotzenden Draufschlägern, aber sonst hat sich nicht allzu viel verändert in der Technik.

Hans Schmidberger ist voll Achtung für die Arbeit seiner Kollegen aus dem 15. Jahrhundert: „Besser als damals kann das heute wirklich niemand. Die Plattner haben ihr Handwerk in Perfektion beherrscht.“

Während der 27-jährige Georg sein Werkstück gleichmäßig mit der Schmiedezange des Großvaters über der Kohlenglut dreht, prüft er mit geschultem Auge die Glühfarbe. Bei zirka 1450 Grad schmilzt Eisen mit diesem niedrigen Kohlenstoffanteil, was natürlich – trotz Ablenkung durch die Besucher – absolut zu vermeiden ist. Die viel zitierte Weißglut wird bei 1350 Grad erreicht. Aber bearbeiten kann man das drei Millimeter dicke Schwarzblech am allerbesten zwischen Kirschrot (900 Grad) und Gelb (ca. 1200 Grad).

Beim Hämmern auf dem Amboss spritzt erst rotglühend, dann mattschwarz der Zunder in alle Richtungen, eine hauchdünne Eisenoxid-Schicht, die sich im Feuer bildet und bei jeder „warmen“ Bearbeitung einen Materialschwund bedeutet, der einzukalkulieren ist. Wie lange Georg, der stillere der beiden Brüder, an diesem Schulterstück schon arbeitet? „Naja, a Zeitl halt.“

„Bis eine Charge von fünf kompletten Harnischen nach Rom zum Anpassen geliefert werden kann, vergehen mehr als zwei Monate“, verrät der 29-jährige Hans, der am anderen Ende der Werkstatt mit einer unterarmlangen Schrubbfeile das Schleifbild eines Brustpanzers verbessert.

Während man auf der rauen Innenseite bei den Originalen wie bei den Neuanfertigungen jeden einzelnen Hammerschlag erkennen kann, wird die stählerne Außenhaut im kalten Zustand nachgeschlichtet, geschliffen und poliert, bis sie so glatt und glänzend ist wie ein Metallspiegel.

Immer wieder fährt Hans prüfend mit der Hand über die Oberfläche, hält das Bruststück ins Licht der Wintersonne, das in Bahnen durch die verrußten Oberlichten fällt und etwas Farbe in die grauschwarze Werkstatt bringt. „Am End’“, sagt Vater Johann stolz, der seinen Buben hilft, ohne Qualitätseinbußen dem Terminplan gerecht zu werden: „Am End’ sind sogar die meisten Experten nimmer in der Lage, die neichen und die 500 Jahr’ alten Harnische auseinand’ zu kennen. Obwohl: A schlecht g’setzte Nieten kann scho wieder ois verraten.“ Der 60-Jährige, der mit seinem üppigen Vollbart auch als Hofschmied der Schweizer Garde um 1500 blendend Figur gemacht hätte, ist nach einem langen, harten Berufsleben an der Esse eigentlich im Ruhestand, kann aber die Finger nicht von den heißen Eisen lassen: „Das Schmieden, des is’ mei Leb’n, mei Leidenschaft, solang i no an Hammer heben kann. Wenn i des nimmer kann, dann stirb i“, sagt er lächelnd. Wie ernst er das in Wahrheit meint, erkennt man dabei in seinen Augen.

Dass gleich zwei der drei Söhne (und zwei Töchter) das unzeitgemäß wirkende Handwerk des Vaters fortsetzen, ist heutzutage selten. Aber auch hier hat sich eine uralte Methode bewährt: Beide Buben standen, so wie auch Johann senior bei seinem Vater, schon mit fünf oder sechs Jahren in der Schmiede beim Feuer und durften unter Aufsicht mit Hammer, Amboss und Zange hantieren, um eigene kleine Werkstücke zu formen. So, wie es heute Georgs fünfjähriger Sohn tut. Georg heißt er.

Gattin Hildegard lacht: „’S gibt a oids Bild vom Hans, wo er mit der Nasenspitzen und roten Wangen grad bis aufi zur Esse langt.“ Die alte Faszination von Schmiedefeuer und kirschrotem Stahl hat „die Buben“ anscheinend gegen die Verlockungen virtueller Welten abgehärtet. Und so fertigte einer der Söhne sogar mit zwölf schon seinen ersten Luster, statt vor dem Computer zu hocken und Spiele zu spielen.

Später nahm Johann senior die Burschen offiziell als Lehrlinge auf. „Keine leichte Schule“, wie Hans grinsend zugibt, „aber dafür die beste.“ Heute hat sich der 29-Jährige – wenn er nicht gerade Harnische für den Vatikan schmiedet – auf prunkvolle Eisentore, knifflige Damastmesser und imposante Schwerter spezialisiert, die er in alle Welt liefert, mit denen aber auch Aufführungen wie Shakespeares Julius Cäsar und Coriolan während der Salzburger Festspiele authentisch ins Szene gesetzt werden.

Bruder Georg ist Experte in Sachen Eisentruhen und alten Renaissance-Schlössern (gemeint sind nicht französische Burgen, sondern die komplexen Türriegel, die heute jedem Schlossknacker graue Haare bereiten würden). Im Ernstfall – wie etwa bei einem Auftrag der päpstlichen Schweizergarde –kann aber jeder in der Familie alles.

Sagenhafte 500 Jahre lang haben die alten Harnische der Schweizergarde gute Dienste geleistet. Eine unglaubliche Zeitspanne, angesichts derer man sich schon fragen darf, wie lange wohl die neuen aus Molln im Einsatz sein werden. Im Lichte des prominenten, sehr auf Tradition bedachten Auftraggebers kann man wohl schon ohne große Übertreibung von einer „kleinen Ewigkeit“ sprechen.


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© Eine Reportage von Tobias MIcke für Servus in Stadt und Land (11-05-01) – Kontakt