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Servus-Magazin: Die Arche am Seewald-See

Es ist ein magischer Flecken Erde. Mit Tieren aus längst vergangenen Zeiten, die hier artgerecht leben und überleben dürfen. Mit einer kleinen Familie, die hier jeden Sommer ihre heilige Ruhe findet. Und mit einem Bauern, für den der wahre Fortschritt im Bewahren des Ursprünglichen liegt.



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Picture by T. Micke

Es blitzt und kracht draußen über dem Seewaldsee, dass die Scheiben in der Gaststube der Auerhütte scheppern. Im wolkenverhangenen Dämmerlicht flackert immer wieder gespenstisch der Uferstreifen auf. Und das Unwetter, das über der malerischen Alm am Fuße des Trattbergs inmitten der Osterhorngruppe auf 1.100 Meter niedergeht, füllt binnen weniger Minuten die beiden hölzernen Regenfässer, die von der Dachkante aus mit zwei gezielten Wasserfällen gespeist werden.

Drinnen knackt das Fichtenholz im Ofen. Das Kerzenlicht auf dem Stubentisch zieht die Blicke der Umsitzenden an. „Hier oben“, raunt Almbauer Tom Strubreiter in die Stille hinein, „geht es nicht immer mit rechten Dingen zu!“ Dabei hebt er beschwörend die buschigen Brauen und funkelt jeden von uns mit seinen blaugrauen Augen an.

„Einmal mussten zwei Hausgeister, die vielleicht schon 400 Jahre und mehr in der Hütte gewohnt haben, von einem Experten für derlei Besucher weggeführt werden, weil die einstige, sonst gar nicht zimperliche Pächterin sich beim Umziehen in ihrer Kammer beobachtet, ja geradezu mit Blicken durchbohrt gefühlt hatte.“

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Picture by T. Micke

Tom macht eine kurze Pause, streicht sich über den Vollbart und lässt den Donnerhall vom anderen Seeufer verklingen, bis er weiterspricht. „Dann gibt es bei uns in der Hütte die Trud, einen ortsansässigen Alptraum, der unterschiedliche Gäste über Jahre hinweg in einem der Zimmer geplagt hat. Und schließlich haben wir noch das Wilhelmskirchlein am Fagerstein ganz in der Nähe, wenn man von St. Koloman die Straße heraufkommt. Es wurde von den Bauern auf einer 3.000 Jahre alten keltischen Opferstätte errichtet. Die Kirchenväter haben diesen unerwünschte Pilgerplatz immer wieder niederbrennen lassen. Und unheimliche Dinge, aber auch kleine Wunder soll es dort gegeben haben.“ All dies und natürlich auch der ganz offensichtliche Zauber des Ortes zieht eine halbe Autostunde von der Stadt Salzburg entfernt immer wieder wunderliche Gestalten an. „Einmal wollte eine Gruppe auf meiner Weide eine 25 Meter große Venusblume aus Stein gegen den Weltuntergang errichten“, sagt Tom. „Ein andermal ist einer mit einer kupfernen Sonde daher gekommen, an irgendeiner Stelle regelrecht in Ohnmacht gefallen vor Überwältigung, und als er sich anderntags wieder davon erholt hatte, ist er wieder herauf zu uns und hat gefragt, ob er sich vielleicht zwei Stunden lang dort hinlegen kann, um seine Batterien wieder aufzuladen.“ „Dabei will ich ja eigentlich nur mit meiner kleinen Familie hier oben in Ruhe leben und vom Aussterben bedrohte Tiere züchten“, seufzt der 39-Jährige.

Begonnen hat alles mit Urgroßvater Johann Strubreiter, dem 1927 das vorausschauende Kunststück gelang, die 27 Hektar große Alm im Tennengau für 5000 Schilling und einen Dreiviertel Hektar saure Wiese in Unterscheffau zu erstehen. „Für 1000 Schilling konnte man damals schon einen Stall bauen. Tom, „aber im Vergleich zum heutigen Wert ist’s gar nix.“ Tom, der 2003 nach einem privaten Schicksalsschlag den Auerbauernhof unten im Tal und die Seewaldseealm samt bewirtschafteter Hütte von einem Tag auf den nächsten übernehmen musste, darf sich seitdem gegen alle möglichen Projektentwickler wehren, die ihm das Geschäft des Lebens – vom Kurhotel bis zum Luxus-Hüttendorf – vorschlagen wollen. Dann führt Thomas Strubreiter das Verhandlungsgespräch gerne im durchgetragenen Stallgewand und kontert die Anbahnungsversuche mit entrüstetem Lamertaler Zungenschlag:

„Seh i so aus, wie wenn i mehr Göd brauchert?!“

„Es muss sich ja nicht immer alles verändern, oder? Es ist doch auch schön, wenn einmal etwas so bleibt, wie es war“, sagt Tom. „Nicht jeder See braucht einen breiten, geschotterten Rundwanderweg und eine Mountainbike-Strecke, nicht jede Almhütte eine Haubengastronomie.“ „Pass auf, was Du sagst“, fährt Hüttenpächterin Anita ihrem Hausherrn scherzhaft dazwischen. Denn ihre Kaspressknödel-Suppe und der Kirsch-Topfenstrudel sind legendär gut. Neben ein paar anderer Kleinigkeiten gibt es sonst nur Brettljause.

Und die ist ebenfalls etwas ganz besonderes…

„So“, unterbricht Tom, „Gewitter vorbei, raus auf die Weide. Jetzt zeig ich euch meine besonderen Schützlinge.” Thomas Strubreiter ist Obmann der Arche Austria, ein Verein, der sich der Erhaltung seltener Nutztierrassen verschrieben hat. Gemeinsam mit seiner besseren Hälfte Michaela, die eigentlich Kindergärtnerin und Krankenschwester gelernt hat, und der 13-jährigen Tochter Sissy betreiben sie im Sommer am Seewaldsee eine Arche-Alm, die von den Tierhaltungsvorschriften deutlich härtere Kriterien erfüllen muss, als sie Biobetrieben heutzutage auferlegt werden.

Während wir auf den Freiluft-Schweinekobel zustapfen, zählt Tom auf: Es gibt kein Enthornen der Kühe bei uns, kein Schwanzstutzen bei Schweinen und kein Herausbrechen der Keilereckzähne, auch kein Schnabelstutzen bei den Hühnern.“

Dass bei diesem Almbauern wirklich alle Tiere – Mäuse und Fliegen ausgenommen einen Namen haben, ist allerdings nicht Arche-Bedingung. „Martha-Mausl, komm heraus, und sag unseren Gästen Guten Tag!“ Widerwillig und nur, weil’s auch etwas zum Naschen gibt, schiebt sich eine riesige, wollige Sau aus einem der drei Unterstände. Martha hat das tosende Gewitter ganz klar in ihrem strohgefüllten Riesennest verschlafen.

„Unsere Martha ist ein schwalbenbäuchiges Mangalitzaschwein“, sagt Tom und krault sein wohlig grunzendes 160-Kilo-„Mausl“ hinterm Schlappohr. „Freilaufende Schweine sind die allerbesten Bodenverbesserer:

Vorn der eingebaute Pflug, hinten der Miststreuer. Aber wenn so eine Wollsau etwas nicht will, dann kannst’ Dich auf den Kopf stellen. Und wennst grob wirst, dann kann die Sau auch grob werden.”

Mangalitza gehören zu den gefährdeten Arten. „Ihr Fleisch ist mit seinem hohen Fettanteil, viel Omega-3 Fettsäuren und seinem günstigen Verhältnis zwischen gesättigt und ungesättigt eine Delikatesse, die wir natürlich auch unseren Hüttengästen in Form von Speck, Leberwurst, Kübelspeck-Hartwurst und Schmalz auftischen.“

„Als ich den Hof vor acht Jahren vom Vater übernommen und umgestellt hab’, da war das Züchten aussterbender Nutztierrassen noch sehr exotisch“, schildert Tom. „Und ich werde bis heute von vielen konventionellen Bauern dafür angefeindet. Das hier zum Beispiel sind Magda und Mariandl, meine beiden schwarzen Pinzgauer. Von denen gibt es gerade noch 150 Stück weltweit. Früher hießen sie auch Glückskühe, weil ein Bauer seine Herde auch aus der Ferne sofort daran erkannt hat. Und das hier ist die Walli, eine Jochberger Hummel, eine von Natur aus hornlose Pinzgauer-Art. In Schwarz gibt es davon gerade noch 20 Stück. Ich hab lange suchen müssen, bis ich sie bekommen habe.” Ärger ist es in Österreich nur den Tux-Zillertaler Kühen ergangen. Irgendwann hat man von ihrem Schlag ein ausgestopftes Exemplar ins Naturhistorische Museum in Wien gestellt und die Rasse für ausgestorben erklärt. Heute gibt es wieder 3000 Stück, unter anderem übrigens im Tiergarten Schönbrunn.

Der große Teil von Toms Rinderherde sind aber Pustertaler Sprinzen in Mutterkuh-Haltung. Auch die Sprinzen – die so heißen, weil ihr Fell aussieht, als hätte sie jemand mit einem großen Farbpinsel angespritzt sind eine altösterreichische Rinderrasse mit besonderer Geschichte. Die Tiere setzen gut Muskeln an, geben trotzdem ordentlich Milch und sind ausdauernd vor dem Pflug. War das „Multitalent“ früher ein großes Plus, so wollen die hochspezialisierten Bauern heutzutage nur Milch- oder Fleischkühe.

Weil die Rasse einen starken Bezug zur Monarchie hatte, man die sommersprossigen Tiere sogar eine Zeit lang als „Wiener Kühe“ bezeichnete, wurden sie in der Ursprungsregion in Südtirol von 1926 bis 1983 verboten und dadurch beinahe ausgerottet.

Auf dem Weg zurück zur Hütte, wo die Appenzeller Spitzhaubenhühner Clara, Nachtigal und Goldi nebst Hahn Hannibal (natürlich auch rar und gefährdet) zwischen den Jausentischen nach Appetithäppchen suchen, steht noch die Rappenstute Bianca. Auch sie ist eine der letzten ihrer Art und gehört zum Abtenauer Schlag, einer Unterart des Pinzgauer Norikers. Mit 25 Lenzen ist sie schon eine alte Dame, die beim Strubreiter-Tom und seiner Michi ihr beschauliches Gnadenbrot fristet.

Das kann man von den aufgeweckten Gebirgszicklein auf der felsigen Böschung nicht gerade behaupten. Diese erst vor vier Jahren wieder offiziell anerkannte heimische Rasse nennt sich „Blobe“, ein altes Tiroler Wort für blau.

Die grau-bläulich schimmernden Vorfahren von Loreley, Lucy, Liane, Fanny und natürlich der Böcke Alois, Albert und Aragon waren im Grenzgebiet zwischen Salzburg, Süd-, Nord- und Osttirol heimisch. Die von Tom und seiner Familie gehegten 16 Tiere stellen zehn Prozent des Weltbestandes dar.

Wenn man mit dem Strubreiter-Tom eine Runde um den Moorsee geht, bekommt man den Eindruck, bei ihm ebenfalls auf eine schützenswert rare Gattung gestoßen zu sein. Der gelernte Tischler ist ein Unbequemer mit einer moralisch breiten Stirn wie seine Sprinzen, immer grad heraus mit der Meinung, kämpferisch und weit mehr als nur bauernschlau im Umgang mit seinen Gegnern. Kein Thema, bei dem er nicht mitreden kann, wenn er will, aber im Handumdrehen in der Lage, seinen Wissenshorizont hinter einer Fassade gespielter Einfalt verschwinden zu lassen: „Wir sind die Kolomanschen, die letzten Bergindianer Österreichs...“

Dabei hilft – seit etwa einem Jahr – auch der Rausche-Vollbart: „Es gibt da eine Studie, dass Kühe und Pferde besonders positiv auf behaarte Gesichter reagieren“, sagt er grinsend und lässt dabei wieder beide Augenbrauen hüpfen, sodass man nicht weiß, ob man ihm das abnehmen soll. „Das wollte ich natürlich ausprobieren.“ Und damit klettert er zum Beweis über den Zaun der Stierkoppel, neben der ein von ihm beschriebenes Schild bedeutet:

„Halten Sie Abstand zu sämtlichen Tieren und respektieren Sie deren Ruhebedürfnis.“ Direkt am See liegt dieses kleine Reich von Fidelio und Bumsti, den beiden imposanten Pusterer-Stieren. Ihrem Herrl gegenüber benehmen die zwei sich wie liebestrunkene Kälber. Natürlich auch, weil Tom ganz genau weiß, wo er seine Kuschelmonster kraulen muss, damit sie sich an Mamas nach Milch duftende mütterliche Flanke zurückversetzt fühlen – nämlich zwischen Wamme und Brustbein.

„Es gibt auf der Welt wohl keinen frustrierenderen Job als Gott“, sagt der Arche-Bauer, während Bumsti unter seinen gekonnten Griffen mit glasigem Blick und einem Maul voll Heu beinahe im Stehen einschläft. „Da gibst Du den Menschen nur zehn Gebote, die sie befolgen müssen. Und was passiert? Die Hund’ tun genau das Gegenteil! Da hat der Herrgott uns ein wahres Paradies geschenkt und die meisten Leut’ können nicht damit umgehen. Das ist grad wie mit irgend so einem tollen Gerät, wo die Betriebsanleitung auf Japanisch ist…“

Auf dem Weg zurück zur Auerhütte bleibt Tom plötzlich stehen, nimmt behutsam eine große Nacktschnecke vom Weg auf die Hand und sieht dabei einen Moment lang aus wie des Schöpfers irdischer Helfer Noah höchstpersönlich.

„Na da hab’ ich meine Freude, dass es Dich hier oben noch gibt“, sagt er. „Das ist die einheimische schwarze Wegschnecke. Die wurde schon fast verdrängt von der Braunen, aus Spanien eingeschleppten, die bei uns wegen ihres bitteren Schleims keine natürlichen Feinde hat. Schau, ich setz Dich jetzt hier drüben ins Gras, da bist Du sicher. Und wehe, Du kriechst noch einmal da hinüber zu der bösen Spanierin.“ Könnte die schwarze Schnecke artig mit dem Kopf nicken, dann hätt’ es dieses privilegierte Exemplar auf der Arche-Alm jetzt wohl getan.


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© Eine Reportage von Tobias MIcke für Servus in Stadt und Land (11-07-01) – Kontakt