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Servus-Magazin: Der Vertrag der Weiden

Eine Vereinbarung, so ehrwürdig, dass sie bis heute alle Grenzen überwindet: Seit 700 Jahren treiben Südtiroler Hirten ihre Schafe nach der Schneeschmelze auf einer abenteuerlichen Wanderung ins Hochgebirge über dem Ötztal.



Südtiroler Schafe auf dem Weg ins Ötztal
Picture by T. Micke

Schafe sind schön“, sagt Manfred und schaut stolz wie ein Großfamilienpapa auf seine wolligen Schützlinge herab, die hinter dem Holzgatter ungeduldig schubsend und drängelnd auf den Abmarsch der großen Herde warten.

„Geschmäcker sind verschieden“, denkt sich dazu der neugierige Laie (aber er sagt es natürlich nicht), der das Privileg hat, aberhunderte von Schafen und Lämmern bei ihrem alljährlichen Auftrieb vom Südtiroler Vinschgau auf die gehaltvollen Almweiden im Ötztal zu begleiten.

Spärliches Dämmerlicht dringt durch die dichte Wolkendecke und das Blätterdach des Waldes am St.-Ägidius-Kirchlein, das von der Südflanke des Sonnenbergs wie ein Leuchtturm ins Tal strahlt. Unten in der Ebene hebt die Vogelschar in den Apfelplantagen von Schlanders, Kortsch und Laas zum Morgenlied an. Hier am Hang wird der vielstimmige Chor mühelos übertönt vom Gebimmel und Gebammel mehrerer hundert Schafschellen.

Die 423 Tiere, die tags zuvor von den Hängen der Bauern zusammengetrieben und in ortstypischer Farbe markiert wurden, muffeln gehörig, wenn man in ihrem Wind steht. Ihr Wollkleid ist vom nächtlichen Regen noch feucht. Ein sehr langer Tag ist angebrochen. Es ist fünf Minuten vor fünf. Mit dem Schlag der Kirchturmuhr setzt sich der Tross in Bewegung. Hirten und Hunde vorn bei den Schnellen, die’s nicht erwarten können. Und in der Mitte bei den Gefräßigen, die gern links und rechts vom Weg abbiegen. Und ganz am Ende, bei den Alten, die auf den steilen Anstiegen ein wenig schnaufen.

Schlanders und Kortsch liegen auf etwa 900 Metern. Das Klima ist dort mild, und über die Marillen, die auf den Hanghöfen des Vinschgaus wachsen, sagen die Einheimischen, dass sie eine ebenso hochgeschätzte Delikatesse sind wie das heimische Schnalser Schaf: kleinwüchsig, robust, wetterresistent.

Südtiroler Schafe auf dem Weg ins Ötztal
Picture by T. Micke

Von hier aus geht es hinauf und immer hinauf nach Norden, den Schlandraunbach entlang vorbei an der alten Säge und der Kortscher Alm in die Höh bis zur Schwarzen Lacke auf mehr als 2.700 Metern, die auch Anfang Juni noch in ihrem schattigen Steinkessel tiefgefroren unterm dunklen Eis daliegt. Dann folgt der schmale Grat, an Felsstürzen vorbei über den Sattel des Taschljöchls. Und schließlich wieder hinunter und immer hinunter über steile, steinschlaggefährdete Geröllhalden ins Schnalstal bis nach Kurzras auf 2.000 Meter.

Etwa um fünf Uhr, also zwölf Stunden nach dem Aufbruch in Kortsch, werden wir dort für die Nacht erwartet. Ein wirklich langer, an den Kräften zehrender Tag. Und dann ist erst der halbe Weg ins Ötztal geschafft.

Es mutet schon ein wenig verrückt an, was hier geschieht. In einer Zeit, in der die allerjüngsten Lämmchen mit ihren Schafmüttern per Auto in nicht einmal einer Stunde vom selben Startpunkt ans Etappenziel am Schnalser Talende gebracht werden, weil der Weg übers Jöchl für sie zu beschwerlich ist, raffen sich alte und immer mehr junge Vinschgauer zu diesem anachronistisch anmutenden Marsch auf. Nehmen sich frei als Maurer, Holzarbeiter, Gastwirt und Busfahrer, um Schafe auf den nachweislich seit Jahrtausenden ausgetretenen Pfaden, auf denen auch der Gletschermann Ötzi gegangen sein wird, ins Hochgebirge zu führen. Man muss mit diesen Männern viele Stunden gewandert sein, um zu verstehen, was sie antreibt, was es auf sich hat mit der Tradition des blauen Schaferschurzes, der getragen wird mit der Würde einer Adelsschärpe, und der gelebten, über jeden Sommerschneesturm erhabenen Kameradschaft.

Dann versteht man endlich auch, warum sie tatsächlich wunderschön sind, die muffelnden Schafe mit ihren Glupschaugen, den nackten Hängeohren, den krauskrummen Ramsnasen und dem ewig penetranten „Määäh!“ in allen Tonlagen und Regionaldialekten.

Südtiroler Schafe auf dem Weg ins Ötztal
Picture by T. Micke

Mit der Höhe verändert sich langsam auch die Vegetation. Die asphaltierte Straße mündet in einen Schotterweg, wo auf der Schlanderser Alm noch einmal gut 200 Schafe sowie ein weiterer Hirte hinzukommen.

Nach einer Rast bei Hausspeck, Vinschgauer Brot und Marillenschnaps auf der Hochweide der Kortscher Alm steigen wir durch einen Zirbenwald weiter auf. Freie Routenwahl für Mensch und Tier durch das tiefhängende Geäst. Nur die Grundrichtung hin zum Taschljöchl muss stimmen. Kleinwüchsige hochalpine Flora löst die duftenden Nadelbäume ab. Wilder Thymian, Bergkamille, Augentrost, Frühlingsenzian, Gletscherhahnenfuß: Winzige Blüten und Blümchen, darunter seltene Orchideenarten, verführen das Auge.

Nicht nur der Wanderer ist fasziniert, auch die Schafe wissen die Kräutlein zu schätzen. Es muss ein aromatischer Festschmaus sein, den sie da vorfinden nach der eintönigen Winterdiät. Und die Tiere scheinen zu ahnen, dass bald das Reich der wenig schmackhaften Moose und Flechten beginnt und schließlich, nach dem Hochmoor, nur noch Eis und Geröll geboten werden.

Schafe sind schon ihrem Naturell gemäß verblüffend geländegängig. Die Tiere aus dem Vinschgau werden aber noch zusätzlich auf diesen langen Viehtrieb vorbereitet. Die meisten von ihnen sind auch im Winter im Freien, beweiden, sobald der Schnee weg ist, die südlichen Steilhänge des Kortscher Jöchls über dem Dorf und werden zwei Monate vor dem Marsch ins Ötztal geschoren. Damit das Wollkleid noch etwas nachwachsen kann und wieder Schutz vor Kälte, Schnee und Regen bietet. Früher einmal gab es allein im Schnalstal 14 Webereien. Und dann war die Wolle der Tiere eine Zeit lang so wenig wert, dass die Bauern fürs Entsorgen sogar zahlen mussten. Jetzt wird sie wieder von einem örtlichen Patschenmacher angekauft, der sie zu hochwertigem Filz verarbeitet und „puristische Pantoffeln“ produziert. Als wir Punkt Mittag auf 2.772 Metern bei böigen Graupelschauern das Taschljöchl passieren, nehmen selbst die trittsicheren Hirten die Hände zum Klettern im nassen Fels zu Hilfe. Eine ganz andere, schwarzweiße, sehr unwirtliche Stimmung herrscht hier oben. Die Schafe müssen angetrieben werden, um die unwegsamsten Stellen zu passieren. Vorsichtig, damit keines in Panik gerät und ins Leere tritt. „Höörla! Leck, leck, leck“, geht der Lockruf. Oder so ähnlich.

Oder auch ganz anders, je nachdem, wer ihn ausruft.

Südtiroler Schafe auf dem Weg ins Ötztal
Picture by T. Micke

Auf der anderen Seite, der Nordflanke, führt eine Geröllhalde hinunter zum oberen Lagaunboden. Unten warten wieder Kräuter und saftiges Gras. Das wittern auch die Schafe aus der Entfernung. Wenn mehr als 600 Schafe in einem Schwung hier herunterkommen, ist das von unten ein spektakulärer Anblick, denn die Tiere gehen nicht immer nur die sicheren Zickzacksteige, die der Mensch benützt. Wenn es ihnen gefällt, laufen sie auch, wie die Steine rollen. Das sieht dann aus wie die Strähnen und Fäden und Bächlein eines gewaltigen Wasserfalls, der sich läutend statt rauschend über die Bergflanke ergießt.

Stunden vergehen, auch die Tiere brauchen Rast und müssen sich zwischendurch stärken. Es wird 17.30 Uhr, bis hinter den Kortscher Schafen in Kurzras der Pferch geschlossen wird. Insgesamt 1.500 Tiere aus der gesamten Regionwerden morgen in Gruppen aufgeteilt ab vier Uhr früh auf verschiedenen Wegen in die Weidegebiete nach Österreich losstarten, damit sie rechtzeitig vor Einbruch der Nacht am Ziel sind. Toni Raffeiner ist einer von acht Südtiroler Bauern, denen rund 700 Hektar Steilwiese jenseits der heutigen Grenze am Rofenberg gehören. Der Besitz im „Ezthal“ geht bis ins 13. Jahrhundert zurück, und die damit einhergehenden Rechte wurden in all den Jahrhunderten eingefordert und respektiert. Toni selbst hat noch einen alten, auf Kuhhaut geschriebenen Vertrag aus dem 16. Jahrhundert, der bis jetzt Gültigkeit hat.

Die Schafer waren immer unterwegs: auch, als 1918 die neuen Grenzen durch Tirol gezogen wurden, und während des Faschismus der Dreißigerjahre, als jedweder Kontakt von Österreich aus mit Südtirol verboten war. „Manchmal mit Passierschein an bewaffneten Soldaten vorbei und mit älplerischer Sturheit über Stacheldrähte hinweg“, weiß Toni von seinem Vater. Damals hing aber auch noch die Existenz vieler Bauern von diesen Futterquellen ab. Heute betreiben die meisten die Schafhaltung aus Tradition, als Hobby, das, wenn überhaupt, wenig Gewinn abwirft. Dafür gibt es im Herbst, wenn die Schafe mit reichlich Schaulustigen wieder hinunter in den Süden getrieben werden, keinen besseren Schöpsenbraten. Schafer Karl bekommt leuchtende Augen allein bei dem Gedanken: „Die Tiere sind durchtrainiert, topfit und randvoll mit würzigen Kräutern. Im Vergleich zum Herbst wirkt das Frühjahrslammfleisch regelrecht wassrig. Nach dem Almabtrieb gibt es nichts Besseres.“ Außer vielleicht hier und jetzt einen Teller voll heißer Gerstlsuppe mit Speck, Sellerie und Karotten oben auf der Schutzhütte „Schöne Aussicht“ beim umtriebigen Grüner Paul, wenn der mörderisch steile Anstieg von gut 800 Metern zum Auftakt des zweiten Tages geschafft ist.

Einen Halbtagesmarsch von der Hütte entfernt wurde vor 20 Jahren der Similaun-Mann „Ötzi“ gefunden. Auch er war ein Mann der Schafe, das weiß man von den Untersuchungen an seiner Ausrüstung.

Südtiroler Schafe auf dem Weg ins Ötztal
Picture by T. Micke

Im Nebel wechseln sich die Hirten vor der Hütte ab. Die einen bleiben beim Vieh, die anderen wärmen sich derweil an Suppe, Schüttelbrot und Vernatsch. Dann wird „weitergefahren“, wie der Schafer sagt.

Jetzt beginnt der trickreiche und gefährliche Marsch über den Hochjochferner. Schaferlegende Willi Gurschler geht voraus. Er kennt den Gletscher auch bei Nebel und Schnee: „’S ist für mich so, wie wenn ich daheim bei der Haustür ein und aus gehe.“

Nach seinem Vater, dem Weger Vinz, ist der Willi jetzt seit 30 Jahren jener Hirte, der oben am Rofenberg die meiste Zeit bei den Tieren verbringt, sie mit Salz versorgt und nach dem Rechten sieht. Er kennt die gnadenlose Macht der Berge: „Beim Schaftrieb ins Nachbartal wurde 1979 eine Gruppe von einem Schneesturm überrascht. Die Schafer konnten sich in eine Hütte retten und kamen mit Erfrierungen davon. Aber als das Unwetter vorbei war, mussten die Hirten mit ihren Stöcken in den Schneeverwehungen stochern, um ihre Tiere wiederzufinden. Sie hatten sich instinktiv aneinandergekauert, um sich zu wärmen. Mehr als 70 Tiere lagen damals tot unter dem Schnee.“

Das Ereignis ist mehr als 30 Jahre her. Trotzdem ist es bei denen, die dabei waren, nicht verwunden. Denn unter der rauen Schale lieben die Schafer ihre Schützlinge. Und sie tragen die Verantwortung für die ihnen anvertrauten Tiere tief im Herzen. Spricht man Willis jüngeren Bruder Hans auf das Ereignis an, dann verschließt sich blitzartig die Miene des sonst so ausgelassenen Jägers. Er war als junger Bursch dabei, bei dieser Tragödie, die die Männer nicht dem Schicksal zuschieben wollen. Von Selbstüberschätzung ist die Rede und von Warnungen, die in den Wind geschlagen wurden. Willi sagt ganz klar mit einem bitteren Unterton: „Die Schafe waren jedenfalls nicht schuld!“

Trotz des Schlechtwetters ist es heute so warm, dass der Gletscherschnee schon um neun Uhr früh ganz „faul“ ist. Mensch und Tier sinken an manchen Stellen bis zur Hüfte ein. Das Fortkommen vorbei an gewaltigen Dolinen ist mühselig. Und immer wieder muss die Richtung geändert werden, weil Gletscherspalten unter der vermeintlich festen Schneedecke lauern könnten.

Mischlingshündin Leika ist jetzt im Volleinsatz, reagiert auf unterschiedliche Pfiffe, bellt auf Kommando, um Ausreißer auf Kurs zu bringen. Ohne sie und ihre perfekt trainierten vierbeinigen Kollegen wäre der große Tross – seit Kurzras sind es mehr als 1.000 Stück – in diesem Gelände kaum zusammenzuhalten.

Es ist schon weit nach Mittag, als am Ende eines Felsplateaus endlich die rot-weißroten Fensterläden des Hochjoch-Hospizes auf 2.423 Metern am Gegenhang einer Schlucht in Sicht kommen. Hier treffen zwei Gletscherrinnen aufeinander. Der Hintereisbach, der während der Schmelze mit seinen reißenden Wassermassen eine natürliche Grenze zieht, kann von Mensch und Schaf nur über eine 36 Meter lange Seilbrücke überquert werden. Es ist das letzte Hindernis vor dem Ziel, doch das hat es in sich.

Der schmale, rutschige Steig, der zur Brücke führt, ist für den Ansturm hunderter Schafe ungeeignet. Ein Nadelöhr, das äußerste Sorgfalt und größtmögliche Ruhe erfordert. Denn wenn die Tiere hier zu viel zögern oder im Gedränge in Panik geraten, dann stürzen sie über den Fels ins Wasser, ohne Chance auf Rettung. Deshalb wird die strenge Gletscher-Marschformation schon eine Viertelstunde vor dieser Stelle aufgelöst.

Die Hälfte der Schafer geht vor. Jetzt dürfen die Schnellen voranstürmen, die Langsamen in ihrem Tempo nachtrotten. Auf der Brücke selbst, wo die Tiere einzeln hintereinander gehen, darf es kein stehenbleiben geben. Schafer Tom, im Brotberuf Installateur und Besitzer von 25 Schnalser Schafen, erklärt die Schwierigkeit: „Wenn die Muttertiere ängstlich oder verunsichert sind, bleiben sie stehen, drehen sich um und rufen nach ihren Lämmern. Dabei halten sie alles auf. Und so ein Stau kann an den engsten Stellen wie gestern am Taschljöchl oder hier bei der Brücke tödlich sein.“

Südtiroler Schafe auf dem Weg ins Ötztal
Picture by T. Micke

Gerade als die letzten Tiere ohne Zwischenfall die Brücke passieren, beginnt es wieder zu schneien. Dicke Flocken, die anfangs nicht liegen bleiben. Aber gegen Abend, als die Hirten im Hochjoch-Hospiz den gelungenen Auftrieb feiern, kann man die Schafe auf dem weißen Untergrund der Rofenbergalm nur noch schwer ausmachen.

Wie wird es morgen sein? Wird die Nacht doch zu kalt für die Jungtiere? Wenn es weiter so schneit, wird genug zu fressen da sein? Jeder hier weiß zu gut, wie unberechenbar das Wetter im Gebirge sein kann. Am nächsten Morgen sind die Sorgen zerstreut, der Berg zeigt sich im schönsten Frühlingsgewand: Der Schnee ist seit Tagesanbruch mithilfe der Sonne weggetaut, die Wiesen funkeln von den vielen Wassertropfen auf Blättern und Blütenkelchen wie tausend Edelsteine. Auf dem Heimweg hinaus nach Vent weht uns ein lauer Sommerwind entgegen, und nach beinahe jeder Felsbiegung kündigen Murmeltierpfiffe uns Überraschungsgäste an.

Die Schnalser Schafe haben es sich inzwischen häuslich gemacht und sich über das riesige Weidegebiet verteilt. Ihr sanftes Glockengeläut klingt aus jeder Rinne und von jedem Grat. Große, kleine, weiße, braune und schwarze Wolltupfer, wie vermutlich schon seit 5.000 Jahren – Wind und Wetter und dem Zeitalter zum Trotz.

Schafe sind wirklich schön.


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© Eine Reportage von Tobias MIcke für Servus in Stadt und Land (11-05-01) – Kontakt