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Second Life: Ein zweites Leben als Illusion

Was, wenn man einfach ein zweites Leben starten könnte? Als Designer, Discobesitzer oder Immobilienhai so richtig Geld und Karriere machen. Im Internet entsteht jetzt eine solche virtuelle Welt mit Chancen für (fast) alle. Eindrucksvoll, aber auch unheimlich.



In Second Life kann jeder virtuell Fantasien einer anderen Identität erträumen
Picture by Second Life

Es gibt nicht viel, das in dieser Welt nicht machbar ist: Jeder kann hübsch, blond, schlank, 1,80 groß und vollbusig sein. Oder maskulin, südländisch mit Waschbrettbauch und Dreitagebart. Oder ein Katzenwesen mit Spitzohren und tierischer Körperbemalung. Niemand leidet Hunger, und es gibt weder Umweltprobleme noch Treibhausgase. Jeder kann zudem fliegen bzw. sich teleportieren lassen, weshalb hier auch die Diskussion um Flugreisen und Kerosinsteuer kein Thema ist. Und: Jeder kann mit seinem Computer-"Doppelgänger" echtes Geld verdienen.

Es ist eine virtuelle Welt, eine, die nur in den global vernetzten Computern wächst, aber fast so echt zu werden verspricht wie das wirkliche Leben. "Second Life" (Zweites Leben) ist kein Spiel im Sinne von Computerspielen, in denen man alleine oder gemeinsam mit anderen Spielefreaks in einer Mission gegen Drachen oder Zombies kämpft, sondern eine erstaunliche, in manchen Aspekten ziemlich unheimliche Vision.

Auch der Wiener Prater kommt in Second Life vor. Man kann sich über die österreichische Hauptstadt informieren und den Programmierer mit Linden Dollar unterstützen.
Picture by Second Life

Denn hier steckt hinter jedem Wesen, das man trifft, ein Mensch, der am Computer sitzt und sich ein zweites Leben, eine zweite Existenz in dieser Kunstwelt aufbaut. Vier Millionen User haben sich schon bei diesem Computer-Maskenball angemeldet, 25.000 virtuelle Bürger sind zu jeder Tageszeit "aktiv": Männer in ihrem persönlichen Traumfrauenlook, Frauen in Männerrollen. Wer hinter der jeweiligen Maskerade steckt, ist nicht zu erahnen. Aber ist das wichtig in einer Welt, in der die Faschingshüllen nie fallen?

Mehr als eine Million US-Dollar wechseln in dieser neuen Welt inzwischen täglich (!) den Besitzer. Nicht in US-Währung (die ist nur für die reale Welt), sondern umgewandelt in die Spielwährung "Linden-Dollar" mit einem Wechselkurs, der ähnlich schwankt wie der Euro. Virtuelle Grundstücke werden von Software-Ingenieuren geschaffen und verkauft. Trauminseln, auf denen man eine Prunkvilla mit Meerblick konstruieren lassen kann oder eine virtuelle Firmenzentrale, wie sie Mercedes jetzt eröffnet hat. Mit Hilfe der Computertasten kann man hineingehen, die neuesten Modelle vom Genfer Autosalon ansehen, mit einem virtuellen Verkäufer sprechen, hinter dem ein echter Mercedes-Mitarbeiter steckt und sich das Begrüßungsgeschenk, einen Rennanzug, aushändigen lassen.

Ein seltener Anblick: Ein Rollstuhlfahrer bei Second Life. Normalerweise wollen alle schön, stark und sexy aussehen
Picture by Second Life

Autos braucht niemand in "Second Life", denn es kann ja jeder fliegen. Aber den Werbeeffekt dieser Computer-Kunstwelt haben schon viele Konzerne erkannt: Was für ein Gag, wenn der neue Audi erst übermorgen auf dem Autosalon in Genf vor der neugierigen Fachwelt enthüllt würde, aber schon heute in der virtuellen Firmenzentrale von "Second Life" zu sehen ist. Gucci leistet sich um ein paar tausend Dollar eine virtuelle Boutique, wo man Hüte und Kleider kaufen kann, mit der die virtuelle Diva auf der virtuellen Straße auffällt, angesprochen wird und den darauffolgenden Flirt bis zum Cyber-Sex ausbauen kann. Bei Adidas gibt es modische Schuhe, ein Aquarell-Maler veranstaltet eine Online-Vernisage, Reuters hat eine Nachrichtenagentur gegründet und die deutsche Bild-Zeitung versucht sich mit einem virtuellen Blatt, das News für "Second Life"-Bewohner bringt. Was es zu berichten gibt? Der französische Wahlkampf tobt nicht nur im echten Leben, sondern auch hier. Schweden soll schon eine Botschaft in der neuen Computerwelt eröffnet haben. Und heute ist Clubbing im Crazy Horse: Das verrückteste Outfit wird mit 500 Linden-Dollar belohnt. Der Discobesitzer braucht noch Einheizer, die für ein paar Linden-Dollar pro Stunde hüpfend die Tanzfläche beleben. Und natürlich gibt es eine Jobbörse. Die Entwicklerfirma Linden sucht Starthelfer, die in der virtuellen Welt neue Bürger ansprechen (leicht erkennbar am standardmäßigen Gratis-Gewand), um ihnen die ersten Schritte zu erleichtern, die Boutique nebenan eine Verkäuferin, und natürlich sind echte Software-Ingenieure gefragt, die künstliche Fabrikshallen hochziehen, Trauminseln designen oder Softwarelösungen für die Abläufe in der ersten virtuellen Onlinebank programmieren können.

Second Life als Tummelplatz der Eitelkeiten: Styling-Shops machen für Geld aus jedem eine sexy Schönheit
Picture by Second Life

Für die einen ist "Second Life" nur ein langweiliges Spiel, bei dem man auch noch Geld ausgeben muss, um weiterzukommen. Für viele ist eine Scheinwelt wie diese aber auch eine Chance, Träume zu realisieren, die in ihrem echten Leben nicht möglich wären mit all den bekannten Gefahren des Hineinkippens in ein Bildschirmleben bis hin zum Realitätsverlust. Menschen wie die Deutsch-Chinesin Ailin Gräf, die ein Heer von Programmierern beschäftigt und durch den Verkauf von virtuellen Immobilien zur echten Dollarmillionärin geworden ist, oder Prof. Peter Kotauczek, Präsident der österreichischen Softwareindustrie, sehen in der neuen Plattform aber eine Goldgrube. Der Professor im Interview: "Die geschäftlichen Anwendungsmöglichkeiten einer solchen grenzenlosen Welt sind gewaltig, wenn sie sich einmal entwickelt hat. Und es gibt für Kreative Chancen wie einst bei der Besiedelung Nordamerikas. Es ist ein ganzer neuer globaler Markt für Geschäfte."


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© Eine Reportage von T. Micke (18-03-07) – Kontakt