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Im Vakuum-Kampf gegen die Schwerkraft-Falle

Was hält ein Astronaut aus, bevor er bewusstlos wird? Ein einzigartiges Weltraum-Institut in Graz testet die Kandidaten der Mission Austromars in Sachen Gravitation bis an ihre Grenzen. Ein Selbstversuch.



Astronauten-Test: Der Druck im Unterleib wird langsam gesenkt, Vakuum breitet sich aus und der Kandidat wird irgendwann bewusstlos
Picture by T. Micke

Es gibt kein Entrinnen mehr! Mein Unterleib liegt festgezurrt und hermetisch abgeschlossen in einer Plexiglas-Röhre, die die Wissenschafter um Prof. Dr. Helmut Hinghofer-Szalkay ironisch "Schneewittchen-Sarg" nennen. Der rechte Arm steckt auf Brusthöhe in einer Schiene, eine Kanüle zur Blutabnahme in einer meiner Armvenen und die Finger in kleinen Hülsen zur Blutdruckmessung. Ein weiteres Blutdruckmessgerät ist am anderen Arm angeschlossen, über mir filmt eine Videokamera jede Gesichtsregung mit, und ich bin an Rücken und Bauch verkabelt wie ein Formel-1-Auto zur Datenanalyse nach dem Freitag-Training.

"Wie geht es Ihnen?", fragt der Professor freundlich lächelnd und schiebt mir zwischen all den Drähten noch einen Polster in den Nacken. Aber die Antwort weiß er längst: Hinter meinem Kopf spuckt der "Taskforce-Monitor" – ein Gerät, das die NASA schon mehrfach von der Grazer Firma "CNSystems" für ihre Astronauten-Tests eingekauft hat – mein Befinden in endlosen Zahlenreihen und bunten Grafiken auf zwei Computerschirmen aus. Blutdruck, Pulsschlag, die genaue Pumpleistung meines Herzens und jede Menge anderer Daten, die auf Stress oder drohenden Schock hinweisen, kann Dr. Erik Grasser, der betreuende Arzt, wie einen Wetterbericht meines Körpers ablesen. Mein Blutdruck ist mit 110 zu 80 mehr als solide, die Pumpleistung mit gut 100 ml pro Schlag erfreulich. Aber wir haben ja auch noch gar nicht angefangen.

Der Blutdruck kann während des Schwerkrafttests im Vakuum ordentlich schwanken. Das Herz gleicht aus, solange es kann
Picture by T. Micke

Im "Schneewittchen-Sarg" werden die Forscher in ein paar Minuten stufenweise die Luft absaugen, sodass ein leichtes Vakuum entsteht und das Blut in meinem Körper nach unten gezogen wird. Mein Herz wird dagegen ankämpfen, weil all das Blut ja eigentlich nicht in die Beine soll, sondern meinen Kopf und meine Organe zu versorgen hat. Irgendwann wird die Vakuumpumpe dieses Tauziehen gewinnen. Dann schaltet mein Körper auf Notprogramm, und der Versuch wird abgebrochen. Einfacher gesagt: Es geht darum, wann ich zusammenklappe.

Erfahrungen, die für die Auswahl von Astronauten ganz entscheidend sind. Eines der größten Probleme bei langen bemannten Raumflügen, wie zum Mars, ist ja das Fehlen von Schwerkraft im All. Der Körper gewöhnt sich an den mühelosen Schwebezustand und kommt nicht mehr zurecht, wenn er plötzlich wieder gegen die Schwerkraft arbeiten muss. Oft wurden Kosmonauten nach monatelangen Aufenthalten in der Raumstation MIR bei der Rückkehr zur Erde bewusstlos oder mussten liegend davongetragen werden. Ein Problem, das sich meist nach Stunden wieder bessert, aber bei einem mehrmonatigen Flug zum Mars könnte es fatal sein, wenn die ungewohnte Schwerkraft des Roten Planeten die ersten menschlichen Besucher, noch bevor sich der Staub um die Landefähre gelegt hat, k.o. schlägt.

Prof. Hinghofer-Szalkays Institut für Raumfahrt-Physiologie ist hier federführend, und die NASA holt sich von den Steirern Expertisen, um Lösungen für das Problem zu entwickeln, die auch Langzeit-Patienten auf Intensivstationen helfen würden.

Bewusstlosigkeit als Folge einer langen Reise in der Schwerelosigkeit: Auch dieser Notfall wird bei Austromars getestet
Picture by T. Micke

Auch Österreichs Kandidaten für die Mission "Austromars" werden hier auf Herz und Nieren getestet. Denn sie müssen im April 2006 (siehe Mission Austromars) in der Wüste von Utah drei Wochen lang von der Außenwelt abgeschottet in einer "Überlebenskonserve" der Mars Society" wie auf dem Roten Planeten zurecht kommen. Und da ist neben vielen anderen Fähigkeiten auch Robustheit gefragt.

Um mich auf meinen Kampf gegen die Schwerkraftfalle einzustimmen, lässt der Professor auf einem Monitor den Streifen "Odyssee im Weltraum" laufen. Als auf dem Schirm gerade die Sonne am Mond-Horizont aufgeht, richtet mich die Maschine fast senkrecht auf und erzeugt den ersten sanften Unterdruck. Es fühlt sich an, wie wenn man versehentlich in die Mündung eines Riesenstaubsaugers geraten ist und dort feststeckt. Das Vakuum wird im 3-Minuten-Takt stärker. Der Professor fühlt, ob sich schon kalter Schweiß auf meiner Stirn bildet und prüft die Temperatur meiner Finger, die wegen Blutmangels immer kälter werden. Jetzt beginnen die Knie heftig zu zittern, und mein Magen fühlt sich so schwer an, wie zu Schulzeiten vor hoffnungslosen Lateinprüfungen.

Nach 14 Minuten ist Schluss. Prof. Hinghofer-Szalkay beendet den Versuch mit Kennerblick, kurz bevor ich das Bewusstsein verliere. Das leichte Kopfweh, das jetzt einsetzt, vergeht nach wenigen Minuten wieder und wohlige Wärme strömt mit dem Blut zurück in meinen Körper. Der kleine Lohn für die Strapaze: Zumindest als Reserve-Astronaut bei der ersten Mars-Mission scheint es für mich noch Hoffnung zu geben...


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© Eine Reportage von T. Micke (18-12-05) – Kontakt