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Odyssey Explorer hat mit "Röntgenblick" das Goldschiff Sussex im Visier

Auch nach dem (angezweifelten) Fund der "Black Swan" liegen noch immer Goldmünzen um mehrere Milliarden Euro als versunkene Fracht auf dem Meeresgrund. Ob sich das Ausforschen und Bergen dieser Schätze lohnt, ist heute mehr denn je eine Frage der richtigen Technik. Und das Team der Odyssey Marine Explorer hat bereits das größte Goldschiff aller Zeiten, die englische "Sussex" an der Hi-TechAngel.



Tonnen solcher Goldmünzen vermut das Odyssey-Team an Bord des britischen Kriegsschiffs Sussex
Picture by Odyssey Marine Exploration

Dieses Schiff hätte vermutlich die Welt verändert, wenn es jemals seinen Zielhafen im Mittelmeer erreicht hätte: Der englische Dreimaster Sussex war am 19. Februar 1694 mit geheimer Fracht von Seiner Majestät William III. über die Straße von Gibraltar nach Savoyen unterwegs (heute großteils eine an die Mittelmeerküste grenzende Region Frankreichs, die auch Europas höchsten Berg, den Mont Blanc, umfasst). An Bord des Kriegsschiffs unter drei Decks mit 80 schussbereiten Kanonen Tonnen von Gold und Silber in Münzen und Barren, die für Herzog Viktor Amadeus II. als "Freundschaftsgeschenk" für den zukünftigen Kriegsverbündeten gegen Sonnenkönig Ludwig XIV. bestimmt waren. William wollte die Franzosen militärisch in die Zange nehmen und brauchte ein Söldnerheer im Süden, für dessen Bezahlung der Schatz an Bord der Sussex gedacht war.

1694 sank das britische Kriegsschiff Sussex im Sturm vor Gibraltar mitsamt ihrem Goldschatz an Bord
Picture by Odyssey Marine Exploration

Weitere 37 Kriegs- und Dutzende Handelsschiffe begleiteten die Sussex auf ihrer heiklen Mission, und das Schiff hatte schon die feindlichen französischen Gewässer erfolgreich passiert, als es an besagtem 19. Februar kurz nach der Durchfahrt durch das Gibraltar-Nadelöhr in einem eisigen Wintersturm mit 560 Mann sank. Nur zwei Seeleute der Sussex überlebten, weitere 13 Schiffe der Flotte gingen unter.

Schlimmer als der Verlust von Schiffen und Besatzung war für die britische Krone, dass Savoyen ohne das Geschenk im damaligen Wert von einer Million Pfund Sterling nicht als Verbündeter gewonnen werden konnte: Bevor man einen Plan B umsetzen konnte, war Frankreich den Briten zuvorgekommen, hatte Savoyen für sich gewonnen und somit ein militärisches Fußfassen der Engländer in Europa verhindert.

Was bis heute von diesen erstaunlichen Ereignissen bleibt, ist ein verschollenes Schiffswrack mit der vermutlich größten Gold- und Silberfracht im Laderaum, die je auf den Meeresgrund gesunken ist (selbst wenn man die Entdeckung des geheimnisvollen Wracks mit dem Codenamen "Black Swan" einrechnet). Zwischen 400 Millionen und vier Milliarden Euro soll der sagenhafte Schatz der Sussex heute wert sein, da neben dem reinen Edelmetallwert auch noch die allesamt historisch bedeutenden Münzen geschätzt werden.

An Bord des Odyssey-Forschungsschiffs sind jeweils vier Mann für einen der Tiefsee-Roboter zuständig
Picture by Odyssey Marine Exploration

Neun Jahre lang hat das Odyssey-Explorer-Team um den US-Abenteurer und Schatzsucher Gregg Stemm in alten Archiven und an der Gibraltar-Küste recherchiert, 400 Quadratmeilen Meeresboden mit hochempfindlichen Sonar-Robotern systematisch abgegrast, unzählige Röntgenbilder des im Finstern liegenden Meeresbodens erstellt. Dabei wurden 418 Objekte bis zur Größe einzelner römischer Amphoren untersucht und jetzt vermutlich wirklich das Wrack der Sussex in 900 Meter Tiefe gefunden. Neben mühseligen Verhandlungen, um große Investoren wie US-Computerpapst Michael Dell, aber auch England und Spanien (vor dessen Küste das Wrack liegt) zufrieden zu stellen, gilt es, die Reste des Kriegs-Flaggschiffs aus dem 17. Jahrhundert artgerecht, also mit Einbindung von Historikern und Wissenschaftern, zu bergen. Denn man erhofft sich auch Aufschlüsse über Segeltechnik und Schiffsausrüstung der Epoche sowie über die geheimen Zusatzmissionen der Sussex.

Weil das Wrack für Taucher unerreichbar ist, entwickelt sich nun eine bisher einzigartige Form von Tiefsee-Archäologie, bei der Roboter den starken Tiefen-Meeresströmungen trotzen müssen und mit hochsensiblen Saugern, eigens entwickelten Greifarmen und Spezialschaufeln die Ausgrabungsarbeit ferngesteuert im Scheinwerferlicht von Videokameras leisten. Eine Mission, die um nichts weniger exotisch ist als die Rover-Expeditionen der NASA auf dem Mars, wo man ebenfalls ohne Menschen vor Ort auskommen musste. Jeder der schwimmenden Odyssey-Roboter hat eine Besatzung von vier Mann: Neben Pilot und Co-Pilot hat ein Archäologe das Sagen, und ein Computer-Spezialist ist für die Aufzeichnung aller durchgeführten Manöver zuständig.

Einen solchen goldschatz vermuten Experten an Bord des Schiffswracks der Sussex vor der Küste von Gibraltar
Picture by Odyssey Marine Exploration

Da die Bergung viele Millionen kosten wird, versucht man mit allen Mitteln herauszufinden, ob es sich bei den Wrack-Resten tatsächlich um die sagenhafte Sussex handelt. So bezieht das Odyssey-Team nicht nur alle auffindbaren Dokumente aus dem 17. Jahrhundert, sondern auch Legenden mit ein. Gregg Stemm im Interview: "Mittels Computersimulation haben wir jene Stelle, an der Flottenkapitän Admiral Wheelers Leiche 1694 im Nachthemd an Land gespült worden sein soll, mit den Strömungen vor Gibraltar und mit dem Fundort des Wracks verglichen. Wir haben herausgefunden, dass die Reste der 18 Kanonen, die verstreut rund um das Schiff liegen, von 24-, 6-, und 3-Pfünder-Geschützen stammen, wie sie auf Dreimastern wie der Sussex üblich waren: Einer unserer Roboter hat mit einem eigens angefertigten Gerät die Mündungen der Kanonen vermessen." Außerdem brachte er Metallproben aus der Tiefe zum ehemaligen Forschungsschiff Odyssey. Dort stellte man im mobilen Labor erfreut fest, dass die Metalllegierung der Kanonen keine Bronze enthält, was gegen ein spanisches und sehr deutlich für ein britisches Schiff spricht.

Gregg Stemm: "Wenn es wirklich die Sussex ist und wir den Schatz bergen können, geht für mich der größte Kindheitstraum in Erfüllung!"


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© Eine Reportage von T. Micke (04-06-06) – Kontakt