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Saatgut-Tresorraum: Ein Kühlschrank für die Ewigkeit

Wie wertvolle Edelsteine werden Pflanzensamen in einem Tresor im ewigen Eis für die Zukunft der Menschheit aufbewahrt. Ein Notgroschen, der vermutlich in 200 Jahren nicht mit Gold aufzuwiegen sein wird.



So soll der Arctic Seed Vault auf Norwegens Insel Svalbard in den Berg gegraben werden
Picture by Statsbygg/Croptrust

Ausgestorben wie die Dinosaurier! So ist es kürzlich dem chinesischen Süßwasser-Delphin Baiji ergangen, der ausschließlich im Jangtse-Fluss vorkam. Auch unzählige Pflanzenarten verschwinden für immer, teilweise durch die natürliche Auslese der Natur. Zum Teil ist aber der Mensch schuld, der Lebensräume anderer Erdbewohner rücksichtslos vernichtet oder auf der Jagd nach mehr Ertrag ursprüngliche Obst- und Getreidesorten ausrottet.

Um das Jahr 1800 gab es allein in Nordamerika einer Studie zufolge noch 7100 verschiedene (!) Apfelsorten. Keine 300 davon sind heute noch übrig. Der Rest ist für immer von unserem Planeten verschwunden: Sorten, die zwar keine zuckersüßen, ewig haltbaren Riesenfrüchte hervorbringen, aber zum Beispiel besser mit Dürre, Pilzkrankheiten, Insektenattacken oder zu viel Feuchtigkeit zurechtkommen. Manche von ihnen gedeihen auch auf sandigem oder felsigem Boden. Manche enthalten bestimmte Wirkstoffe, die in anderen gar nicht vorkommen. Das Gleiche gilt für lebenswichtigen Grundnahrungsmittel wie Weizen, Gerste, Mais, Reis, Kartoffeln. Allein 100.000 verschiedene Sorten Reis gibt es weltweit. Jede von ihnen mit ganz speziellen, teilweise noch nicht einmal erforschten Eigenschaften.

Auch die verschiedenen Kerne der Sonnenblumen müssen im Saatgut-Tresor von Svalbard geschützt werden
Picture by T. Micke

Moderne Gentechnik kann bei weitem nicht ersetzen, was die Natur in zigtausend Jahren ausprobiert und für gut (weil erfolgreich) befunden hat. Deshalb haben umsichtige Forscher wie beim Projekt Arche Noah im niederösterreichischen Schloss Schiltern schon vor Jahren begonnen, die Samen solcher wilden und auf den ersten Blick vielleicht wenig schützenswert wirkenden Ur-Pflanzen zu sammeln. Ihr genetischer Code ist ein Schatz, der vielleicht schon in 100 Jahren neue Kreuzungen ermöglicht, die sich den veränderten Klimabedingungen auf unserer Erde anpassen können.

Nun hat sich eine internationale Stiftung (der "Global Crop Diversity Trust") zur Aufgabe gemacht, die weltweit größte Sammlung von Saatgut mit mehr als drei Millionen Proben in einem eisgekühlten Tresor im Norden Europas anzulegen. Stiftungschef Carry Fowler im Interview: "Länder wie Deutschland, Amerika, aber auch Indien und sogar Äthiopien gehören zu den Geldgebern dieses Projekts, ebenso wie Privatpersonen. Österreich ist leider noch nicht dabei. Wir haben lange nach einem Ort gesucht, der vor Kriegen, Erdbeben, Sabotageakten, ansteigendem Meeresspiegel und Klimaerwärmung gut geschützt ist und ihn auf der zu Norwegen gehörenden Inselgruppe Svalbard (Spitzbergen) 1000 Kilometer nördlich vom Festland gefunden."

Auch die freilaufenden Eisbären auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen sollen den Seed Vault bewachen
Picture by Global Crop Diversity Trust

Hier, in der Nähe des Dörfchens Longyearbyen, wo vier Monate im Jahr eisige Finsternis herrscht, entsteht seit kurzem ein unterirdischer Riesentresor, der mit einem langen Zugangsstollen in die Flanke eines Sandsteingebirges gegraben wird und schon wegen des tiefgefrorenen Bodens ideal als Kühlschrank für die Ewigkeit ist. Einmal täglich werden die Inseln von einer Linienmaschine angeflogen, die dann auch nach und nach die kostbare Fracht aus kleineren Samendepots in aller Welt liefern wird. Die Anlage ist dann vollautomatisch auf -10 bis -20 Grad temperiert. Bei einem Ausfall wird sofort via Funk und Satellit ein Posten in Longyearbyen und die Zentrale in Norwegen alarmiert. Aber selbst bei abgeschaltetem System, so haben die Experten ausgerechnet, sollte die Umgebungskälte genügen, um die Pflanzensamen über Jahre unter dem Gefrierpunkt zu konservieren.

"Wir haben sogar Klimaexperten beauftragt, auszurechnen, wie hoch der Meeresspiegel im schlimmsten Fall in 200 Jahren ansteigen kann. Kein schönes, aber leider ein notwendiges Szenario, wenn wir diesen Schatz sicher aufbewahren wollen." Natürlich wird der Tresor im Berg auch bewacht. Carry Fowler: "Wir haben Sicherheitsleute, aber auch ein paar unbezahlte, natürliche Wächter. Auf Svalbard gibt es eine ganze Menge Eisbären, die das ihre tun werden, um unerwünschte Besucher abzuschrecken." Was für eine Ironie des Schicksals: Ausgerechnet der gefährdete Eisbär wird die vom Aussterben bedrohten Samen für den Menschen mitbewachen...


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© Eine Reportage von T. Micke (28-01-07) – Kontakt