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Riesensaurier: Und es kam doch auf die Größe an

Die größten, je lebenden Landtiere der Erde sind der Forschung noch immer ein Rätsel. Sie hätten verhungern und an Hirnschlag sterben müssen, lebten aber Millionen Jahre. Wie tricksten die Dinos die Physikgesetze aus? Und: Was glaubt ein Weltraumarzt, von den Riesenechsen lernen zu können?



Landarzt Gideon Mantell vermutete 1831 erstmals ein Zeitalter der Reptilien
Picture by T. Micke

Wenn Bernd Lötsch als Direktor des Wiener Naturhistorischen Museums wie ein Dompteur zwischen den messerscharfen Reißzähnen eines Tyrannosaurus Rex posiert, hat er nicht viel zu befürchten. Der furchteinflößende Bursche (nicht Lötsch, sondern der Saurier) hat schon viele Millionen Jahre nicht mehr gegähnt. Deshalb glaubt so manch gelangweilter Museumsbesucher, die Forschung habe schon alles über unsere Vormieter auf der Erde erfahren und könne auch nichts mehr von den alten Knochen lernen. Weit gefehlt: Sogar für bemannte Raumflüge zum Mars könnten die Dinosaurier dem Menschen wichtige Erkenntnisse liefern. Aber dazu etwas später.

Während vielen Saurierarten – vor allem den fleischfressenden Raptoren – in den letzten Jahren nach neuen Erkenntnissen Federn gewachsen sind (z.B. Deinonychus im NHM Wien) und die großen Pflanzenfresser ihren sagenhaften Schweif in den Lehrbüchern nun waagrecht balancieren dürfen, statt ihn schlaff über den mesozoischen Boden nachzuschleifen, quält die Riesenechsen-Experten nun vor allem eines: Wie um alles in der Welt konnten die Biester rein technisch gesehen derart groß werden? Wenn ein ausgewachsener Elefant, der Erde derzeit größtes Landsäugetier, bis zu 7 Tonnen wiegt, wie kam ein Brachiosaurus auf das Fünf- bis Zehnfache und sein Artgenosse Argentinosaurus mit möglicherweise bis zu 100 oder 150 Tonnen sogar auf das Gewicht eines Blauwals (bis 190 Tonnen), der ja im Wasser seine Masse nicht abstützen muss?

Auch wenn der Riesenwuchs den Tieren offensichtlich den Vorteil brachte, wenig Feinde zu haben und an die höchsten Äste zu gelangen, grübeln die Forscher: Wie konnten Knochen und Muskeln damals ein Eigengewicht tragen, das heute einen vergleichbar großen Wal an Land sofort – von der eigenen Masse erdrückt – töten würde? Oder sind unsere Vorstellungen falsch, und die großen Pflanzenfresser tricksten die Schwerkraft mit ausgefeiltem Leichtbau aus, der in Fossilfunden nicht zu erkennen ist? Wenn der Organismus des Brachiosaurus ähnlich funktionierte wie der heutiger Warmblütler, dann müsste sein Blut mehr als 45 Grad heiß durch die Adern geschossen sein, weil die vom Jumbokörper entwickelte Hitze nie so schnell abgeführt werden kann wie bei den heutigen, kleineren Säugern. Außerdem hätte der Blutdruck der prähistorischen Langhälse sechsmal so hoch sein müssen, um den Blätter rupfenden Kopf im dritten Stock zu versorgen. Ein Rekordwert, der normale Kapillargefäße im Gehirn sofort zerfetzen würde. Und schließlich: Wie konnte ein Mega-Vegetarier wie der Brachiosaurus, der (von der Eiergröße berechnet) täglich (!) 5 Kilo zulegte und Sattelschlepper-Dimensionen erreichte, je genug Grünzeug in sich hineinstopfen?

Ein Teil der Antworten dürfte irgendwo in der Verwandtschaft der Saurier mit unseren heutigen Vögeln liegen: Luftgefüllte Hohlräume im Körper (vor allem im Hals), die bis zu 30 Prozent Gewicht einsparen. Und hocheffiziente Lungen mit Zwischenlagern wie beim Dudelsack, die eine Sauerstoffzufuhr auch während des Ausatmens erlauben. Brachiosaurier sollen nur alle zwei Minuten eingeatmet haben, dann allerdings gleich 2700 Liter – eine Menge, mit der der Mensch viele Stunden auskäme. Schade, dass von diesem Hochleistungssystem in den fossilen Knochenfunden nichts mehr zu sehen ist.

Wie die "Monsterkühe des Mesozoikums" ihren ungeheuren Bedarf von geschätzten 300 bis 400 Kilo Blattsalat abdecken konnten, ohne schon beim Futtersuchen zu verhungern, glaubt der Berliner Paläontologe Dr. Hanns-Christian Gunga im Interview erklären zu können: "Ein Brachiosaurus konnte mit seinem langen Hals ohne einen Schritt zu machen immerhin einen Luftraum von 150 Kubikmeter abgrasen. Das macht schon viel aus. Wenn man dann noch bedenkt, dass auch die Pflanzen riesig waren und vor allem die großen Schachtelhalme mehr Energie lieferten als heutige Futterpflanzen, dann geht da schon was weiter. Allerdings glaube ich nicht, dass Riesen wie der Brachiosaurus mit flachem Hals wie prähistorische Leiterwagen durch den dichten Wald stapften. Das hätte ihnen das Manövrieren sehr erschwert." Und so geht der Modetrend bei Sauropoden-Modellen im Museum nun vom fast waagrecht gehaltenen Hals wieder zum stolz in der Höhe getragenen Kopf.

Während sich also unsere Vorstellung der gestürzten Herrscher über den Planeten Erde mit jedem Puzzlesteinchen gravierend ändern kann, hat Dr. Gunga, der zudem studierter Arzt ist, einen auf den ersten Blick völlig skurrilen Grund gefunden, den Sauriern genauer auf die Plattfüße zu schauen: "Ich arbeite am Zentrum für Weltraummedizin, wo wir herauszufinden versuchen, wie Schwerelosigkeit dem menschlichen Körper zusetzt und was man dagegen tun kann. Da sich die Schwerkraft auf der Erde für solche Untersuchungen nicht einfach abstellen lässt und Parabelflüge nur für einige Sekunden Ergebnisse liefern, nicht aber über längere Zeiträume, habe ich mir die superschweren Dinosaurier vorgenommen, die immerhin über Millionen Jahre sehr erfolgreich mit ihren Riesenleibern unterwegs waren. Diesen Tieren kann man abschauen, an welchen Stellen ein Landlebewesen seinen Bauplan verbessern muss, wenn die Schwerkraft den Alltag beherrscht. Interessanterweise sind das genau jene Körperteile die bei Astronauten als erstes Probleme machen in Form von Muskel- und Knochenabbau. Erkenntnisse, die bei NASA und ESA für die Planung einer monatelange Reise zu unserem Nachbarplaneten Mars wichtig sind."

Ähnlich wie Dr. Gunga steht übrigens ein anderer fächerübergreifend neugieriger Arzt am Ursprung der Saurierforschung. Der britische Landarzt Gideon Mantell erkannte um 1820 als Erster, dass der 60 Zentimeter große Oberschenkelknochen, den er hobbymäßig aus Fossilien freiklopfte, von einem völlig unbekannten Urwesen stammen musste. Und als er aus englischem Boden die riesigen Zähne eines Pflanzenfressers freilegte, die selbst für ein Nilpferd zu groß waren, gab er dem Tier den Namen Iguanodon ("Echsenzahn"). Beispielhaft war Mantell aber auch für die oft irrwitzigen Puzzlespiele der Saurierforschung. Bei seinem ersten Modell des Iguanodon setzte er dem Tier aus den "übrig gebliebenen" Knochenfunden ein Horn auf die Nasenspitze wie dem Rhinoceros. Mittlerweile ist dieses Horn wieder von der Nase verschwunden und ziert jetzt jeweils eine Hand des Iguanodon – als Daumenkralle...


So wie Mörder inzwischen Jahrzehnte nach ihrer Tat mittels DNA-Analyse überführt werden können, beginnen jetzt Saurierforscher auch diese ältesten, längst abgehakten Funde mittels Hightech neu aufzurollen. 2004 gelang es der US-Forscherin Mary Schweitzer aus dem versteinerten Oberschenkelknochen eines 67 Millionen Jahre alten T-Rex durch Entmineralisierung elastisches Gewebe zu extrahieren. Seither sind sogar Spuren von Dino-Blutkörperchen entdeckt worden, und der Weg zu den ersten echten Saurier-DNA-Schnipseln scheint nicht weit.

So wird auch das Wiener Naturhistorische Museum frei nach dem Motto: Man weiß nie, was man findet, demnächst seinen Experten Dr. Alexander Lukeneder mit Fossilien von Flug- und Fischsauriern aus den riesigen unterirdischen Archiven an der Ringstraße zu einem deutschen Spezialisten für UV-Fotografie entsenden. Dr. Lukeneder: "Wer weiß, vielleicht entdecken wir ja auch organisches Material."


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© Eine Reportage von T. Micke (29-10-06) – Kontakt