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Powder-8: Zauberzöpfe im Pulverschnee

Nicht um Tausendstel und Topspeed wie bei Maier, Götschl und Co., sondern um perfektes Zöpfeflechten geht es bei Tiefschnee-Wettkämpfen. Zwei Mütter aus Österreich treten nächste Woche erstmals bei der Europameisterschaft dieser jungen Disziplin in St. Anton an. Wenn alles klappt, wartet die WM in Kanada.



Tiefschnee-Weltmeisterschaften bei Mike Wiegele in Kanada
Picture by Mike Wiegele

Wenn Sandra Skrein und Catherine Kalita-Demeter loslegen, fühlt man sich in Willy Bogners legendären Wintersport-Film "Fire and Ice" versetzt: Wie Wasserballett im Pulverschnee wirken die harmonischen, perfekt abgestimmten Bewegungen der Kärntnerin und der Wienerin. Sogar der Schnee scheint exakt gleichzeitig und gleich weit über den verschneiten Hang zu wirbeln, und wenn sie 50 bis 60 Schwünge weiter unten ihre Choreographie völlig synchron beenden, bleibt ein perfekt geflochtener Zopf zurück. Ein unglaublicher Anblick für jeden, der allein schon alle Hände voll zu tun hat, ohne Sturz durch einen solchen Tiefschneehang zu fahren. Und ein kleines Kunstwerk für geübtere Wintersportler, die wissen, wie schwer es ist, auch nur eine perfekte Spur von halbwegs gleichmäßigen Schwüngen im unberührten Schnee zu hinterlassen.

Sigi Grüner, gemeinsam mit Partner Christoph Brugger amtierender Weltmeister im Tiefschneefahren, trainiert die beiden bei perfekten Bedingungen in seinem Heimatort Sölden und ist trotzdem noch nicht zufrieden mit seinen charmanten Schützlingen. Jeder Fehler wird in Zeitlupe per Videoanalyse schonungslos aufgedeckt und analysiert: "Catherine, du setzt den rechten Ski schräg an und tauchst dadurch viel zu tief ein. Das bremst, und Sandra hat hinter dir zu Kämpfen, dass sie deinen Rhythmus hält. Auch wenn ihr Fehler macht, sollten diese übrigens, wenns geht, synchron passieren. Außerdem müsst ihr beide schauen, was ihr mit euren Stöcken anstellt. Sogar die zarten Stockspuren im Schnee werden von den Richtern für die Bewertung herangezogen."

Tiefschnee-Frischlinge Sandra Skrein und Catherine Kalita-Demeter mit Weltmeister Sigi Grüner beim Powder-8-Training im Ötztal
Picture by T. Micke

Tiefschnee-Profi Sigi Grüner weiß, wie man Sieger-Zöpfe flechtet: "Im Wettkampf gibt es Punkte für die perfekte Haltung, die perfekte Spur, aber auch dafür, wie lange man vom Start bis ins Ziel braucht. Es fahren immer zwei Zweierteams gleichzeitig nebeneinander. Und wer die bessere Fahrt hinlegt, kommt in die nächste Runde. Bei den Top-Profis entscheiden da oft nur Winzigkeiten. Zum Beispiel, welches Team schneller unten ankommt. Aber genau da kann man seine Gegner ganz gut in Fehler hineinhetzen. Eigentlich ist die Tiefschnee-WM in Kanada sogar ein 24-Stunden-Rennen, das schon am Vorabend mit psychologischer Kriegsführung an der Hotelbar beginnt..."

Ins Hotel nach Kanada: So weit müssen die 42-jährige Catherine aus Wien und die 40-jährige Sandra aus Salzburg erst einmal kommen, in-dem sie bei der Tiefschnee-Europameisterschaft am Arlberg (11. 1. bis 13. 1.) auf dem Stockerl landen. Seit einem Jahr trainieren die beiden passionierten Skifahrerinnen eisern Kraft und Ausdauer nach einem speziellen Programm des Olympia-Stützpunkts in Obertauern, wo sich auch Hermann Maier seine Kondition holt.

Buckelpisten in einem Zug fahren gehört genauso zum anspruchsvollen Aufbauprogramm wie Wedeln auf einem Ski oder Riesentorlauf. Denn, damit das "Zöpfeflechten" mühelos und spielerisch aussieht, müssen Gleichgewichtssinn und Reflexe stimmen und die Kräfte bis hinunter ins Ziel reichen, das auf den "Powder"-Hängen von Blue River/Kanada erst nach zirka 150 Schwüngen über endlose 800 Höhenmeter erreicht ist.

Powder-8-Ladys from Austria: Sandra Skrein und Catherine Kalita-Demeter
Picture by T. Micke

Innendesignerin Sandra Skrein und Dolmetscherin Catherine Kalita-Demeter wollen sich mit dem erhofften Start bei der Tiefschnee-WM in Kanada (Buchungen und Infos unter tt-reisen.de) nicht nur einen lang ersehnten, für unerreichbar gehaltenen, Wunsch erfüllen. Wie einer ihrer Tiefschnee-Zöpfe scheint auch das Leben der beiden auf seltsame Weise miteinander verflochten zu sein: Vor Jahren begegneten sie sich flüchtig im Sommerurlaub am See. Beide hatten ein Kind und steckten in einer kriselnden Ehe. Man verlor sich wieder aus den Augen. Etwa vor einem Jahr trafen sich die zwei dann durch Zufall wieder beim Tiefschneefahren in Lech am Arlberg. Jede hatte inzwischen zwei Kinder, war von ihrem Mann geschieden und dabei, ihr Leben neu zu ordnen, um noch einmal frisch durchzustarten.

Nachdem selbst der Lebenslauf der beiden Power-Frauen fast schon Hollywood-artig synchron verläuft, hoffen die beiden bei der EM in St. Anton nächste Woche auf ein gemeinsames Happy End, bei dem sie gegen deutlich jüngere Konkurrentinnen zeigen wollen, dass auch mit 40 noch absolute Spitzenleistungen möglich sind. Die Kür ist dann die Teilnahme bei der WM in Kanada, die vom österreichischen Heliski-Zampano Mike Wiegele ins Leben gerufen wurde.

Sowohl im Training als auch"beim Wettkampf sind die Profi-Tiefschneefahrer übrigens so ausgerüstet, wie man abseits der gesicherten Pisten unterwegs sein sollte: Mit Helm, Lawinen-Airbag und Peilsender, wenn wirklich einmal etwas schief geht. Aber vor allem mit einem ortskundigen Guide, der die Lawinengefahren einschätzen kann und im Zweifelsfall Konditionstraining in der Kraftkammer verordnet...


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© Eine Reportage von T. Micke (08-01-06) – Kontakt