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Pferde-Polo – Ein Spiel für reiche Reiter

Dass der einzige Poloclub des Landes in Niederösterreich aus Mangel an Gegnern gegen sich selbst trainieren muss, ist schon seltsam genug. Aber was, um Himmels willen, ist ein "Chucker"?



Polo einmal anders. Eine Karikatur von C. F. Bauer
Picture by C. F. Bauer

Es war um die Jahrhundertwende. Da rannte in England jeder, der, etwas auf sich hielt, mit einem Schläger in der Hand einer Filzkugel nach. Sie nannten das Tennis. Es war chic, exklusiv und ein bisschen verrückt. Heutzutage ist das nichts Besonderes mehr.

Heute setzen sich in England die, die etwas auf sich halten, auf ein Pferd und jagen mit einem Holzhammer in der Hand einer weißen Plastikkugel hinterher. Sie nennen das Polo. In Österreich und eigentlich in ganz Europa ist das noch ziemlich exklusiv. Dabei ist Polo eine der ältesten Sportarten der Welt.

Angefangen hat alles in Persien vor etwa 3000 Jahren. Angeblich hat man damals die makabere Unsitte gehabt, Gefangenen den Kopf abgeschlagen und ihn als Ball zu verwenden. Lang hat sich das zum nicht gehalten. Britische Kolonialherren nahmen das Spiel schließlich von Indien mit nach Hause. Und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Polo sogar für kurze Zeit olympische Disziplin.

Richtig populär, so wie Tennis, ist der Sport allerdings bei uns nie geworden. Jedes Kind kennt heutzutage die Tennisregeln, weiß, was ein As, ein Doppelfehler und ein "Tiebreak" ist – man muss ja schließlich beim Fernsehen mitreden können. Aber was, um Himmels willen, ist ein "Chucker"?

Prinz Charles, ein absoluter Polo-Profi, weiß es natürlich, Lady Di muss es wissen, und sogar die jungen Reiter der österreichisch-ungarischen Kavallerie wussten es, obwohl Englisch 1917 kein Schulpflichtfach war.

Woher? Sogar ein Spiel wie Polo hat in einem Land wie Österreich Tradition. In der Wiener Freudenau gab es bis zum Jahr 1938 neben der Pferderennbahn eine Polo-Anlage. Dort tobte sich die Reiter-Elite des Landes auf ungarischen Pussta-Pferden aus. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges setzte dem schließlich ein jähes Ende. Dann war mehr als 50 Jahre lang Polo-Pause in Österreich.

Das Wort "Polo" starb bei uns wohl nur deshalb nicht aus, weil jeder Supermarkt Polo-Hemden im Angebot führt.

"So kann's nicht weitergehen", dachte sich vor drei Jahren Baron Richard Drasche, schüttete im Park seines Schlosses in Ebreichsdorf in Niederösterreich 260 Tonnen Sand auf, ließ Gras darüber wachsen und gründete den "Poloclub Schloss Ebreichsdorf.

Der Baron engagierte auch gleich einen Fachmann aus Argentinien in Sachen Polo, der sein Team vom Ewigletzten bei europäischen Turnieren zu einem ernst zu nehmenden Gegner aufbaute – zumindest in Europa. Denn in Buenos Aires, wo der 26-jährige Bernardo Podesta herkommt, ist Polo der Nationalsport. Unser Team würde dort sang- und klanglos mit Ross und Reiter untergehen.

Die Argentinier züchten sogar eine eigene Pferderasse für das Spiel – klein, schnell, wendig und sensibel – die sie in die ganze Welt verkaufen. Kostenpunkt eines echten Polo-Pferdes, "schlüsselfertig" dressiert und zugeritten: rund 12.000 Euro. Da muss man eben auf den Zweitwagen verzichten.

Nur, leider ist es mit einem Pferd nicht getan. Denn das Spiel ist für die Tiere so anstrengend, dass sie nach einem "Chucker" (eine Spieleinheit von sieben Minuten) pausieren müssen. Und da ein Polo-Match aus vier "Chuckers" besteht, braucht jeder der insgesamt acht Feldspieler mindestens zwei Pferde.

Halb so wild: Der Poloclub in Ebreichsdorf vermietet auch Polo-Pferde (ab ca. 750 Euro monatlich), und wer auf den jährlichen Familienurlaub in der Karibik verzichten kann, hat sogar die Möglichkeit, Mitglied zu werden (ca. 3700 Euro Einschreibgebühr plus ca. 2200 Euro Mitgliedsbeitrag jährlich). Weitere Informationen beim Club (Tel: 02254/723-68). Wer jetzt trotz des benötigten Kleingelds Geschmack gefunden hat, der sollte eine wichtige Nebensache nicht vergessen: Reiten muss man für diesen Sport wie im Schlaf können. Dann allerdings mischen auch Frauen erfolgreich mit, wie die 22-jährige Hausherrn-Tochter Nadine. Man sagt, sie sei irgendwann einmal Jugend-Staatsmeisterin im Springreiten gewesen...


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© Eine Reportage von T. Micke (25-07-93) – Kontakt