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Anton Zeilinger: Der Herr des Lichts

Ein Innsbrucker Uni-Professor ist auf den spuren von Captain Kirk und Raumschiff Enterprise: Es gelang ihm im Laborversuch, ein Lichtteilchen zu "beamen".



Experimentalphysiker Prof. Anton Zeilinger bei einem Vortrag im Wiener Rathaus
Picture by T. Micke

Man wäre nicht überrascht, wenn einem dieser Mann bei einer Bergwanderung in 2500 Meter aus einer Almhütte mit Lederhosen und Vieh-Stock entgegenträte: Wirre blonde Locken und ein Rauschebart, auf den jeder "Alm-Öhi" stolz wäre. Nur die Brille, die müsste Professor Anton Zeilinger abnehmen. Die Brille, die gibt ihm dieses besondere Etwas, das nicht auf die Alm passt, und lässt die Schläue in seinen Augen noch ein wenig heller aufblitzen.

Während ganz Österreich in der vorweihnachtlichen Hektik dahinhastete und vielleicht noch mit einem Ohr die unglaublichen Ergebnisse unserer Ski-Herren registrierte, die für Schlagzeilen rund um den Globus sorgten, schaffte der 52-jährige Uni-Professor in einem Keller-Labor des Innsbrucker Instituts für Angewandte Physik beinahe unbeachtet eine bahnbrechende Sensation der anderen Art.

Gemeinsam mit seinem sechsköpfigen Team gelang es Anton Zeilinger, ein Photon, ein winzigkleines Lichtteilchen, etwa einen Meter weit zu "beamen"!

"Man darf sich das ruhig ein bisschen wie bei Raumschiff Enterprise und Captain Kirk vorstellen", erklärt Zeilinger: Das Lichtteilchen verschwand an der einen Stelle, wurde gänzlich zerstört. Gleichzeitig tauchte an einem anderen, vorherbestimmten Ort ein völlig identisches Teilchen auf, ohne dass zwischen den beiden Punkten irgendeine Verbindung gewesen wäre.

Seit der Professor sein Experiment im renommierten Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlichte, laufen die Telefone im Uni-Institut heiß: "Ich werde ständig zu Vorträgen eingeladen, Fachjournalisten aus aller Welt bitten um ein Interview, und neulich war sogar der Physik-Nobelpreisträger von 1997, Claude Kohen-Tannoudji aus Frankreich, zu Besuch, um sich unser "Licht-Beamen" mit eigenen Augen anzusehen. Er war ziemlich beeindruckt!"

Die allererste Frage, die Anton Zeilinger immer wieder gestellt bekommt: "Wann können Sie Bleistifte, Bücher, Tiere oder Menschen beamen?" Und die erste Antwort, mit der der Uni-Professor seine vor Neugier platzenden Gäste enttäuschen muss: "Vielleicht irgendwann in sehr, sehr ferner Zukunft, vielleicht aber auch nie."

Warum also die große Aufregung? Warum gehen dann bereits Gerüchte um, dass der in Ried (OÖ) geborene und in Wien aufgewachsene Professor wegen seiner geglückten Lichtteilchen-Experimente für den Physik-Nobelpreis `98 vorgeschlagen werden könnte?

Anton Zeilinger: "Was dem ,Beam-Experiment' zugrunde liegt, ist ein Phänomen, das in der Fachsprache ,Verschränkung von Photonen' genannt wird." Und diese gezielte Aneinanderkoppelung (oder Programmierung) von Lichtteilchen könnte in Zukunft die gesamte Computer-Technologie revolutionieren: All die superschnellen Großcomputer unserer Zeit – ob sie nun im US-Pentagon stehen oder bei einem japanischen Elektronik-Konzern – würden gegen einen Photonen-Rechner nach Art des österreichischen Uni-Professors alt und langsam aussehen.

Die Idee an sich ist nicht neu. In der Theorie tüftelt etwa der Computer-Riese IBM seit Jahren daran. In der Praxis aber haben Zeilinger und sein Team einen Meilenstein gesetzt. "Wir in Innsbruck", ist der Professor zu Recht auf seine Arbeit und seine Kollegen (Prof. Peter Zotter und Prof. Rainer Blatt) stolz, sind das weltweit stärkste Zentrum auf dem Gebiet der Quanten-Information."

Wie, fragt man sich allerdings, ist das in einem kleinen Land wie Österreich, das ohnehin für Forschung keine Unsummen zur Verfügung stellen kann, möglich?

"Tja", grinst Zeilinger und sieht dabei eher wieder ein wenig dem Tiroler Hüttenwirt ähnlicher als dem genialen Physiker: "Viele Dinge sind bei uns natürlich komplizierter als anderswo, aber man darf sich halt nicht von der Bürokratie einseifen lassen. Viele Leute sind einfach zu leicht zu entmutigen!" – Das sagt ein Anton Zeilinger, der weiß, wovon er spricht. Immerhin war das neunjährige "Landei" Anton bei der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium Fichtnergasse in Wien ausgerechnet in Mathematik durchgefallen...

Und noch ein Erfolgsrezept des dreifachen Familienvaters: "Man kann auf einem Gebiet nur dann absolute Spitzenleistungen bringen, wenn man sich ununterbrochen damit beschäftigt."

Das wiederum weiß die Frau des kauzigen Professors sehr genau. Anton Zeilinger, der selber Cello und Kontrabass spielt ("Am liebsten klassischen Jazz!"), hat seine besten Einfälle, wenn er im Konzertsaal sitzt: "Dann borg' ich mir von meiner Gattin notfalls mitten im Adagio das Programmheft aus und kritzele es zwischen Mozart und Beethoven mit mathematischen Formeln voll."

Das ist zwar bestimmt nicht sehr romantisch, aber wenn man dafür mit einem kleinen Lichtstrahl die Welt verändern kann...


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© Eine Reportage von T. Micke (11-01-98) – Kontakt