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Papua Neuguinea: Sorgenkinder im Paradies

Neuguinea bietet nicht nur Stoff für faszinierende Naturfilme, sondern leider auch Lebensbedingungen wie in der Steinzeit. In den abgelegenen Dörfern brauchen behinderte Kinder dringend Unterstützung.



Paradiesische Urwaldlandschaften auf Papua Neuguinea
Picture by T. Micke

Die feuchte Hitze ist heute morgen unerträglich. In der Nacht hat der Regen stundenlang ohrenbetäubend aufs Blechdach getrommelt, und als um vier Uhr Früh endlich Schluss war, begannen die Hähne von Kiunga im Westen von Papua-Neuguinea um die Wette zu krähen. Jetzt, am frühen Vormittag, hat die Sonne längst die Regenwald-Wolkendecke vom Himmel gedampft und scheint nun jeden Tropfen, der nachts gefallen ist, wieder aus dem lehmigen Boden herausbrennen zu wollen.

Seit fast 20 Minuten sind wir zu Fuß zur einzigen Wasserstelle einer kleinen Siedlung im Dschungel-Herzen des exotischen Inselstaates unterwegs und auch ohne Regen klatschnass. Alu, der uns den Weg weist, kann darüber nur leise lachen. Für den 12-Jährigen ist diese Tropenhitze mitten im Dezember ganz normal. In der Regenzeit ist es feuchter, während der Trockenzeit trockener – beide Jahreszeiten lassen sich aus seiner Sicht am besten barfuß in T-Shirt und kurzer Hose bewältigen. Obwohl weiter im Osten die Berge mehr als 4500 Meter hoch majestätisch in den Himmel ragen, kennt Alu keinen Schnee wie die Kinder in Österreich. Auch nicht aus dem Fernsehen, denn in seiner Siedlung fehlt es neben sauberem Trinkwasser auch an elektrischem Strom.

Erst nach seiner Therapie kann Allu jetzt über diesen Baumstamm um bei der Quelle Trinkwasser zu holen
Picture by T. Micke

Alu ist ein Waisenkind. Er lebt mit seinem Cousin und 15 Junggesellen in einem Männerhaus, wie es in dieser Gesellschaft Sitte ist. Alus Mutter ist vor zwei Jahren an Malaria gestorben, sein Vater Anfang des Jahres an "schwarzer Magie", wie die Nachbarn flüstern. Verflucht von einer bösen, mächtigen Seele. "Ermordet" hört man zwischen den Zeilen heraus. Die Nachbarn haben Angst darüber zu reden. Schließlich sagt man auch über die Siedlung, in der Alu wohnt, dass sie von üblen Kräften beherrscht wird: Wenn in Kiunga eingebrochen, gestohlen oder geraubt wird, dann sieht die Polizei als Erstes hier nach.

Kein guter Platz zum Aufwachsen, erst recht nicht für einen behinderten Jungen wie Alu. Und ein schwieriges Pflaster für die Außendienst-Mitarbeiter von "Licht für die Welt", der ehemaligen "Christoffel Blindenmission" in Österreich, die hier am Ende der Welt gemeinsam mit der Hilfsorganisation "Kallan Service" ein Projekt zur Förderung bedürftiger Kinder aufbauen.

Nach 25 Minuten Fußmarsch ist Alu jetzt mit uns an jenem Baumstamm angekommen, der in den letzten Monaten seine größte persönliche Herausforderung war. Der Baumstamm dient als Brücke über den Fluss, der in der Regenzeit oft Hochwasser führt und zudem Blutegel und gefährliche Giftschlangen beherbergt. Hier muss man hinüber, wenn man zur Wasserstelle will. Mit seiner Behinderung – Schädigung einer Gehirnhälfte verbunden mit Sprachstörungen und halbseitigen Lähmungserscheinungen – war dieser Baumstamm für Alu noch vor einem Jahr unüberwindbar.

Eine Behindertenschule im Urwald von Papua Neuguinea
Picture by T. Micke

Alu verlor damals schon beim normalen Gehen oft das Gleichgewicht. Einmal landete er dabei mit schweren Verbrennungen im Küchenfeuer, ein andermal zog er sich einen offenen Unterarmbruch zu. Erst hartes Training mit seiner Betreuerin Miriam in der neuen Kindertherapie-Station von "Licht für die Welt" hat ihm das Gefühl für die schwierige Flussüberquerung gebracht und damit die Anerkennung und Existenzberechtigung als Trinkwasserlieferant für das Männerhaus.

Als Alu mit uns an der kärglich rinnenden Quelle ankommt, strahlt er stolz übers ganze Gesicht. Sauberes Trinkwasser ist lebenswichtig, die stundenlang geduldig wartende Menschenschlange an der kleinen Fassung abends oft riesig. Und er, Alu, kann seinem Cousin jetzt diese bedeutende Aufgabe abnehmen.

Auch diese Familie im Urwald von Papua wird mit ihrem behinderten Kind unterstützt
Picture by T. Micke

Bei uns in Europa kennt man Neuguinea von den sagenhaften "Universum"-Sendungen. Hier hat der "Discovery Channel" in isolierten Urwald-Dörfern spannende Fernseh-Dokumentationen über die steinzeitliche Lebensweise der Bewohner gedreht, die mit Pfeil und Bogen Ringbeutler und Wollkuskus jagen und nur mit Lendenschurz bekleidet sind. "GEO-Magazin" und "National Geographic" liefern Reportagen von den einzigartigen Paradiesvögeln sowie Pflanzenarten, die es nur auf dieser isolierten Insel im Südpazifik gibt. Und Gesellschaftsforscher geraten über die mehr als 850 Sprachen ins Schwärmen, die sich auf kleinstem Raum in der Abgeschiedenheit von Urwald-Inseln, Sümpfen und Schluchten erhalten haben.

Eben diese Isolation, die die Insel und ihre Bewohner noch im 21. Jahrhundert so "wildromantisch" und einzigartig ursprünglich dastehen lässt, ist allerdings oft auch beinhartes Todesurteil für jene, die nicht alleine zurechtkommen. Wer in der Steinzeit nicht für sich selbst sorgen oder zur Gesellschaft etwas beitragen konnte, weil er verletzt oder behindert war, wurde vor der Sippe als Schandfleck versteckt und hatte ein sehr kurzes Leben. Ohne die Aufklärungs- und Rehabilitationsarbeit von Hilfsorganisationen wie "Licht für die Welt" wäre das auf der "Paradiesvogelinsel" Papua-Neuguinea nicht anders. Den Familien beibringen, dass es sich lohnt, das betroffene Kind besonders zu fördern und mit ihm zu üben und zu trainieren, also Hilfe zur Selbsthilfe, ist eines der Hauptziele.

Auf der Südpazifik-Insel Daru leidet Ruth unter Zerebralparese. Therapie macht ihr ein würdiges Leben möglich
Picture by T. Micke

Auch auf der Insel Daru im Golf von Papua, 400 Kilometer südlich der Regenwald-Siedlung Kiunga wurde mit der Hilfe österreichischer Spender eine Station für behinderte Kinder aufgebaut. Vermutlich seit ihrer Geburt leidet die 13-jährige Ruth an einer Krankheit, die man "Zerebralparese" nennt: Verkrüppelte Füße und Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen aufgrund gestörter Nervenbahnen haben ihr bis vor einem Jahr ein sehr trostloses Leben im Sitzen und Liegen auf dem Küchenfußboden beschert. Neben den anderen drei Kindern kümmerte sich die allein stehende Mutter zwar liebevoll um die Kleine, wusste aber einfach nicht, dass Ruth mit hartem Training vielleicht auch ein fast normales Leben führen könnte. Seit Helfer von Licht für die Welt das Mädchen zufällig in einem Vorort der Inselstadt entdeckt haben, grenzen die Fortschritte der Kleinen für Mutter und Nachbarn an ein Wunder: Statt hilflos auf dem Bambusboden der Stelzenhütte zu liegen und sich füttern lassen zu müssen, kann Ruth jetzt selbst zu ihrer Wassertasse greifen, die Räder des Rollstuhls bewegen, den sie von den Helfern bekommen hat und beim Seilhüpfen für die anderen Kinder die Springschnur schwingen.

Ganz ohne Unterstützung auf allen vieren zum Rollstuhl krabbeln und sich selbst daran hochziehen, das wird Ruth heuer zu Weihnachten noch nicht schaffen. Aber die Lebensfreude ist wieder da, und die kann bekanntlich Berge versetzen. Wenn Ruth weiter solche Fortschritte macht und genug Geld da ist, wird ein Arzt ihr die Füße so einrichten, dass sie mit Krücken gehen und eine Schule wie alle anderen Kinder besuchen kann...

Die Förderung eines behinderten Kindes in der Obhut von Licht für die Welt auf Papua-Neuguinea kostet im Monat 25 Euro. Wenn Sie Ruth, Alu und Hunderten anderen behinderten Kindern auf der Insel bei ihrem Weg zu einem eigenständigen Leben unterstützen wollen: PSK 92.011.650 (BLZ 60.000 in Österreich)


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© Eine Reportage von T. Micke (10-12-06) – Kontakt