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Ötzi: Der Segen der Mumie

Ein Steinzeit-Mensch trägt den Fortschritt ins 21. Jahrhundert: Beim Entschlüsseln von Ötzis Geheimnissen haben Forscher neue Wege für die moderne Medizin entdeckt.



Als Ötzis Leibarzt wird der Südtiroler Pathologie Dr. Eduard Egarter Vigl gerne bezeichnet
Picture by Südtiroler Archäologiemuseum

Was Ötzi mit der Formel 1 und der Raumfahrt gemeinsam hat? Bei allen Dreien werden weder Kosten noch Mühen gescheut – was auf Normalbürger oft übertrieben wirkt. Aber es entstehen viele neue Entwicklungen, die auch im Alltag von Nutzen sind. Aus dem Rennsport kommen zum Beispiel ABS, Bord-computer und automatisches Schaltgetriebe. Die Raumfahrt steuert den Mikrowellenherd und die atmungsaktive Regenhaut "Goretex" bei. Bei Ötzi sind diese sogenannten "Spin-offs" ein bisschen komplizierter, aber ebenfalls bedeutend.

An der Innsbrucker Uni-Klinik entwickelte ein Team aus Ärzten und Physikern unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter zur Nedden eine Technik, die inzwischen weltweit nicht nur in der Human-Forschung angewendet wird, sondern auch in der plastischen Chirurgie. Prof. zur Nedden im Interview: "Wir haben uns eine Methode namens 'Rapid Prototyping' aus dem Automobilbau zunutze gemacht, wo man am Computer konstruierte Designstudien in maßstabsgetreue Automodelle zum Angreifen verwandelt." Dabei wird mithilfe von Kunstharz und Lasertechnik ein dreidimensionales Objekt quasi "ausgedruckt".

Auf Ötzi übertragen konnten die Forscher mithilfe von Magnetresonanz und Röntgen ein genaues Abbild vom Mumienschädel im Computer berechnen und von diesem dann mit der Methode der Autodesigner ein perfektes Ebenbild aus Acryl schaffen (siehe Foto). Die 5000 Jahre alte Jungsteinzeit-Leiche wurde hierzu nicht einmal richtig berührt.

Prof. zur Nedden: "Wir sind nicht bei Ötzi stehengeblieben. Mehr als 30 Schädel von sehr prominenten Funden unter anderem in Äthiopien und Südamerika haben wir auf diese Weise ,kopiert'. Jetzt ist es möglich, dass Wissenschafter an diesen unbezahlbaren Objekten jederzeit Messungen vornehmen können, ohne dabei das Original zu strapazieren, das womöglich am anderen Ende der Welt in einem Museum steht." An den Unis von Wien und Innsbruck wurde hierfür der Forschungsbereich der "Virtuellen Anthropologie" ins Leben gerufen.

Von derselben Methode profitieren nun auch Unfallopfer bei denen heikle Operationen am Kopf notwendig sind. Ähnlich wie der Zahnarzt oft erst einen Gipsabdruck von Ober- und Unterkiefer nimmt, bevor er Brücken und Zahnregulierungen machen lässt, kann der Chirurg anhand eines "ausgedruckten" 3D-Schädelmodells seines Patienten die notwendigen Eingriffe planen.

Mithilfe einer Methode aus dem Automobilbau wurde der Schädel des südtiroler Steinzeitjägers Ötzi dreidimensional in Acryl ausgedruckt
Picture by Südtiroler Archäologiemuseum

In Bozen, wo Ötzi im archäologischen Museum zu bewundern ist, hat nun seit Anfang Juni ein eigenes Mumienforschungszentrum seinen Betrieb aufgenommen. Südtiroler und Tiroler Experten sind dank des Aufwands, der um den "Mann aus dem Eis" getrieben wird weltweit federführend auf diesem Gebiet.

Ötzis "Leibarzt", der Südtiroler Pathologe Dr. Eduard Egarter Vigl, nimmt in seinem normalen Beruf pro Jahr gerichtliche Obduktionen an mehreren hundert Toten vor. Ihm ist es ebenfalls gelungen, mit recht ungewöhnlichen Mitteln die Forschungsmethoden zu verfeinern: "Als klar war, dass es schwierig sein würde, die Mumie vor dem Zahn der Zeit zu bewahren und sie trotzdem im Museum den Besuchern zu zeigen, habe ich mich bei den Obstbauern in unserer Region umgesehen. Auch Früchte müssen in ganz speziellen Kühlräumen aufbewahrt werden, damit sie frisch bleiben. Die Probleme mit dem Kondenswasser sind ähnlich. Wir haben einiges für Ötzis Kühlzelle übernommen. Derzeit arbeiten wir daran, die Luft in dem Raum durch reinen Stickstoff zu ersetzen, damit Bakterien mangels Sauerstoff keine Chance haben. Das wurde gerade nebenan in der Ersatzzelle erfolgreich mit einer Ochsenstelze getestet."

Obwohl man über Ötzi mittlerweile weiß, dass er 50 Kilo wog, rund 45 Jahre alt war, Schuhgröße 38 hatte, Hirschfilet mit Gemüse und Einkorn-Brei aß, ein wertvolles Kupferbeil aus dem Salzburger Raum bei sich trug, definitiv nach einem heftigen Kampf (er hatte Blut von zwei Fremden an Kleidung und Waffen) ermordet wurde, und eben erst ein bisher übersehener Oberarmbruch entdeckt wurde, soll der berühmte Bergfex noch einige Fragen beantworten. Dr. Egarter Vigl: "Als nächstes werden wir uns mithilfe der Endoskopie Lunge und Magen genauer ansehen. Wir wollen herausfinden, ob die Menschen damals schon mit bestimmten Gesundheitsproblemen zu kämpfen hatten, die uns heute plagen."


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© Eine Reportage von T. Micke (05-08-07) – Kontakt