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Neuguinea: Die Wahrheit über den Paradiesvogel

Ein exotisches Reiseziel für Abenteuertouristen, die es auf Paradiesvögel und Penisfutterale abgesehen haben. Aber auch ein Land zwischen Himmel und Hölle, das nicht jedermanns Sache ist.



Einwohner von Neuguinea mit traditionallem Kopfschmuck aus Kassowari-Federn
Picture by T. Micke

Unser Fahrer kennt nur zwei Aggregatzustände für seinen 20 Jahre alten Minibus: Stehend, damit sich vielleicht doch noch ein, zwei Passagiere zu den 18 bis 20 anderen dazuquetschen können, und Vollgas. Was der Mann dort vorn am Steuer vollbringt ist – soweit wir das von unserer hintersten Sitzreihe zwischen Stoffballen und Reisetaschen durch verschlammte und gesprungene Fensterscheiben erkennen können – eine physikalischer Grenzgang. Reifen? Glatt wie ein Meereskiesel! Stoßdämpfer? Welche Stoßdämpfer?! Bremsen? Wir haben ja noch die Motorbremse! Lenkung? Naja, wenn man die komplette Straße für sich beansprucht, gehen sich die Kurven schon aus. Aber das Radio funktioniert gut...

Auf Hindernisse wie Schlaglöcher, Radfahrer, Steine, Straßenhunde, Fußgänger und ähnliches nimmt man keine Rücksicht: mittig zwischen die Räder nehmen oder doch seitlich haarscharf vorbeikurven – die Entscheidung fällt eher das Hindernis, nicht der Lenker.

Nur Schweine sind dem Mann am Steuer heilig. Wer auf Papua-Neuguinea ein Schwein überfährt, der ist dran, wie in Indien einer, der eine Kuh erwischt. Das Schwein ist hier Teil der Familie wie bei uns der Hund. Es wird an der Leine Spazieren geführt, gestriegelt und gestreichelt und im Ferkelalter manchmal sogar mit menschlicher Muttermilch aufgepäppelt.

Der Flughafen von Kiunga im Jungel von Papua-Neuguinea
Picture by T. Micke

Der Grund für die Schweine-Verehrung ist, dass der Papua-Neuguinese vor allem im Hochland um Wabag und Mount Hagan, wo wir jetzt unterwegs sind, ein kampf- und rachsüchtiger Geselle ist. Jeder zweite Fußgänger läuft hier standardmäßig mit einer 60-Zentimeter-Machete umher. Nicht, weil er sich gerade einen Weg durch den Dschungel schlagen musste oder ein bisschen Zuckerrohr geerntet hat. Sondern weil man in dieser Gegend nie weiß, welcher Nachbarstamm einen nach der nächsten Kurve überfällt. – Auch das ein Grund, warum unser Fahrer seit zwei Stunden Gas gibt, als wäre der Teufel hinter im her.

Jedenfalls sind im Hochland von Papua-Neuguinea, eine Nation die in der letzten 60 Jahren von der Steinzeit ins 21. Jahrhundert katapultiert wurde, auch heute noch Stammesfehden an der Tagesordnung. Und wenn diese irgendwann nach viel Blut und Gewalt beigelegt werden, dann gibts Schweine als Wiedergutmachung. Manchmal nur ein oder zwei vom Verlierer an den Gewinner, manchmal auch Hunderte, wenn viele Opfer zu beklagen sind. Auf Papua-Neuguinea kann man also nie genug Schweine haben. Denn der nächste Wickel mit dem Nachbarn kommt bestimmt, weil nichts vergeben oder vergessen wird.

Go isi isi ist Pijin English. Ein zur eigenen Sprache auf Papua-Neuguinea entwickelte Version von Englisch
Picture by T. Micke

Mit unvermindertem Tempo rast unser Fahrer die letzten Kilometer durch die Vorstadt von Mount Hagan in Richtung Flugplatz. Speed kills! (Geschwindigkeit tötet!) steht auf einem vorbeifliegenden Plakat. Und dann auf einem Warndreieck der Aufruf "Go isi isi" – (etwa: Fahr leicht leicht). Das ist Pidgin-Englisch, eine unter den britischen Ex-Kolonialherren als primitiv abgetane, mittlerweile weiter entwickelte Kunstsprache, die Einheimische erfunden haben, um sich untereinander zu verständigen. Denn auf PNG – so begeistern sich Forscher – gibt es bis heute unfassbare 850 Sprachen (nicht Dialekte!), die sich durch die Unzugänglichkeit der Berge, Täler und Sümpfe erhalten haben.

Unzugänglichkeit. Das ist auch heute Neuguineas größtes Entwicklungsproblem. Schon die Hauptstadt ist nur auf dem Wasser- oder Luftweg erreichbar. Nur drei bis vier ernstzunehmende Landstraßen auf der gesamten Hauptinsel machen den Warentransport via Flugzeug oft zur einzigen (teuren) Option. Wie soll man die traditionell kriegerischen Stämme vom Kämpfen abhalten, wenn das Gemüse, das die Männer stattdessen anbauen sollen, nicht zeitgerecht und vor allem günstig auf den Markt gelangt? Dies sind neben heftiger Korruption die Probleme, mit denen sich die Regierung der jungen, an Australien angelehnten Demokratie herumschlagen muss.

Die auf Stelzen gebauten Jungel-Häuser in Neuguinea sind angenehm kühl, da die Luft durch den Boden zirkuliert
Picture by T. Micke

"Your ticket to Paradise" wirbt die örtliche Fluglinie "Air Niugini" und lockt damit Wellenreiter an die abgelegenen Strände im Norden sowie Abenteurer ins touristisch unerschlossene Urwald-Hinterland im Westen. Aber die Anspielung auf das Paradies hinkt: Paradiesvögel nannte man im 16. Jahrhundert jene exotisch bunt gefiederten Gesellen, die Händler von der Insel nach Europa mitbrachten. Den Tieren wurden die Füße abgeschnitten, um die Flucht zu verhindern. In den Adelshäusern glaubte man daher, die Vögel müssten wohl beinlos hoch oben über den Wolken im Paradies leben. Sie würden sich vom Tau des Himmels ernähren und ihre Eier auf dem Rücken des (fliegenden) Partners ausbrüten.

Heute schneidet man den Paradiesvögeln die Füße zwar nicht mehr ab, dafür findet man zumindest dort, wo Menschen sind, fast keine mehr. Will man in Kiunga, einer Urwaldsiedlung an der Grenze zu Indonesien, ein paar der weltweit einzigartigen Ameisenbären, Baumkängurus, Kuskusse oder eine der 36 einmaligen Paradiesvogel-Arten sehen, dann ist die Antwort: "Sori, nogat!" Alles gejagt oder ins weglose Sumpfland vertrieben, denn die Menschen hier leben von der Hand in den Mund. Und wenn der Unterhalt nicht aus einem der Betriebe kommt, die zur stark umstrittenen Goldmine in Tabubil gehören, wirds schwierig.

Verkäuferin auf einem Markt in Daru/Neuguinea
Picture by T. Micke

Von den spektakulären Expeditionsreportagen, die ausgeschmückt mit bunter Kriegsbemalung, lustigen Penisfuteralen, wildromantischen Baumhäusern und dem noch immer existierenden rituellem Kannibalismus in "GEO-TV" und dem "Discovery-Channel" zu sehen sind, hat hier keiner etwas. Damit macht man Abenteuertouristen Lust auf ein Märchenland, das in dieser Form eigentlich nicht mehr existiert. Denn der Großteil der Bewohner von Papua trägt heute T-Shirt und Jeans, haust in Stammesordnung in Blech- oder Holzhütten am Rande der größeren Städte und läuft dem im Fernsehen vorgegaukelten Wohlstandsideal des Westens hinterher.

Trotz allem: Knapp 70 Prozent des Landes sind noch immer bis in 3900 Meter Höhe mit Ur-Regenwald bedeckt. Auf einem Hektar dieses Waldes wachsen bis zu 65 Meter hoch 150 verschiedene Baumarten, die so alt sind wie der einstige Ur-Kontinent Gondwana. Darin Vögel, wie der riesige Kassowari mit seiner tödlichen Fersenkralle und Flughunde, die es nirgends sonst auf der Welt mehr gibt.

"Speed kills!" wäre nicht nur eine eindringliche Warnung für die dahinrasenden Minibusfahrer, sondern auch eine für das ganze Land. Von der im Dschungel zum Ernten der Sago-Palme noch immer benützten Steinaxt bis zur Fernbedienung für den DVD-Player in der Zivilisation sind es hier keine 200 Kilometer Luftlinie.

Papua-Neuguinea hat in den nächsten Jahren einen gefährlichen Hochseilakt zwischen Bürgerkrieg, Entwicklungshilfe, Korruption, nachhaltigem Naturschutz und sanftem Tourismus zu bestehen, damit sich das einstige Steinzeitparadies nicht in eine ausgebeutete Dritte-Welt-Hölle verwandelt.


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© Eine Reportage von T. Micke (04-02-07) – Kontakt