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Die Nebra-Scheibe:Ein Schlüssel zum Himmel

Sie stellt Stonehenge in den Schatten, kann mit Ötzis spannender Geschichte mithalten und wurde von Grabräubern um läppische 15.000 Euro wie eine Luxus-Frisbee an einen Hehler verscherbelt: Forscher lüfteten jetzt das Geheimnis der rätselhaften "Himmelsscheibe von Nebra".



Die sagenhafte, von Grabräubern gefundene, nach wie vor umstrittene Himmelsscheibe von Nebra
Picture by Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Dr. Harald Meller klingt immer noch aufgeregt, wenn er die völlig verrückte, filmreife Geschichte vom 23. Februar 2002 erzählt, als er plötzlich im Keller-Café des Hotels Hilton in Basel die älteste Himmelsdarstellung der Welt in Händen hielt: "Ungefähr 50 deutsche und schweizerische Kriminalbeamte standen auf Abruf bereit, um den oder die Hehler festzunageln. Und mir war schon ziemlich mulmig zumute, weil die uns aus den Augen verloren hatten. Immerhin wollte der Bursche 380.000 Euro für die zwei Kilo schwere Bronzescheibe, die er in ein Handtuch gewickelt unter seinem Hemd versteckte. Ich nahm deshalb an, dass er auch bewaffnet war. Der Hehler hatte die Polizei ausgetrickst, weil mein Handy, mit dem ich das Einsatzsignal schicken sollte, im Keller nicht funktionierte. Erst als ich in meiner Not ein dringendes Bedürfnis vortäuschte und vom Klo aus mein Zeichen senden konnte, schnappte die Falle zu..."

Aber die Zitterpartie lohnte sich: Der ominöse schmutzige Diskus stellte sich nicht nur als echt heraus, sondern als einer der sensationellsten archäologischen Funde Europas. Denn die mit Goldblech in die Bronzescheibe gefügte, beinahe kindlich wirkende Darstellung von Mond und Sternen ist nicht nur die weltweit älteste Abbildung des Himmelsgewölbes, sondern auch ein präzises Instrument, mit dem sich die Sonnwend-Tage genau bestimmen lassen, die wichtig für Aussaat und Ernte und für die Viehtreiber in der frühen Bronzezeit waren. Ein erstaunlich fortschrittlicher Himmelsschlüssel, der neben seinem praktischen Nutzen auch ein Machtsymbol für die regierenden Fürsten der Zeit war.

So kann man sich das auf der Himmelsscheibe von Nebra dargestellte Weltbild vorstellen
Picture by Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt/Karol Schauer

Was die Experten außerdem begeistert: Der Scheibe nach zu urteilen war auch das "Kuppel-Weltbild" des Griechen Thales von Milet von zirka 600 v. Chr. schon mehr als 1000 Jahre vor dem großen Mathematiker und Philosophen in Europa verbreitet. Denn die Scheibe so fand man heraus war wahrscheinlich schon 400 Jahre in Betrieb, bevor sie zirka 1600 v. Chr. einem Grab beigelegt wurde: Die Menschen stellten sich offenbar schon damals die Erde als Scheibe vor mit dem sternenbestückten Himmelsgewölbe darüber und einer Barke, die die Sonne nach ihrem täglichen Himmelslauf über Nacht wieder an ihren Ausgangspunkt fährt. Ein solches Sonnenschiff, das übrigens auch zum Weltbild im alten Ägypten gehörte, ist ebenfalls am südlichen Rand der Scheibe von Nebra zu sehen.

Ein rund 15-köpfiges Team um den Archäologen Prof. Meller, den Astronomen Prof. Wolfhard Schlosser und den österreichischen Metallexperten Prof. Ernst Pernicka hat den Sensationsfund vom Mittelberg im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt nun mit allen Mitteln modernster Wissenschaft untersucht. Auch dabei gab es ein paar Überraschungen. So stellte sich heraus, dass das in der Bronze-Legierung enthaltene Kupfer nicht aus der Fundregion kommt, sondern sehr wahrscheinlich in der fast 400 Kilometer entfernten salzburgischen Erzmine Mitterberg am Hochkönig gewonnen wurde. Das Gold stammt aus dem heute rumänischen Siebenbürgen, und die ausgefallene Technik, mit der es auf die Scheibe aufgebracht wurde, war bisher nur aus dem heutigen Gebiet von Griechenland und der Türkei bekannt.

Archäologe Dr. Harald Meller mit seinem kostbarsten Ausstellungsstück, der Himmelsscheibe von Nebra im deutschen Landesmuseum für Vorgeschichte
Picture by Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt

"Irgendwie", so Dr. Meller im Interview "muss es da eine Art Technologie-Transfer bis hinauf nach Nordeuropa gegeben haben, von dem wir noch nichts wissen. Denn die astronomischen Daten – die Abbildung der Plejaden-Sternengruppe in Verbindung mit den zwei Gold-Sicheln im Osten und im Westen (eine davon ist verloren gegangen; siehe Bild oben) – mit ihren Messwinkeln von genau 82,5 Grad sind nur hier in der Region um Nebra gültig. Hätte man die Scheibe zum Beispiel in Österreich oder im Mittelmeerraum hergestellt, dann wären die beiden Sicheln aufgrund des etwas anderen Sonnenverlaufs kürzer ausgefallen."

Nicht sehr viel älter als der Himmelsschlüssel von Nebra, der etwa seit 2000 v. Chr. in Gebrauch gewesen sein dürfte, ist ein anderer Star der europäischen Vorgeschichte: die sagenhaften Steinmonumente von Stonehenge im Süden Englands, die um ca. 2100 bis 1600 v. Chr. nicht nur als Kultstätte gedient haben, sondern als Jahreskalender ebenfalls die Sonnwendtage und Tag-und-Nacht-Gleiche anzeigten.

Die Himmelsscheibe von Nebra bei ihrer Restaurierung und detektivischen Datierungsversuchen
Picture by Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt

Trotz dieser erstaunlichen Messinstrumente und obwohl Babylonier, Ägypter und Chinesen Tausende Jahre vor Christi Geburt bereits durch reine Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen das Jahr mit 365 Tagen berechneten und Schaltjahre kannten, blieb die Erde und nicht die Sonne bis Kopernikus und Galileo im 16. und 17. Jahrhundert Mittelpunkt des Weltbilds. Und selbst wenn der griechische Revoluzzer Pythagoras schon 550 v. Chr. behauptete, die Erde sei eine Kugel, hielt sich das Bild von der Welt als Scheibe, von der man herunterfallen könne, bis ins Mittelalter hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen.

Die "Himmelsscheibe von Nebra" war übrigens von Oktober 2004 bis ins Frühjahr 2005 im deutschen Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu besichtigen. Und als Österreicher gibt es immerhin eine patriotische Kleinigkeit, die man den deutschen Ausstellungsbesuchern voraushat: Der älteste Himmel der Welt wäre wohl nichts ohne Kupfer aus Österreich...


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© Eine Reportage von T. Micke (10-10-04) – Kontakt