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Mongolei spezial: "Schwammerlsuche" in der Wüste Gobi

Wildpferde in der Steppe, Hammel-Milchtee mit Salz und die Erben Dschingis Khans beim Ringkampf: Die Mongolei, speziell im Juli zum Naadamfest, ist ganz großes Reise-Abenteuer.



Kamelhirte in der Wüste Gobi mit Nachlese-Redakteur
Picture by T. Micke

"Und wenn wir kein Holz finden, dann verbrennen wir eben Kamel-Scheiße..." – Zu Beginn unserer viertägigen Zelt- und Jeeptour durch die Wüsten und Steppen der südlichen Mongolei lachten noch alle über diesen lauen Witz. Keiner hätte gedacht, dass wir schon am zweiten Tag zum Nachtmahl ausschwärmen und jeden sonnengetrockneten Haufen von Kuh, Pferd oder Trampeltier mit der Freude von Pilzsammlern beim Fund eines Eierschwammerlnests begrüßen würden. Die Nächte in der Wüste Gobi und an den Hängen des Altai-Gebirges können wirklich eisig sein. Und bei Temperaturen knapp über null ist ein Lagerfeuer schwer zu betreiben, wenn es außer ein paar dürren Ästchen von den Steppensträuchern weit und breit kein Holz gibt. Kameldung dagegen schafft neben einer garantiert gelsenfreien Zone durch würzigen Rauch eine sehr ordentliche Glut...

Besuch in einer mongolischen Jurte (Ger genannt). Licht kommt durch eine Zeltöffnung
Picture by T. Micke

Dieses Wissen nützen auch die immer noch sehr traditionell lebenden Hirtennomaden, die heute noch 40 Prozent der 2,5 Millionen Mongolen ausmachen, in einem Land, viereinhalbmal so groß wie Deutschland. Zu solch alten Weisheiten gehört auch, dass der findige Mongole schon vor Hunderten Jahren Milchpulver und Fleischsuppenwürfel entwickelt hat, um seine Vorräte beim nomadischen Umzug leichter zu transportieren. Zu den neueren Weisheiten gehört, dass man auch in der größten Einöde in seiner Jurte noch einen Satelliten-Fernseher betreiben kann, indem man eine Autobatterie als Stromquelle via Windrad auflädt.

Die Jurte selbst ist innen deutlich größer, als sie von außen wirkt: Wie ein Sonnenschirm, nur auf zwei Hauptsäulen (auf keinen Fall berühren, bringt Unglück!) gespannt, scheint von oben reichlich Licht durch eine verschließbare Luke. Und da alle Jurten mit der Tür nach Süden ausgerichtet sind, können die Nomaden anhand der Schatten in ihrem Ger – der eigentlich richtigere Name für die mongolische Jurte – die Zeit ablesen. Der gesamte Ger ist mit Teppichen ausgelegt. In der Mitte steht der Herd, der – in unserem Fall – mit Ziegenbemmerln beheizt wird. Das Ofenrohr wird während der Kaltzeiten abgenommen. Links von der Tür ist der Waschtisch, rechts davon sind Drähte gespannt auf denen die Fleischvorräte in Streifen geschnitten trocknen.

Sexy Mini-Röcke sind auch in den einfachen Dörfern in der Mongolei bei dem Mädchen Tagesordnung
Picture by T. Micke

So sehr man sich als Tourist in der von Moskau geprägten Hauptstadt Ulan-Bator über den westlichen Stil der Stadt-Mongolen, das für Asien eher ungewohnte, selbstbewusste, figurbetonte und sehr sexy Auftreten der jungen Frauen und den trotz so weniger Autos chronisch chaotischen Verkehr wundern mag: Fünf Kilometer außerhalb der Stadt ist damit Schluss. Die Hauptstraße nach Süden zur chinesischen Grenzstadt Hohhot verwandelt sich schlagartig in eine breite Sandpiste mit freier Routenwahl mit oft halsbrecherischen Schlaglöchern. Hochhackige Import-Stöckelschuhe weichen den traditionellen schweren Lederstiefeln der Hirten (auch wenn nicht geritten, sondern mit dem Motorrad gefahren wird) und der schräge Mix aus Hochhäusern und Jurten-Siedlungen verschwindet wie eine Fata Morgana am flimmernden Horizont der Steppe. Hier blühen Wüstenlilien und kleine Orchideenarten. Alle paar Meter zischt eine Eidechse in ihr Loch und die Wüstenrennmäuse (Gerbils) kommen in der Dämmerung aus ihren Löchern.

Wildpferde in der mongolischen Steppe
Picture by T. Micke

Spätestens beim atemberaubenden Anblick wild laufender Pferdeherden verstummt jeder Besucher: Die Tiere mit ihren windgekämmten Mähnen strahlen so viel Kraft und Freiheit aus, dass man zu verstehen beginnt, warum auf jedem zweiten Dorfplatz kein Reiter- sondern ein schlichtes Pferdedenkmal mit einem heiligen blauen Schal um den Hals steht.

Beinahe wäre dem Reitervolk Nummer 1 ja sein einzigartiges Nationaltier, das kleine, stämmige "Takhi" – bei uns als Przewalski-Pferd bekannt – abhanden gekommen: Die Tiere wurden durch freilaufende Hauspferdarten zu stark zurückgedrängt. Nur engagierten Tierschützern wie Helmut Pechlaner vom Wiener Tiergarten Schönbrunn ist zu verdanken, dass die fast ausgerottete Pferderasse aus den letzten Exemplaren in europäischen Zoos wieder aufgepäppelt werden konnte und heutzutage wieder in den Steppen der Mongolei zu finden ist.

Ohrenschmaus: Traditionelle mongolische Pferdekopf-Geige
Picture by T. Micke

Wer Anfang Juli zum Naadam-Fest in Ulan-Bator einen Mongolei-Urlaub plant, wo man zwischen Ringkämpfern, Bogenschützen und Kunstreitern einen Eindruck der großen Tradition der ehemaligen Weltmacht bekommt, sollte ein paar Tage in der Wüste mit unvergesslich strahlenden Sternenhimmeln und paradiesisch unberührter Wildnis unbedingt einplanen. Allerdings nur wenn man essensmäßig genug Vorräte von daheim mitgenommen hat oder sehr anpassungsfähig ist, denn bei uns bekannte Pseudospeisen wie der Mongolentopf oder mongolische Grillteller existieren in der Mongolei überhaupt nicht und sind Erfindungen von ausgewanderten Chinesen, die sich von den inflationären China-Restaurants hierzulande abheben wollen. Fettes Schafsfleisch ist unverzichtbarer Bestandteil jedes echten mongolischen Essens. Dazu gibt es jede Menge gefüllte Knödel und Klöße, gefüllt mit - erraten - Schafsfleisch, wie es sich für ein Nomadenvolk, das sich traditionell von Milch und Fleisch ernährte, gehört.

Leichenschmaus: Wenn das Essen mitten in der Wüste ausgeht, muss man erfinderisch sein...
Picture by T. Micke

Natürlich bekommt man allerdings in der Hauptstadt Ulan Bator essensmäßig alles, was das westliche Herz begehrt. Wer genug Exotik gefuttert hat, dem sei eine der Gasthaus-Brauereien sehr zu empfehlen, die unter dem Namen Khan-Bräu oder Dschingis-Bräu nicht nur viele Gäste mit naturtrübem Gersten- und Weizensaft und europäisch-deftigen Speisen anlocken.

Experimentierfreudigen sehr zu empfehlen: ein Besuch in der Jurte einer Nomadenfamilie. Ein Schluck vergorene Pferdestutenmilch oder der traditionelle Milchtee mit Salz und dezentem Hammelaroma zur Begrüßung sind große kulinarische Abenteuer, die einfache, aber herzliche Gastfreundschaft eine unvergessliche Erinnerung.


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© Eine Reportage von T. Micke (05-06-05) – Kontakt