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Mondsüchtig

Nicht US-Präsident George Bush ist der Vater der neuen Mond-Eroberungspläne der Amerikaner, sondern ein Österreicher. Dr. Klaus Heiss brachte schon 1971 den Spaceshuttle auf Kurs



Auftanken einer Mondrakete auf dem Mond im 21. Jahrhundert
Picture by NASA

Es war wie verhext: Erst explodiert ein Shuttle. Amerikas Astronauten sind in der Folge abhängig von russischen Raketen. Danach hat die immens teure Raumstation ein Leck, und Weltraum-Emporkömmling Europa liefert ein Wettrennen zum Mars. Und schließlich fliegen auch noch die Chinesen ins All: Das muss ja den größten US-Patrioten auf die Palme bringen. Außerdem wird das Pentagon nervös: Chinesen im Orbit? Und dann womöglich bald auf dem Mond? Der war doch bis jetzt rein amerikanisches Territorium...

Genug der kosmischen Demütigungen! Der Präsident der Vereinigten Staaten höchstpersönlich zündete vor einer Woche die Nachrichten-Bombe vor Zeitungen und Fernsehen: "Es ist Zeit für Amerika, den nächsten Schritt zu machen. Spätestens 2020 werden wir mit einer bemannten Mission zum Mond zurückkehren!"

US-Präsident Ronald Reagan mit Österreichs Weltraum-Experten Dr. Klaus Heiss
Picture by Klaus Heiss

Eine Bombe in Astro-Kreisen, deren Lunte schon seit April 2003 brennt und die ein anderer angezündet hat: der Tiroler Ökonom und Raumfahrtexperte Dr. Klaus Heiss. Der Österreicher war schon 1971 von der NASA gebeten worden, Bau und wirtschaftlichen Einsatz von fünf Spaceshuttles durchzurechnen. Eine Studie mit Antworten auf die Fragen: Wie teuer wirds? Was können wir mit den Shuttles wirklich alles anfangen? Und: Wie lange werden sie funktionieren?

Mondmann Buzz Aldrin mit Österreichs Weltraumvordenker Dr. Klaus Heiss
Picture by Klaus Heiss

Seit damals genießt der in Washington lebende 62-jährige Österreicher als Experte in Weltraumfragen hohes Ansehen im Weißen Haus. Zu Ronald Reagans Zeiten ging er dort ein und aus und bekam auch jetzt Gehör, als er zwei Monate nach der Explosion der Raumfähre Columbia im Februar 2003 ein recht scharf formuliertes Memorandum an Vizepräsident Dick Cheney schrieb, weil man wegen des Unglücks einen Rückzieher machen und die NASA-Zukunft in risikofreier, unbemannter Roboter-Raumfahrt "versumpfen" lassen wollte. Dr. Heiss wetterte im Memorandum: "Bei der NASA scheint man vergessen zu haben, dass ihr Sinn in der bemannten Raumfahrt liegt..."

Entwurf eines aufblasbaren Mond-Habitats der NASA für mehrere Astronauten
Picture by NASA

In mehr als 30 Seiten zog Heiss über Irrwege, Geldverschwendung und Bürokratien der US-Raumfahrt-Behörde in den letzten Jahren her und zeigte schließlich ein Konzept auf, das nicht nur das Weltraum-Programm der USA wieder auf Kurs bringen würde, sondern auch wirtschaftlich sehr nützlich sein könne. Der Kern des Schreibens: Auf zum Mond! Eine dauerhaft bemannte Mondstation als Basis für Missionen zum Mars und als Forschungsaußenposten für Wissenschafter, die von dort aus Sterne viel besser beobachten können. Ideen, die man eigentlich schon in den 70er Jahren aufgegriffen, aber wieder verworfen hatte.

Dr. Heiss im Interview: "Cheney hat das Papier damals von seinen Leuten überprüfen lassen und mich informiert, dass er es der NASA weitergeben wird: ,Dear Klaus, vielleicht ist da was dran...' Die NASA hat mich dann gebeten, meine Vorschläge mit einem Team im Detail auszuarbeiten. Im Dezember lag die Sache schließlich dem Präsidenten vor."

Entwurf einer Orbital-Rakete, die die Entfernung von einer Weltraumstation zum Mond bewältigen soll
Picture by NASA

Während Kritiker Bushs zwanzigminütige "Captain-Kirk-Rede" zur Erforschung des Sonnensystems und "ferner Welten" in die Ecke billiger Wahlkampf-Gag stellen, weil auch die veranschlagten Dollar-Milliarden dafür nie und nimmer zu reichen scheinen, sehen das Weltraumexperten ein wenig anders.

Dr. Klaus Pseiner, Chef der österreichischen Weltraumagentur ASA: "Die USA waren zu diesem Schritt gezwungen. Erstens sind die Spaceshuttles und die internationale Raumstation, die zwei Drittel der NASA-Gelder verschlingen, an ihre Grenzen gelangt. Zweitens gibt es ein vertrauliches Papier des US-Verteidigungsministeriums, wonach Amerika den Raum zwischen Erde und Mond beherrschen will."

So könnte ein überdachtes Glashaus am Nordpol des Mondes aussehen
Picture by NASA

Und dafür gibt es nicht nur militärische Gründe, wie Klaus Heiss erklärt: "Wenn man einmal eine fixe Basis auf dem Mond errichtet hat, die sich nahezu unabhängig von der Erde selbst versorgt, dann kann man dort auch dauerhaft bewohnte Forschungslabors errichten. Außerdem Radioteleskope und andere Messinstrumente, mit denen man viel genauer und viel weiter in den Weltraum schauen kann, denn der Mond kennt weder schlechtes Wetter noch eine für diese Zwecke störende Atmosphäre wie die Erde. Da der Mond sich in Bezug auf unseren Planeten nicht dreht, kann man auch das Ozonloch und das Erdmagnetfeld ohne Unterbrechungen erforschen und auch die Sonne und ihre Strahlenwinde sind besser und leichter zu beobachten. Außerdem müssen Teleskope, die auf dem Mond stehen, im Gegensatz etwa zum Hubble-Satellitenteleskop nicht mit teurem Treibstoff andauernd in Position gehalten werden."

Entwurf eines Weltraum-Sonnenkraftwerks mit Solar-Segeln nach Physik-Professor David Criswell in Houston
Picture by David Criswell

Dr. Heiss: "Und wenn man ganz langfristig denkt: Auf dem Mond ist so viel Energie zu gewinnen, dass wir vielleicht irgendwann einmal die Erde damit versorgen können. Die Sonne wirkt dort oben um ein Vielfaches stärker, und es gibt bereits das Konzept von Dr. David Criswell, Uni-Professor für industrielle Physik in Houston, für ein Weltraum-Sonnenkraftwerk, das 10 Gigawatt Strom erzeugen und zur Erde liefern soll. Auf dem Mond gibt es außerdem große Mengen eines besonderen sandartigen Materials namens Regolith, das man wegen seines hohen Gehalts an Wasserstoff und Helium direkt dort oben für eine saubere Kernfusion verwenden könnte." Bis dahin ist es allerdings noch ein sehr langer und sehr teurer Weg, den man auch gerne gemeinsam mit Russen und Europäern gehen will, um Kosten zu sparen.

Vision: Abbau von Regolith in einem Mond-Bergwerk
Picture by NASA

Dr. Heiss: "Was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wichtig ist, ist herauszufinden, ob der Mensch im Weltraum dauerhaft mit der gefährlichen Strahlung und der Schwerelosigkeit, die seinem Körper zusetzt, fertig werden kann, und was er dafür von der Erde braucht. Selbst Wasser wird in gefrorener Form nicht nur auf dem Mars vermutet, sondern auch in manchen Kratern an den Polen unseres Mondes. Wir müssen Wege finden, die Energiereserven auf dem Mond anzuzapfen und in Treibstoff und Sauerstoff für unsere Raumfähren umzuwandeln. Wenn das gelingt, dann ist auch eine bemannte Reise zum Mars in greifbarer Nähe."

Hier soll dann das Konzept der so genannten Bio-Sphären ins Spiel kommen, die schon seit Jahren etwa in der Wüste Arizonas in Riesenglashäusern mit mäßigem Erfolg getestet werden: Kann der Mensch ein funktionierendes, künstliches Ökosystem schaffen? Ein Biokraftwerk mit Tausenden Pflanzen und Tieren, das ihn in einer feindlichen Umgebung wie Mond oder Mars mit allem Lebensnotwendigem versorgt?

Mondroutine in den 70ern:
Picture by NASA

Trotz aller Visionen und völkerverbindender Menschheitsträume muss man jedenfalls davon ausgehen, dass es um die erste bemannte Mondmission im 21. Jahrhundert ein ähnliches Prestige-Duell geben wird wie einst zwischen Russen und Amerikanern. Weltmacht-Anwärter China steht wild entschlossen mit weiterentwickelter russischer Technologie in den Startlöchern und hat Mondflüge bereits angekündigt. Und böse Zungen behaupten, die Amerikaner müssten dieses Rennen unbedingt gewinnen, weil ja die Mondlandungen der 60er und 70er Jahre angeblich bloß Hollywood-Shows aus Regisseur Stanley Kubriks Feder gewesen wären. Man müsse noch schnell vor den anderen eine alte US-Flagge und ein verstaubtes Mondmobil hinaufbringen, um die politischen Flunkereien des Kalten Kriegs zu decken...

Wer nach den Sternen greift, muss eben auch mit Spott und schlechten Scherzen zurechtkommen. So meinte ein Beobachter auf die Frage, warum die USA auf einmal so mondsüchtig geworden seien: "Keine Ahnung. Vielleicht, weil sie Osama bin Laden nicht finden können und nun dafür das Symbol des Islam in Besitz nehmen wollen: den Mond."


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© Eine Reportage von Tobias Micke und Hans Janitschek (25-01-04) – Kontakt